Eines der ersten Bücher, die ich je gelesen habe, war ein Kinderbuch über Alexander von Humboldt. Seit damals hat meine Faszination für diesen Mann niemals nachgelassen und ich würde sogar sagen, dass er mich beeinflusst hat, wie kaum jemand sonst.Es gibt eine ganze Reihe von Biografien über ihn, einige sind gut, andere weniger. Allen gemeinsam ist, dass sie Alexanders interdisziplinären Ansatz betonen, seine unübertroffene Fähigkeit zum Knüpfen von Beziehungen und sein sehr modernes, vernetztes Denken. Manche gehen detailliert in die Tiefe, wie z. B. die ausgezeichnete Biografie von Hanno Beck, die immer noch Maßstäbe setzt, andere darf man eher kritisch sehen, wie Helmut de Terras Versuch einer Annäherung. Dann gibt es auch noch anschaulich geschriebene, an die breite Öffentlichkeit gerichtete Biografien, wie die kürzlich erschienene, auch sehr lesenswerte von Andrea Wulf.Frank Holls biografisches Portrait steht in Konkurrenz zur bereits existierenden Biografie-Literatur, besitzt aber ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber allen anderen Ausgaben, das ich ganz an den Anfang stellen möchte: Die illustratorische Ausstattung ist unglaublich detailliert und umfangreich, exzellent recherchiert und aussagekräftig. Aus Humboldts Privatbesitz ist durch unglückliche Umstände nur wenig erhalten geblieben (ein Brand z. B. hat seine gesamte Bibliothek schon im 19. Jahrhundert vernichtet), aber Frank Holl hat mit viel Sachkunde anschauliche Vergleichsobjekte aufgestöbert. Grafiken und Gemälde aus der Zeit Humboldts, die Landschaften, Lebensumstände, längst ausgestorbenen Tätigkeiten und Technologien zeigen, illustrieren Humboldts rastloses Leben. Ein Bild sagt eben mehr als tausend Worte, obwohl gerade Humboldt ein Meister des geschriebenen Wortes war. Seine literarischen Naturschilderungen gehören bis heute zum authentischsten, was es in deutscher Sprache gibt und sie vermitteln die ansteckende Begeisterung, für die Humboldt bekannt war. Die Ausschnitte aus dem amerikanischen Reisewerk und den Tagebüchern sind darüber hinaus auch noch hochspannend geschrieben.Frank Holl lässt in seiner Biografie Humboldt (und seine Zeitgenossen) häufig persönlich zu Wort kommen und verbindet die Originalzitate mit konzentrierter Hintergrundinformation. Holl spekuliert nicht und er neigt auch nicht zur Überinterpretation. Vielmehr sprechen die Zitate oft für sich und er überlässt manchmal die Schlussfolgerungen über die Persönlichkeit Humboldts auch nur dem Leser. Das hat Vor- und Nachteile, denn Humboldt hat seine Gefühlswelt meistens nicht nach außen getragen. Man kommt in diesem Punkt um Interpretation nicht herum, was Frank Holl allerdings vermeidet. Er ist, ähnlich wie Humboldt, ein Kopfmensch, der sich an den Fakten und Sachthemen orientiert, hier allerdings ein sehr präzises, umfassendes und anschauliches Bild vermittelt. Aber der Leser hat genug Möglichkeiten, zu eigenen Schlüssen zu kommen und sei es, indem er Humboldts kleine, immer leicht ansteigende, fast davonlaufende Handschrift betrachtet. Sie wirkt immer in Eile und das ist wohl auch Humboldts hervorstechendste Eigenschaft gewesen: Trotz seines langen, extrem aktiven Lebens war ihm die verfügbare Zeit nie genug.Holl hat einige Quellen aufgetan, die ich auch noch nicht kannte und die mein persönliches Bild von Humboldt weiter komplettiert haben, aber insgesamt bietet die Biografie eher wenig Neues. Es ist die am besten illustrierte Humboldt-Biografie geworden, die ich kenne und aus meiner Sicht besonders für Einsteiger in das Thema ausgezeichnet geeignet, da sie die Vielseitigkeit, Modernität und Weitsicht dieses Jahrhundertmenschen genauso beleuchtet, wie sie eine Vorstellung von der Person Humboldts erlaubt. Wer noch kein Humboldtianer ist, wird anschließend sicher einer sein.
Bei der Leipziger Buchmesse 2018 hatte ich das Glück, den Autor bei der Vorstellung des Buches kennenzulernen. Zu meiner großen Freude konnte ich das Buch gleich erwerben und mir vom Autor signieren lassen.Jedes einzelne Kapitel war interessant und machte gleich Lust auf das nächste Kapitel. Ich musste mich wirklich zwingen, das Buch nicht an einem Stück zu lesen. So habe ich abends immer nur ein Kapitel gelesen und konnte mich so auf den nächsten Abend freuen.Das Buch ist nicht nur gut geschrieben, wunderschön sind die vielen Bilder und Ilustrationen und die Originaltöne aus den Büchern A.v.H`s.Ein wirklicher Genuss, dieses Buch zu lesen, darin zu schmökern und es einfach nur "besitzen" zu dürfen.