1. Zuerst, 2016, dachte Albrecht Schöne beim Schreiben seiner Erinnerungen nur an seine Enkel. Als 2019 der Wallstein Verlag anbot, die zukünftige Autobiografie zu drucken, begann er auch an uns zu denken, seine Leser seit Jahrzehnten. Ich will sein erlebtes und erzähltes Leben hier nicht abgekürzt und in blassen Sätzen nacherzählen (nur die eine oder andere Episode herausheben), sondern ein paar eigene Erinnerungen aufschreiben, unvergessliche Reminiszenzen an einige seiner Bücher, die ohne Zweifel auch in den nächsten Jahrzehnten noch gelesen werden.2. In einem seiner Meisterwerke, „Der Briefschreiber Goethe“, veröffentlichte Albrecht Schöne neun Goethebriefe, die er nach allen Regeln editorischer, philologischer und interpretatorischer Kunst mit klugen und einfühlsamen Kommentaren erläuterte, sodass etwas Neues entsteht und dem Leser ein Licht aufgeht (s. dazu auch S. 239-240). So geistesverwandt war Schönes Interpretation mit Goethes Denken, dass nur Goethes eigene Worte angemessen schienen, Schönes Briefschreiber-Buch zu rezensieren – was auf der entsprechenden Amazon Seite (siehe dort) unter der Überschrift „Wenn J.W. v. Goethe dieses Buch rezensieren könnte, dann vielleicht so ...“ auch geschehen ist.3. Die Attitüde „So tun als ob Goethe die Rezension geschrieben hätte“ ist Schöne nicht fremd. Schon 1961, in dem Aufsatz „Zum Gebrauch des Konjunktivs bei Robert Musil“, weist er neben dem Wirklichkeitssinn dem Möglichkeitssinn einen gleichwertigen Platz zu. Der Konjunktiv beschreibt Möglichkeiten, während sich der Indikativ mit dem Sosein der Wirklichkeit schon abgefunden hat. Damit wird der Konjunktiv Ausdruck der Lust an Variationen, an möglichen Versuchsanordnungen, Experimenten und Entwürfen. Der Konjunktiv sei ein „Modus der Verheißung“, denn alles „könnte auch anders sein“. Es versteht sich, dass gerade der literarische Schaffensprozess als „fortgesetztes Entwerfen, Versuchen, Verabschieden, Zurückstellen und Erproben von Möglichkeiten“ das Revier des Konjunktivs ist. Schöne hat diese Idee dann in einem genialischen kleinen Buch „Aufklärung aus dem Geist der Experimentalphysik: Lichtenbergsche Konjunktive“ ausgeführt, worin sich poetische und physikalische Gedankenexperimente als zweieiige Zwillinge wiedertreffen (siehe dazu S. 229-30).4. Nicht weniger glänzend und „zum Entzücken frappant“ (Adolf Muschg) ist Schönes Buch über Goethes Farbentheologie. Bekanntlich war für Goethe das Sonnenlicht ein unteilbares Fundamentalphänomen, dem man mit Prismen, Mikroskopen, Ferngläsern und anderen Instrumenten aus Newtons „empirisch-mechanisch-dogmatischer Marterkammer“ keinen Mehrwert an Erkenntnis abgewinnen könne. Nötig sei allein die Sehfähigkeit des Menschen: „Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient, ist der größte und genaueste Apparat, den es geben kann.“ Schöne sieht nun in Goethes im Pietismus wurzelnden Glauben eine Farbentheologie, in dem Licht als „Grund“ aller Farben eine metaphysische Bedeutung hat. Als Verbeugung vor dem großen Dichter nimmt Schöne diese Möglichkeit ernst, muss aber gestehen, dass er an Stelle der Farbenlehre mit seinen polemischen Ausfällen und der insgesamt doch naiven Arroganz, Newton widerlegt zu haben, es lieber gesehen hätte, wenn Goethe seine Zeit damit verbracht hätte, noch einmal so etwas wie die „Iphigenie“ zu schreiben.5. Albrecht Schöne ist mehrmals öffentlich geehrt worden, z.B. mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern 1987 und dem Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste 1991. Kurios scheint mir die Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises 1983. Er wird für literarische Kritik und Essay vergeben. Kritik und Essay – war das je Albrecht Schönes Hauptgeschäft? Obwohl sich Adolf Muschg in seiner Laudatio anstrengt, den armen und letztlich erfolglosen, durch Suizid geendeten Goethe-Freund Merck für Schönes Werk relevant zu machen, deutet Schöne in seiner Dankrede an, dass Preis und Preisträger nicht recht zusammenpassten: „Ginge es mit rechten Dingen zu, hielte man sich nämlich an das, was hierzulande unter der literarischen Kritik und dem Essay verstanden wird, käme ich für eine solche Auszeichnung gar nicht in Frage.“ Seine Dankesrede ist entsprechend lustlos, fast mürrisch, als hätte er die Ehre lieber nicht annehmen sollen, weil sie ihn wie ein schlecht geschnittener Anzug geradezu körperlich zwickte. Ich meine, der passende Anzug wäre entweder der Georg-Büchner-Preis oder der Sigmund-Freud-Preis gewesen: „Ausgezeichnet werden Wissenschaftler, die in deutscher Sprache publizieren und durch einen herausragenden Sprachstil entscheidend zur Entwicklung des Sprachgebrauchs in ihrem Fachgebiet beitragen.” So findet denn auch der Merck-Preis keine Erwähnung in diesen Erinnerungen. Dagegen wird auf Seite 319 der mit 99 Flaschen ausgestattete Weinpreis für Literatur „schön und erfreulich“ genannt. Für die höchste Ehre, den Orden Pour le mérite, bedankt sich der stolze Autor mit bescheidenen Worten (S. 322-323).6. Für die germanistische Fach- und Nachwelt hat Schöne sich mit seiner Faust-Ausgabe (jetzt 9. Aufl. 2019) einen Ehrenplatz verschafft und ein Denkmal gesetzt (S. 230-235). Wer, wie ich, als Student mit Trunz seine Mühe hatte, kann bei dieser Ausgabe sprachlich wieder freier ausatmen. Ein Kuriosum: Als Erich Trunz Münster verlassen hatte, erbt der gerade zum „Außerordentlichen“ ernannte Albrecht Schöne dessen Dienstzimmer, seinen Schreibtisch und sein Telefon (S. 187). Seine längste und wirkungsvollste Zeit verbrachte er aber bis zu seiner Emeritierung an der „Georgia Augusta“ in Göttingen, als streitbarer Professor der vor-Bologna Zeit, im Hörsaal, am Schreibtisch und an öffentlichen Kathedern. Da gibt es dann weitreichende Bekenntnisse zum Geist der Universität zu lesen, neben Quisquilien über Kollegen ein bitteres Urteil über den „Herrn v. Oertzen“, damals Kultusminister in Hannover (S. 211-212). Äußerst lebendig sind auch die Erinnerungen an Künstler, Dichter (Paul Celan, S. 235-236 und ab S. 330) und Schriftsteller wie Günter Grass („Der Butt“, S. 227-228), sowie Kurzberichte über Studenten, z.B. Wolf Wondratschek („Früher begann der Tag mit einer Schießwunde“), der sich mit der Stegreif-Lüge „Die Ärzte geben mir noch ein Jahr“ in ein Oberseminar schmuggelte (S. 223). Weniger lustig geht es in den Kapiteln über den Krieg und über die Studentenrevolte zu. Und melancholisch stimmt das Zugeständnis, dass ein faszinierendes großes Forschungsvorhaben „Vom Biegen und Brechen“ nicht über den Entwurf und einige Skizzen hinausgekommen ist: „Dem damals angekündigten großen Arbeitsvorhaben war ich nicht mehr gewachsen." (S. 243)7. Goethe scheute die Begegnung mit dem Tod. Er erschien weder zu Schillers Beerdigung (siehe dazu S. 218-219 und das Buch „Schillers Schädel“), noch nahm er an der Beisetzung seiner Frau Christiane teil. Er ging mit einer Migräne ins Bett. Seine eigene Sterblichkeit wollte er nicht wahrhaben: „Den Tod statuiere ich nicht.“ Albrecht Schöne erwartet den Tod gelassener, nicht als drohendes Schrecknis. Als Träger des Ordens Pour le mérite durfte er sich schon ein Grab auf dem Ehrenfriedhof aussuchen, „nah an einem Teich, der im Sommer mit blühenden Seerosen überdeckt ist.“WR