Zuerst das Positive: Roland Reichenbachs Sammlung von Aufsätzen zu ethischen Themen rund um die Erziehung bietet einige gute Anregungen. Besonders gut gefallen hat mir der Aufsatz zur "Erziehung der Gefühle", weil er - auch aufgrund der Zusammenarbeit mit Bruce Maxwell - wissenschaftlich fundiert ist und ein paar wichtige Botschaften vermittelt, die leider zu selten anklingen.Nach diesem für mich guten Einstieg, las ich mehrere Kapitel, die meinen Ansprüchen aber nicht gerecht wurden. Besonders der Aufsatz "Haben oder Sein? Tugend und Kompetenz" ist mir so aufgestoßen, dass ich mich genötigt fühlte, diese Rezension zu verfassen. Die Polemik, die Reichenbach hier an den Tag legt, durchzieht das Buch, und ist kein Einzelfall. Obwohl ich durchaus ein Freund der Polemik bin, ist sie hier unangebracht. Ohne sich fundiert mit dem Konzept der Kompetenz oder dem Ruf nach Soft Skills auseinanderzusetzen, verwirft er beide Konzepte pauschal mit Angriffen, die eher von Desinteresse, Unwissenheit, und Arroganz zeugen, denn von einer kritischen Auseinandersetzung. Wer nahelegt, dass die Messung von Kompetenzen behaviouristisch ist (S. 172) - nur weil die Handlungsfähigkeit von Personen in der Praxis überprüft wird - hat weder verstanden, was mit Behaviourismus gemeint ist, noch eine Ahnung davon, wie Kompetenzen in der Tat sachkundig überprüft werden können (z.B. mit OSCEs). Besonders ärgerlich fand ich, wie Soft Skills als "inkarnierte Weiblich- und Mütterlichkeit" abgewatscht werden und als unwichtig, und lächerlich dargestellt werden (S. 175). Das ist nicht nur sexistisch, sondern auch vollkommen unangebracht. Entgegen der lapidaren Darstellung Reichenbachs, haben sich etliche soziale und emotionale Kompetenzen tatsächlich als wichtig für beruflichen und sozialen Erfolg erwiesen. Es handelt sich dabei durchaus um messbare und trainierbare Konstrukte, z.B. bei der Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu erkennen und zu regulieren, oder der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen (Empathie). Ich hätte mich über eine kritische Auseinandersetzung mit den Konzepten der Kompetenz und gerade der sozialen und emotionalen Kompetenzen gefreut. Aber was Reichenbach sich hier leistet ist nicht viel besser als Stammtischgelaber.Sicherlich sind einige der Essays in dem Buch gut und interessant. Es gibt leider aber auch einiges, was das Peer Review einer wissenschaftlichen Zeitschrift nicht überlebt hätte. Was mich an dem Buch am meisten enttäuscht hat ist allerdings, dass es überhaupt nicht dem entsprochen hat, was ich erwartet habe. Von einem utb-Taschenbuch zum Grundstudium Erziehungswissenschaft habe ich mir eine grundständige Aufarbeitung der wichtigsten Theorien versprochen. Auch die Leitfragen der Kurzbeschreibung des Buches gaben Anlass, zu erwarten, dass solche Fragen wie "Wie unterscheiden sich Tugenden von Kompetenzen?" fachkundig erörtert werden. In der Einleitung des Buches bekommt man dann aber zu hören, dass es sich bei dem Buch um eine "Sammlung von Essays" handelt, die "nicht auf Wahrheit und Geltung pochen, sondern vielmehr Ausdruck von Denkanstößen darstellen, die hier und dort erfahren worden sind" (S. 16). Wären solche Essays bei der Beschreibung des Buches angekündigt worden, hätte ich es mir vielleicht trotzdem gekauft, aber die Enttäuschung wäre sicherlich geringer ausgefallen.Allerdings frage ich mich nach wie vor, worin der Wert der Essays für das bildungswissenschaftliche Studium liegen soll. Ziel eines Studiums kann es ja kaum sein, dass man Erziehungswissenschaftler heranzieht, die es für akzeptabel halten, polemisch über mißliebige Theorien herzuziehen, ohne dass sie dazu in der Lage wären, die entsprechenden Konzepte einer gründlichen Kritik zu unterziehen, was ihre theoretische und empirische Fundierung angeht.Reichenbach selbst ist der Meinung, dass man einen Konsens in ethischer Hinsicht vergebens sucht, am Ende die Mehrheit darüber bestimmt, was gut und richtig ist, und dass man vor allem die Fähigkeit ausbilden sollte, Dissens auszuhalten (S. 28). Da ist es nur konsequent, dass er keinen Wahrheitsanspruch an seine Arbeit heranträgt. Was Reichenbach leider übersieht, ist, dass es durchaus so etwas wie einen rationalen ethischen Konsens gibt: Wer sich selbst und andere ernst nimmt, wird zugestehen, dass Mord schlecht ist, und dass die Wissenschaft Wissen hervorbringen soll, das gewissen Mindeststandards genügen sollte. Dass es immer Mörder und Lügner geben wird, stellt nicht infrage, dass wir alle gute Gründe haben, Mord und Betrug für schlecht zu befinden. Dass es sich in der Politik oft so verhält, dass intolerante Mehrheiten die Freiheit von Minderheiten ohne Not einschränken, ist eine traurige Wahrheit. Es ist jedoch zynisch, davon abzuleiten, dass solche Werte wie die allgemeinen Menschenrechte nicht konsensfähig sind. Gerade Intellektuelle wie Reichenbach sollten wissen, dass Freiheits- und Menschenrechte eben aufgrund des allgemeinen Dissens darüber, was ein gutes Leben ausmacht, konsensfähig sind: Wenn wir uns nicht darüber einigen können, was der beste Sport ist, können wir uns immer noch darauf einigen, dass jede*r für sich selbst entscheiden sollte (solange man sich nicht gegenseitig schadet, etc.). Insofern, und das ist mein letzter Punkt, muss ich Reichenbach schon in Hinblick auf eine seiner beiden leitenden Prämissen des Buches grundsätzlich widersprechen: Man kann sich in ethisch bedeutsamen Fragen einigen, und das gilt insbesondere für wichtige Standards der pädagogischen Praxis (z.B., dass Gewalt darin keinen Platz hat).