Im fünften Band seiner "Erinnerungen eines Insektenforschers" zeigt sich Jean-Henri Fabre auf dem Höhepunkt seines Schaffens:Phantastische Beschreibungen des Verhaltens der Insekten wechseln sich ab mit stilistisch brillanten Schilderungen (z.B. Metamorphose der Zikade (S. 202f) und gehen über in allgemein gültige Betrachtungen über die Schönheit und dem "Kreislauf des Lebens".Das Repertoire der Insekten bzw. Tiere erweitert sich, diesmal sind dabei:Skarabäus, Mistkäfer, Zikade, Gottesanbeterin, Fangschrecke, Mondhornkäfer, Onthophagen, Stichling, Wendehals, Ameise, Krabbenspinnen, SandwespeWie gewohnt wird auch ein Mensch näher vorgestellt, diesmal ein ungenannter Schäfer, der ihm bei seinen Experimenten unterstützt.Fabre räumt in diesem Buch mit zwei Irrtümern auf, die auch heute noch immer wieder falsch wieder gegeben werden:a. Die Pille des Mistkäfers enthält keinen Keim, sie ist Proviant.b. In der auch heute noch in der Schule (meist in der 6. Klasse) gelehrten Fabel von Lafontaine "Die Zikade und die Ameise" bettelt die Zikade im Winter bei der Ameise um Futter und diese dann: "Ihr habt gesungen! Freut mich. Na, dann tanzt jetzt mal." Tatsächlich ist es genau umgekehrt, die Ameise ist der Futterräuber.Fabre schildert zum ersten mal bei Insekten, genauer bei den Mistkäfern, das Weibchen und Männchen, wie ein Paar bei Eiablage und Nestbau zusammenarbeiten.Ganz anderer Art sind die Beobachtungen bei der Gottesanbeterin. Hier wird das kleinere Männchen, nach der fünf bis sechstündigen Paarung von dem Weibchen gefressen.Fabre notierte bei seinen Versuchen in Volieren, das ein Weibchen innerhalb von zwei Wochen sich mit sieben Männchen paarte und diese dann tötete.Im weiteren Verlauf seiner Studien über die Mantis religiosa triftet er ins Philosophische ab, die Brut der Gottesanbeterin wird von der Ameise gefressen, diese vom Wendehals, der vom Menschen gebraten wird."Die Welt ist ein endloser Kreis: Alles endet, damit alles wieder beginnt; alles stirbt, damit alles lebt" (S. 285).Schon vorher (S. 40f) macht er sich bei Betrachtung der Eikammer des Skarabäus Gedanken über die Schönheit. Obwohl im Dunkeln, modelliert der Käfer die Behausung zu einer schönen Birnenform.Fabre experimentiert und lässt, noch nicht eingeschulte, Kinder darüber abstimmen, ob die von ihm geformte "Birne" die schönere sei oder die vom Käfer. Der Skarabäus gewann jedesmal.In diesem Band gibt es auch ein Kochrezept:In Öl, Salz und einer kleine Zwiebel werden Zikaden gebraten, nach Aristoteles soll das sehr gut schmecken.Fabres Kommentar ist da nüchterner "genießbar, aber zäh."Dem Buch sind zwei Essays beigeben, die sich mit dem Einfluss Fabres auf das Werk von Paul Celan beschäftigen. Es kommt dabei zu der skurrilen Situation, dass dem Leser drei verschiedene Übersetzungen des ersten Kapitels über die „Gottesanbeterin“ angeboten werden: die deutsche Übersetzung von Guggenheim (1961), als Faksimile die von Celan (1967), zum Nachlesen das französische Original und ab S. 239f die deutsche Übersetzung von Koch (2013) – bisschen redundant das Ganze.Das Erscheinen des fünften Bandes (bei einer zehnbändigen Werkausgabe) gibt mir Gelegenheit Halbzeitbilanz zu ziehen:Die Freude des Lesens ist bei jedem Band ein Genuss. Wie hier einer, im glänzenden Stil und verständlicher Sprache, über sich die Insekten, Tiere und Pflanzen schreibt ist einfach toll.Die Paarung (naive) Neugierde und Genauigkeit und Anschaulichkeit im Detail macht einfach Spaß.Aber das auch immer wieder philosophiert und lateinische Sätze eingestreut werden trägt bei mir zum Lesegenuss bei.Zudem kommt noch der haptische Genuss ein "echtes" Buch (dicke, feste Seiten, schöne Schriftart und Größe, Leineneinband) in der Hand zu haben dazu.Aber auch ich als Leser habe mich verändert, obwohl eher Pflanzenfreund habe ich mir jetzt schon das dritte Insektenbuch gekauft, um nachzuvollziehen wie die von Fabre beschriebenen Tiere aussehen.Es geht sogar noch weiter, während meinen Spaziergängen und Exkursionen photographiere ich nun auch immer wieder Insekten....