Zwischen 1796 und 1788 bereiste Karl Philipp Moritz Italien, wobei er die meiste Zeit in Rom verbrachte. In drei Teilen wurden seine Reisebeschreibungen, die in Briefform gehalten sind, 1792/3 in Deutschland veröffentlicht. Diese Ausgabe der Anderen Bibliothek folgt in Rechtschreibung und Diktion dieser Erstausgabe. Liebe Vor-Rezensenten, die Ihr die vielen Druckfehler beklagt: Das sind keine, so war im ausgehenden achtzehnten Jahrhundert die Rechtschreibung! Und gerade sie macht einen der Reize dieser Ausgabe aus. Denn sie stehen in hartem Kontrast zu den Fotografien, die die von Moritz beschriebenen Orte in der Gegenwart zeigen. So wie auch in Rom Altes und Neues ständig aufeinander trifft, sich aneinander reibt - so ist es hier mit Text und Bild! Eine großartige Idee der Herausgeber.Für alle, die schon einmal in der ewigen Stadt waren und alle, die es noch dahin zieht, lohnt sich die Lektüre. In vielen Punkten ist Moritz ein erstaunlich moderner Schriftsteller, der mich an Walter Benjamin erinnert. Beide fangen in kurzen Prosastücken Momente einer Stadt ein: Als Einstiegsstück empfehle ich "Römische Justiz" ab S. 549. Durch den Text spürt der Leser die vorrevolutionäre Stimmung dieser Jahre. Immer wieder kritisiert der Autor die autokratische Herrschaft des Kirchenstaates oder flicht ironische Bemerkungen über das Möchstum ein.
Die Punktzahl bezieht sich nur auf den Text - für die völlig überflüssigen Fotos müsste es Abzüge geben.Moritz, Zeitgenosse Goethes, war fast zeitgleich mit diesem auf Italienreise und in Rom, wo die beiden Männer sich häufig begegneten, wenn auch wohl in teilweise unterschiedlichen Kreisen verkehrten (der wohlhabende Goethe war ein bekannter und anerkannter Autor, dem sicher mehr Türen offenstanden als Moritz). Am lebendigsten schreibt Moritz, wenn er die Reise an sich schildert (der Weg nach Rom, Ausflüge von Rom aus) oder auf das Alltagsleben in Rom oder in den von ihm besuchten Orten eingeht. Er ist ein guter Beobachter, allerdings hätte ich mir häufig etwas mehr Hintergrundinformation oder ausführlichere Erklärungen gewünscht (ich weiß, die Forderung ist unfair: Moritz ging es vor allem um die Kunst, und der dürfte auch das Interesse seiner zeitgenössischen Leser gegolten haben).Ein wichtiger Aspekt unterwegs sind die zahlreichen Begegnungen mit den italienischen Lohnkutschern (Vetturin), denen Moritz immer mit einem gewissen (teilweise sicherlich begründeten) Misstrauen gegenübersteht, aber beachtlich sind auch die Strecken, die der Autor zu Fuß geht. So kommt er in das touristisch noch überhaupt nicht erschlossene, bitter arme San Marino, das ihn als Republik im Gegensatz zum Kirchenstaat sehr beeindruckt. Er ist erstaunt über die Gelassenheit der Galeerensklaven in Ancona (keine Hinweise darauf, wie es zu diesem Schicksal kommt) und steht dem Marienheiligtum in Loreto mit einer gewissen skeptischen Bewunderung gegenüber.Fasste man seine Bemerkungen zum Alltagsleben im Kirchenstaat zusammen, böten sie ein faszinierendes Bild - das Buch ist jedoch in Briefform geschrieben und so sind die Beobachtungen und Kommentare über das ganze Werk verstreut (es wird mühsam werden, sie alle hervorzuheben und als Ganzes zu betrachten - ausnahmsweise wünsche ich mir ein E-Book). Die einfachen Menschen erscheinen ihm überwiegend träge und ohne Initiative - sie ahmen den alles dominierenden Klerus nach, selbst in der Kleidung - der Staat mischt sich massiv in das Wirtschaftsgeschehen ein, hat beispielsweise ein Monopol auf den Getreidehandel, diktiert die Preise für Ein- und Verkauf und schöpft den Gewinn ab - dies nur ein Beispiel dafür, was hier an Erkenntnissen zusammenkommt - allerdings über Hunderte von Seiten verstreut. Die Rechtschreibung des Autors ist recht abenteuerlich.Ein Großteil des Buches ist der Beschreibung der Überreste der römischen Antike gewidmet, aber auch Werke Michelangelos und Raffaels finden Gnade vor dem Auge des Autors. Mich spricht das wenig an - ein Farbfoto finde ich aussagefähiger - wurde aber vermutlich vom zeitgenössischen Leserkreis gewünscht. Goethes "Italienische Reise" finde ich lebendiger geschrieben, aber die alltäglichen Beobachtungen von Moritz sind eine willkommene und faszinierende Ergänzung dazu.Die "Italienische Reise" habe ich als Inseltaschenbuch, und der Verlag hat den Text durch vierzig Zeichnungen des Autors ergänzt, was ich sehr stimmig und ansprechend finde. Aus Gründen, die ich nicht nachvollziehen kann, hat Die Andere Bibliothek den Text von Moritz mit 150 modernen Schwarzweißfotos durchsetzt. Ich mag Schwarzweißfotos grundsätzlich nicht, und auf die hier gewählten, die sich qualitativ vielfach nicht von Urlaubsschnappschüssen unterscheiden, würde ich gerne verzichten. Mich stören sie. Angeregt durch das Wiederlesen von Goethe und Attilio Brillis packendem "Als Reisen eine Kunst war" kam es zum Spontankauf der "Reisen eines Deutschen" - bei ruhiger Überlegung hätte ich versucht, antiquarisch und preisgünstiger eine andere Ausgabe zu finden.