"Black Swan Green" tut weh, und zwar richtig, und noch mehr, wenn man sich vorstellt, wie viel Selbsterlebtes David Mitchell wohl in die Figur des dreizehnjährigen Außenseiters Jason Taylor hineingeschrieben hat. Die lieblosen Eltern und die herablassende ältere Schwester sind schon schlimm genug, aber noch schwerer hat er es in der Schule: In einem Alter, wo die Reputation unter Gleichaltrigen der Maßstab für das Lebensglück sind, würde er gerne das, was ihm körperlich abgeht, mit seiner Cleverness wettmachen, allein das verhindert seine Stotterei. Bullys machen ihm das Leben zur Hölle, die Lehrer, die das eigentlich merken müssten, mischen sich eher halbherzig ein bzw. stoßen sogar noch ins selbe Horn. Nur sein Freund Dean, Außenseiter wie er, und seine Liebe zur Poesie, die ihm den Rest geben würde, wenn sie denn bekannt würde, helfen ihm durch den Tag. Und natürlich die kleinen Tricks, mit denen er die Klippen seines Sprachfehlers umschifft, zumindest manchmal, aber beileibe nicht immer, und leider meistens dann nicht, wenn es drauf ankommt.Die Situation spitzt sich im Laufe der Zeit so zu, dass es einem Angst und Bange wird - Jugendliche haben sich schon aus weniger schwerwiegenden Gründen das Leben genommen. Denn weil in manchen Situationen sein Gewissen doch stärker ist als sein Wunsch, anerkannt zu werden, und auch mit einigem Pech stürzt er in freiem Fall die Reputationsleiter hinunter. Man kann das Buch nicht aus der Hand legen, so geht einem Jasons Geschichte an die Nieren.In die Sprache muss man sich etwas einlesen. Es spricht eben ein Dreizehnjähriger, nicht ganz dialektfrei, vor allem seine "Kameraden" nicht, und streckenweise gibt es mehr Apostrophe als Vokale, aber man gewöhnt sich recht schnell daran.Es gibt übrigens ein Wiedersehen mit Eva Crommelynck, geb. Ayrs, aus dem Frobisher-Segment des "Cloud Atlas", und Hugo Lamb aus den "Bone Clocks" gibt sich hier schon mal die Ehre als Jasons cooler Cousin. Diese gegenseitigen Referenzen in Mitchells Romanen machen einen Teil ihres Reizes aus, und mit "The Thousand Autumns of Jacob de Zoet" muss ich noch eine wichtige Lücke schließen.
mal etwas anderes von ihm, ein Jugendroman - aber dicht und überzeugend aus der Sicht eines Jungen geschrieben und sehr lesenswert. Muss immer mal wieder an die Geschichte denken. Lese das Buch sicher mit meinen Jungs nochmal, wenn sie älter sind.
Dass David Mitchell mit dem 13-Jährigen Jason Taylor einen Stotterer zur Hauptfigur dieses Romans macht, ist mutig und war mit Sicherheit eine persönliche Trauma-Arbeit für ihn, wo er doch lt. Wikipedia selbst mit dieser Sprachstörung zu kämpfen hatte. Insofern ist es auch keineswegs verwunderlich, dass die Leiden, die Jason durchzustehen hat - und nicht zuletzt durch das Stottern ist das zugleich die Aufgabe, sich im sozialen Gefüge einer ländlichen Schule einzufügen - dem Leser ausgesprochen nahe gehen.Dennoch halte ich Black Swan Green für Mitchells schwächstes Buch bislang. Was ich an seiner Schreibe normalerweise so schätze, ist die Wagemut, die ihn als Erzähler auszeichnet - eine Wagemut, die ihn, obwohl er auf kohärente Narrative verzichtet, vielerlei Perspektiven einnimmt und seinen Lesern oft einiges an Vertrauensvorschuss abverlangt, zu einem der spannendsten und für mich auch besten Erzähler des 21. Jahrhunderts machen.Dieser Aspekt geht Black Swan Green ab - auch wenn das der Perspektive der Jugendlichen Hauptfigur zuzuschreiben sein mag und die Wagemut in diesem Buch womöglich eher darin liegt, eine so persönliche Geschichte in Buchform zu gießen.Nichtsdestoweniger ist Black Swan Green ein David-Mitchell-Roman und somit allemal lesenswert.