Karl Valentin war schon ein seltsamer Kauz. Sein Humor balancierte irgendwo zwischen Absurdität, Melancholie und Bauernschläue, er nimmt sowohl Obrigkeiten als auch die "kleinen Leute" auf die Schippe und sein Wortwitz ist teilweise sprichwörtlich geworden. Valentin lag auch nichts ferner als ein weiß-blauer Bierzelthumor. Seine Stücke haben fast nie ein Happy End, sondern enden mal tragisch, mal im Chaos, mal sind sie geradezu destruktiv (oder gleich alles zusammen wie in der göttlichen "Erbschaft", die leider zu visuell ist, als dass sie auf der CD zu finden wäre). Karl Valentin war kein einfacher Mensch, er war Hypochonder und psychisch labil, dabei aber auch sich selbst überschätzend und in gewisser Weise egoistisch. Nach den Erfolgen in den späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren wurde es still um ihn, seine Ersparnisse hatte er in einer Fehlinvestition verloren und nach dem Krieg war sein Humor nicht mehr gefragt. Er starb bereits 1948 an einer Lungenentzündung, die er sich in einem ungeheizten Theater geholt hatte, als man ihn irrtümlich nachts dort eingesperrt hatte. Wiederentdeckt wurde Valentins Humor erst in den Sechzigern, dann aber nachhaltig und sein Einfluss reicht heute von Loriot bis Helge Schneider.Die Audio-Kollektion versammelt die wichtigsten erhaltenen Tondokumente und zwar aus allen Schaffensperioden, von den frühen Zwanzigern bis hin zur Nachkriegsproduktion "Es dreht sich um Karl Valentin", die aufgrund der pessimistischen Grundstimmung bereits nach fünf Folgen eingestellt wurde. Es war Valentins letzte Rundfunkarbeit. Der Schwerpunkt der Sammlung liegt in den frühen Dreißigerjahren und in den Stücken, die Valentin zusammen mit Liesl Karlstadt produziert hat. Es sind eigentlich alle bekannten Szenen aufgenommen, vom Buchbinder Wanninger bis zur Orchesterprobe, längere Sketche wie z. B. "Der Firmling" oder auch der "Schallplattenladen" werden teilweise stark gekürzt gebracht.Ich bin der Meinung, dass Karl Valentins Geschichten heute in Teilen nicht mehr ganz so gut "funktionieren", weil er durchaus erzählerische Schwächen bei Einleitungen und Schlüssen hat, die manchmal etwas hölzern und abrupt wirken. In seinen besten Szenen begeistert er jedoch auch heute noch und gerade sein Sprachwitz, den er lapidar und wie selbstverständlich zelebriert, wird wohl niemals unmodern werden. Nicht umsonst zählen viele hochkarätige Kabarettisten und Komiker Karl Valentin zu ihren Vorbildern. In jedem Fall liefert diese Sammlung eine sehr umfangreiche und vor allem repräsentative Übersicht über sein Gesamtwerk, das zu entdecken sich immer lohnt.Sehr interessant sind auch die beiden Features über Valentin und Karlstadt, die auch das komplizierte private Verhältnis der beiden Künstler thematisieren. Es ist die klassische Konstellation zwischen verheiratetem Familienvater und heimlicher Geliebter, die sich Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft macht. Liesl Karlstadt wäre daran fast zerbrochen.Das ausführliche Booklet erklärt zu jedem Stück die Entstehung, nennt auch inhaltlich abweichende Varianten, und wie es im Werk Valentins einzuordnen ist. Ich muss noch erwähnen, dass nicht alle Stücke mit Liesl Karlstadt als Partnerin produziert wurden, da sich das Duo Mitte der Dreißiger getrennt hatte. In diesen Sequenzen fehlen daher leider Karlstadts spielerische Leichtigkeit und Intuition. Auch das hatte Valentin viel zu spät realisiert...
Volker M hat vom Inhalt her alles bereits prima erklärt. Mir fehlt auch einiges. Dabei hätten in der Schachtel noch mehrere CDs Platz gehabt.Ich weiß auch nicht, ob es wirklich sinnvoll ist, zwischen manchen Szenen kurze Einwürfe anderer Szenen einzublenden. Und kürzen hätte man auch nicht so viel brauchen, wenn man schon so eine Dicke Schachtel verwendet.Die technische Seite der Remasterung hat auch ihre Schwächen: Zwar ist fast alles ziemlich gut entrauscht und entknistert. Aber dann wurde nicht in Mono, (wie die Stücke ja schließlich im Original sind) aufgenommen, sondern in Stereo. Das hat zur Folge, dass die Sprache immer schön aus der Mitte kommt, gelegentliche Störgeräusche aber von links und rechts. Auch hätte jemand merken können, dass einige Aufnahmen hörbar zu schnell laufen. Auch das wäre mit heutiger Technik leicht zu beheben.Ansonsten ist es wirklich schön dass es diese Zusammenstellung gibt. Aber es hätte eben noch einer liebevollen Nachbearbeitung bedurft.