Normalerweise lasse ich von solchen Büchern die Finger. Aber eine Freundin hatte es mir empfohlen und so siegte die Neugier über den gesunden Menschenverstand.Die Autorin hat sich bei den verschiedensten Religionen, bei Philosophie und Psychologie bedient und daraus ihr verquastes Weltbild zusammengeschustert.Den psychologischen Ansatz des positiven Denkens gibt es seit über 100 Jahren. Daran ist auch nichts auszusetzen, es sei denn, man treibt es damit so weit, dass man die eigenen Gefühle komplett ausschaltet.Die Autorin empfiehlt, sich selbst, jeden Menschen, ja sogar das ganze Universum zu lieben. Gefühle, wie Ärger und Wut, sollte man auf keinen Fall zulassen. Dass diese Gefühle allerdings sehr wichtig für den Menschen sind, weil sie eine Ventilwirkung besitzen und wir damit unsere psychische (und somit auch physische) Gesundheit aufrechterhalten, wird völlig ignoriert. Etliche psychische Krankheiten beruhen genau auf der Unterdrückung der wahren Gefühle, wie Wut und Aggression.Du musst positiv denken und jeder Wunsch geht in Erfüllung. Und wenn das nicht passiert, hast Du eben etwas falsch gemacht. Das führt nicht nur zu einer völligen Selbstüberforderung, sondern ist auch noch ausgesprochen zynisch. Die eigene Selbstwahrnehmung wird durch ein Wunschbild ersetzt und wenn dieses dann nicht Wirklichkeit wird, ist man quasi ein Versager. Herkunft oder soziales Umfeld spielen für die Autorin keine Rolle frei nach dem Motto "vom Tellerwäscher zum Millionär für Jeden" - typisch amerikanisch eben. Wie viele Menschen schaffen solch eine Karriere?Man stelle sich mal folgende Situation vor: Ihr Kind wird von einem Pädophilen missbraucht und es wird sein Leben lang darunter zu leiden haben. Der Täter zeigt keinerlei Reue. Halten Sie sich nun an die Empfehlungen der Autorin, so müssten Sie den Täter uneingeschränkt lieben und, was das Schlimmste ist, die Schuld bei Ihrem Kind suchen. Somit ist der Täter gleichzeitig von seiner Schuld freigesprochen, weil das Kind ihn durch sein "falsches Denken" zu dieser Tat gewissermaßen "gedrängt" hat. Das lässt nur einen Schluss zu: Die Opfer gehören ins Gefängnis, damit die Täter nicht weiterhin verführt werden!Auch sollte sich jeder mal die Frage stellen, wie es denn z.B. mit den Opfern des Holocaust aussieht. Waren die auch selbst schuld an ihrem Schicksal, haben die zu wenig positiv gedacht oder sich gar selbst die falschen Eltern (Juden, Roma, Kommunisten usw.) ausgesucht.Alle Opfer von Bürgerkriegen, Hungersnöten und Naturkatastrophen sind selber Schuld! Das ist ja auch für uns in der westlichen Welt eine feine Sache. Damit sind wir aus dem Schneider und brauchen kein schlechtes Gewissen mehr haben, weil wir die Missstände in der Dritten Welt mit unserem Lebensstil verursachen. Anstatt Entwicklungshilfe schicken wir einfach ein paar Bücher der Autorin nach Afrika. Dort kann sich dann z.B. im Kongo eine Frau in ihrer Wellblechhütte vor ihren Spiegel (hoffentlich hat sie einen) stellen und sagen: "Ich bin schön, heute wird ein toller Tag, ich bekomme alles, was ich mir wünsche"Auch in Bezug auf Krankheiten hat die Autorin eine simple Erklärung: "Deine falschen Gedanken und Gefühle sind schuld". Ja sicher gibt es psychosomatische Krankheiten - aber das ist nun auch schon ein ziemlich alter Hut und jedem einigermaßen gebildeten Mensch bekannt. Aber alle Krankheiten ausschließlich als Folge des "falschen Denkens" zu bezeichnen ist eine Verhöhnung der Betroffenen: Liebe Kinder mit Leukämie - hättet eben positiver denken müssen! Liebe Menschen mit angeborenen Erbkrankheiten - habt Euch die falschen Eltern ausgesucht! Und wie erklärt die Autorin bitte, dass auch Tiere erkranken, u.a. an Diabetes, Krebs, oder sich auch mal das Bein brechen. Haben die dann auch zu wenig positiv gedacht oder soll ihnen die Krankheit irgendetwas sagen?Diese Art von Büchern wird nur in unserer westlich dekadenten Welt gelesen, weil nur hier der Nährboden für solchen Unsinn existiert. Wir leisten uns den Luxus, uns jeden Tag mit unseren eigenen Befindlichkeiten auseinandersetzen und haben genug Zeit, darüber nachzudenken, wie wir unser Leben optimieren können. Jeder andere Mensch auf diesem Planeten, der jeden Tag ums Überleben kämpft, unter unwürdigen Bedingungen arbeiten muss oder von Hunger, Krankheit und Krieg bedroht wird, hat keine Muse für derartigen Schwachsinn.Was haben eigentlich die Japaner falsch gemacht? Die sind doch bekannt für ihre positive Lebenseinstellung, die lachen sogar noch im größten Unglück. Und jetzt das - Erdbeben, Tsunami und atomare Verseuchung mit den daraus sicherlich resultierenden Krebserkrankungen.Nicht zuletzt finde ich es auch sehr bezeichnend für die Geisteshaltung der Autorin, welchen hohen Stellenwert Geld und Wohlstand für sie besitzen. Damit liegt sie natürlich ganz im Zeitgeist der Konsumgesellschaft und ihre Theorien fallen auf fruchtbaren Boden. Aber wer Erfolg mit Lebensinhalt und Wohlstand mit Glück verwechselt, wird irgendwann die eigene Leere zu spüren bekommen. Wenigsten hat sich die Autorin eine goldene Nase mit ihren dümmlichen Theorien verdient und ist wahrscheinlich die Einzige, bei der ihre Ideen zum Erfolg geführt haben.Ich kann mir diese Begeisterung für derartige Theorien nur so erklären: "Wer nichts weiß, muss alles glauben".Hier noch ein Tipp für all Jene, die mal ein geistreiches Buch zum Thema "Selbsterfahrung" lesen wollen: Sheldon B. Kopp "Triffst du Buddha unterwegs..." Und wer jetzt glaubt, dies sei ein Buch über den Buddhismus, liegt falsch.