Nach fast zehn Jahren neigt sich nun das Prestigeprojekt bei Matthes & Seitz langsam dem Ende zu. Band 9 der "Souvenirs entomologiques" ist jetzt auf Deutsch erschienen und wieder enthält er zahlreiche Geschichten und Beobachtungen, die es über ein Jahrhundert nicht geschafft haben, in unserem Sprachraum wahrgenommen zu werden. Vor allem der gelbe Feldskorpion hat es Jean Henri Fabre diesmal angetan. Das Tier, dessen Giftstachel die Wissenschaftler seiner Zeit von Untersuchungen Abstand nehmen lies, die über das Sezieren und Konservieren in Formalin hinaus gingen, hat auch Fabre erst spät in seinem Leben entdeckt. Nicht, dass er ihm nie begegnet wäre. Im 19. Jahrhundert war nicht nur die Artenzahl der Insekten (und Spinnentiere) enorm, sondern auch die Individuenzahl. Wir beklagen den Rückgang der Insekten um 75% seit 1980? Das ist ein Witz gegenüber dem, was Jean Henri Fabre alleine über sein kleines Schotterfeld, den "Garten" berichtet! Wenn man die Souvenirs Entomologiques nicht wegen ihrer sprachlichen Eleganz und ihrer experimentellen Kreativität liest, dann gerne wegen der überwältigenden Naturdarstellungen, von denen unsere Gegenwart nur noch einen traurigen Abklatsch bietet. Das sind Veränderungen, die sich über Generationen erstreckt haben und die niemand von uns selber gesehen hat oder von denen wir berichten könnten. Ich kann nur den Vergleich mit 1980 ziehen, aber wenn ich dann Fabres Beschreibungen lese, bekomme ich manchmal regelrecht Angst, was wir der Natur angetan haben. Wir werden die Quittung bekommen, das ist sicher. Mit der Natur gibt es keine Verhandlungen! Fabre wusste das.Neben dem Skorpion sind es die Radnetzspinnen, die der unermüdliche Beobachter beim Weben ihrer Netze stört und deren geheime Mathematik enträtselt, sowie die unterirdisch lebenden Wolfs- und Labyrinthspinnen. Natürlich richtet er seine Lupe auch wieder auf einige Lausarten, die Farbre schon in den vorangegangenen Bänden gerne besungen hat. Ja, man muss wirklich sagen "besungen", denn sein eleganter, fast poetischer Stil, in dem sich eine tiefe Liebe zur Natur verbirgt und der nicht selten zur Hymne wird, hat auch im Alter nichts von seiner jugendlichen Frische verloren. Dass das Übersetzerteam aus Friedrich Koch (mittlerweile 85) und dem vor einigen Jahren dazugestoßenen Ulrich Kunzmann so gut harmonieren und den Stil im Deutschen so treffend wiedergeben, ist ein echter Glücksfall.Wie bisher in jedem Band, verarbeitet Fabre auch ein bisschen Autobiografisches, diesmal in Gestalt des kleinen Holzschreibtisches, an dem er über ein halbes Jahrhundert lang saß und seine Versuche durchführte, während der Holzwurm in der Tischplatte nagte. Sebastian Hackenschmidt hat die literarische Miniatur im Nachwort gleich zu einem Essay über den Schreibtisch als "Reliquie" berühmter Schreiber verwertet, aber dieser erreicht nicht einmal annähernd die anrührende Feinfühligkeit des Fabreschen Originals. Den Schreibtisch gibt es übrigens noch heute. Der Holzwurm hatte irgendwann wohl ein Erbarmen.Noch ein Band, dann ist das wunderbare Projekt der "Erinnerungen" vollendet. Lange wird es nicht mehr dauern, für April ist er angekündigt. Ich weiß nicht, ob ich mich nun darüber freuen soll oder trauern, weil danach nun garantiert nichts mehr kommt. Aber alleine, dass Matthes & Seitz in 10 Jahren weder die Lust noch das Geld ausging, ist in jedem Fall einen Jubel wert.