Der berühmte Jakobsweg war es nicht, den Gerhard Henschel und Gerhard Kromschröder beschritten, sondern sie lustwandelten auf den Spuren der berühmten, disputablen Brüder Grimm. 300 km in vierzehn Tagen von Hanau nach Kassel. Während ihrer Wanderschaft werfen sie sich verbale Bälle zu und ein Bonmot löst das andere ab, auch über Menschen, die ihnen auf dem Weg begegnen. Der Leser wird zu einem Schmunzeln bis zu einem lauten Lacher animiert.Die beiden Wanderer tauchen in die Vergangenheit der Grimms ein und filtern Interessantes, Widersprüchliches und Dramatisches aus deren Leben heraus. Henschel hat eine unglaubliche Fleißarbeit geleistet. Er erzählt Geschichten über Orte und deren Bewohner, in denen die Grimms ihre jeweiligen Lebensabschnitte verbracht haben. Auch über die damals politische Situation, z.B. Befreiungskriege gegen Napoleon und Wiener Kongress 1814/15, Protest der "Göttinger Sieben" 1837, erste Deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848, über ihre berühmten gesammelten Märchen und ihre wissenschaftlichen Arbeiten. Heinrich Heine lobte Grimms "deutsche Grammatik". Kritiker setzten sich mit den Brüdern unter bösartiger Beäugung des jeweiligen kulturellen und politischen Zeitgeistes auseinander. Die Grimms waren einem Mobbing - so würde man es heute nennen - ausgesetzt und teilten aber auch selber kräftig aus.Religionsforscher, Märchenforscher, Germanisten, Soziologen, Psychoanalytiker... kannten keine Grenzen, die Märchen mit moralischem Impetus auseinanderzunehmen. Ein Literaturwissenschaftler behauptete, die Grimms seien "Betrüger und Fälscher", andere wiederum waren, wie Heinrich Heine, überzeugt, sie seien "Vordenker der Demokratie".Henschel und Kromschröder ist jeder Euphemismus fremd. Sie erwähnen daher auch die Judenfeindlichkeit der Brüder - das ist ein Fakt! Man liest und staunt, wie die Grimms polarisierten und bewundert wurden, und das bis heute!Gerhard Kromschröder hat mit Argusaugen alles im Griff. Seine Fotos zeigen unglaubliche und schrullige Szenen. Am falschen Ort platzierte und aus der Welt gefallene Gegenstände und Personen. Er erfasst Dinge, an denen wir sogar sehendes Auges blind vorbeiziehen. Verwirrende, lustige Straßenschilder. Häuser, deren Fenster wie Gesichter angeordnet sind. Geschäfte an absurden Standorten mit Auslagen, die in ein Schaufenster inmitten einer Fußgängerzonen gehören, aber nicht in dörfliche Verlassenheit.Aber auch Dinge, die man da, wo sie aufgestellt sind, nicht vermuten würde: In einem Dorf steht eine Frank Zappa-Bank. Hinter einem Gartenzaun statt Pflanzen ein hängendes, großes Auto ohne Räder. Und, ziemlich abgedreht, eine Antonov 2 aus Moskau auf einem offenen kleinen Firmengelände. Eine große Nymphe in einem kleinen, spießigen Garten. Ein Garagentor mit Südseezauber. Viele hübsche Blumenkästen, die, in Erker gepfercht, auf Balkonen ausgestellt, vergeblich gegen die farblose Tristesse der Hauswände ankämpfen. Kromschröders Fotolinse erfasst auch die Schönheit der Landschaft und ein Model unter den Schafen: auf weißem Fell ein schwarzer Kopf.Gerhard Henschel und Gerhard Kromschröder haben mich auf ihre Wanderung mitgenommen und mich dabei bestens unterhalten - mit Informationen in Wort und Bild. Und das ohne langweiligen Ernst, sondern stets mit augenzwinkernder Heiterkeit.Fazit: Ein vortrefflichlich gelungenes Buch!
Sie haben es wieder getan. Nach den Wanderungen durch die Lüneburger Heide (siehe literarisches Wandertagebuch "Landvermessung") und durchs Weserbergland bis zum Harz ("Laubengänge") hat das kongeniale Gespann Gerhard Kromschröder und Gerhard Henschel im heißen Sommer 2018 zum dritten Mal seine Wanderstiefel "Identity" (Henschel) und "Banks II GTX" (Kromschröder) geschnürt. Von der gut zwei Wochen währenden Tour auf den Spuren der Brüder Grimm in Hessen berichtet das mit 224 Seiten in gleicher solider Ausstattung erschienene opulente Lese- und Fotobuch ebenso tiefschürfend wie unterhaltsam. Die Tour beginnt in Hanau, dem Geburtsort der Brüder, und führt über Marburg, dem Studienort der Beiden, bis nach Kassel, wo sie auf das Gymnasium gingen und fast 30 Jahre lebten.Jeder der beiden Wanderer spürt den berühmten Brüdern auf seine Weise nach: Henschel als belesener und recherchebesessener Literat (das Literaturverzeichnis umfasst sage und schreibe 350 Fundstellen und dürfte auch anspruchsvolle Fachleute zufrieden stellen) und Kromschröder mit dem geübten Auge des lebenslangen Journalisten und Fotografen.Die Beiden beobachten mit Neugier, was ihnen im gemächlichen Wandertempo am Wegesrand, zwischen Vogelsberg und halb vertrocknetem Maisfeld, in den Dörfern und Städten begegnet, kommen mit vielen Einheimischen spontan ins Gespräch und gehen den Geschichten hinter den Geschichten hartnäckig nach. Dabei nähern sie sich den Menschen neugierig, aber behutsam und mit Respekt, niemand wird überrumpelt. Henschel gibt tiefe Einblicke in die äußerst widersprüchliche Rezeption der Grimmschen Märchen, recherchiert im Firmenmuseum seines Namensvetters, berichtet von den Strapazen der Wanderung, seiner Höhenangst und geht an vielen Orten ebenso hartnäckig wie unterhaltsam auf historische Spurensuche.Kromschröder gewinnt spontan das Vertrauen der Menschen, die bereitwillig für ein Foto posieren. Seine Kameralinse nimmt Personen, Naturschönheiten, alte Fachwerkhäuser und allerlei Skurriles am Wegesrand ebenso frontal ins Visier wie Buddha-geschmückte Schottervorgärten und blinde Hausfassaden. Aber er urteilt nicht, sondern überlässt das den Leserinnen und Lesern. Besonders gelungen sind die witzigen großformatigen und bezugreichen Gegenüberstellungen (wie die bunten Mülltonnen, die im gleichen Schwarz-Rot-Gold geschmückt sind wie das gegenüber abgedruckte Schilderhäuschen des Schloß Waldeck) oder der Würztip (Ortsschild "Salz") und der Menüvorschlag (Ortsschild "Linsengericht"). Hier blitzt bei aller Ernsthaftigkeit des Buchs die satirische Ader der Beiden durch. Dem Buch ist die Mischung richtig gut bekommen.Ach, wer da mitwandern könnte!