Der italienische Schriftsteller Eugenio Montale (1896-1981), der 1975 mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, gilt (neben Giuseppe Ungaretti) nicht nur als einer der Erneuerer der italienischen Poesie, sondern auch als ein Wegbereiter der europäischen Moderne im 20. Jahrhundert. Trotz dieser internationalen Bedeutung sind Veröffentlichungen in deutscher Sprache äußerst rar. Die letzte größere Publikation war eine zweisprachige Auswahl seiner Gedichte 1920-1954 in der Reihe „Edition Akzente“ im Hanser Verlag (1987), von der im Vorjahr eine Neuauflage erschien.Nun hat die Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung eine umfangreiche, ebenfalls zweisprachige Auswahl unter dem Titel „Was bleibt (wenn es bleibt)“ vorgelegt, die auch die späteren Gedichte von Montale berücksichtigt. Den Auftakt macht natürlich sein erster Gedichtband „Ossi di seppia“ (1925, Tintenfischknochen), der in den 20er und 30er Jahren mehrere Auflagen erreichte und den Autor bekannt machte. Es sind Naturgedichte, die sich durch „spröde Sachlichkeit“, durch eine Schlichtheit auszeichnen, die den Leser gefangen nimmt, so in dem Titelgedicht: „Frage uns nicht nach der weltenöffnenden Formel, such nach der Silbe, die knorrig und dürr ist wie Reisig“.Montales zweiter Gedichtband „Le occasioni“ (1939, Die Anlässe) besteht z.T. aus Reiseeindrücken (Buffalo, Lindau, Wien) und Erinnerungen, wobei der Autor häufig den Grund des Anlasses verschweigt. Hier treten auch erstmals Frauenfiguren auf (z.B. in „Motetten“ ein Zwiegespräch mit einer abwesenden Geliebten). „La bufera e altro“ (1955, Der Sturmwind und anderes) versammelte seine poetischen Arbeiten seit 1940. Da dieser Zyklus auch Anspielungen auf die Zeitgeschichte (z.B. Absage an das faschistische Regime) enthielt, konnte er erst 1955 erscheinen.Nach längerem Schweigen veröffentlichte Montale in den 70er und 80er Jahren weitere Gedichtbände: „Satura“ (1971), „Tagebuch“ (1973) und „Heft der vier Jahre“ (1977). Sie sind Ausdruck einer neuen Schaffensperiode des Lyrikers. Neben einer Auswahl aus diesen Gedichtzyklen bringt „Was bleibt“ auch zahlreiche verstreute Gedichte und das nach seinem Tod veröffentlichte „Diario postumo“ (Postumes Tagebuch). Damit liegt die umfangreichste Montale-Auswahl vor, die das Gesamtwerk umschließt.Die rund 230 Gedichte wurden von Christoph Ferber ausgewählt, neu übersetzt, mit zahlreichen Anmerkungen und einem Nachwort versehen. Komplettiert wird die handliche Auswahl (Taschenbuchformat) durch ein Essay „Eine Poetik im Wandel“ des Literaturwissenschaftlers Georges Güntert.
Auf Christoph Ferbers Übersetzungen von Montale war ich gespannt. Bis jetzt war von Montale zweisprachig nur ein Band in der Akzente-Reihe von Hanser greifbar, der sich allerdings auf die bis 1954 erschienenen Gedichte beschränkt. In "Was bleibt (wenn es bleibt)" werden Texte bis 1980 versammelt. Um es kurz zu machen: Montale ist ein großartiger Autor, der mich seit Jahren begleitet, den ich entdecke und wiederentdecke. Oft trage ich den Hanser Band mit mir herum. Die Übersetzungen dafür besorgte Hanno Helbling. Für mich kommen sie im Ton, im Duktus den italienischen Originalen sehr nah. Bilder, Stimmungen, die auch im Deutschen eindrücklich evoziert werden. Von Christoph Ferbers Übersetzungen bin ich enttäuscht. Hölzern, holprig, altmodisch wirken die Gedichte im Deutschen. Teils im Wortsinn näher am italienischen Original, aber doch viel weiter entfernt von Montales Größe, von seiner Fähigkeit innere und äußere Landschaften zu erschaffen. Für mich bleibt klar der Hanser Band die Referenz. Die Ferberschen Übersetzungen lassen mich ratlos zurück. Als Übersetzer von Giorgio Orelli (zum Beispiel) schätze ich ihn sehr, im Hinblick auf seine Übersetzungen von Montale bleibt für mich allerdings nicht viel.