Felix Scholz, studierter Germanist und unter anderem bekannt als Poetry-Slammer, hat sich bereits in vielen literarischen Genres unter Beweis stellen können. Sein im Eigenverlag erschienenes Werk „Scholli und Olz: Das Buch zum Film“ behandelt etwa episodenhaft – ganz im Stil von Mark Uwe Klings "Känguru Chroniken" – das Leben zweier unfreiwilliger Mitbewohner auf pointierte Art und Weise. Dabei stehen bei Scholz, der hauptberuflich Dozent für Deutsch als Fremdsprache ist, die sprachlichen Eigenheiten nicht selten im Mittelpunkt seiner Erzählungen. Mit seinem Roman Tod in Marburg wagt sich Scholz nun in die Welt der Kriminalromane. Dass Scholz seiner humoristischen Ader hierbei versucht treu zu bleiben, wird bereits anhand seiner Widmung deutlich: „Für meine Miete“. Doch kann der Autor seinem Stil auch in der traditionell ernsten und anspruchsvollen Gattung des Krimis treu bleiben?Scholz entführt uns in seinem Roman in das kleine mittelhessische Städtchen Marburg, das im Schatten der Mainmetropole Frankfurt ein eher unbekanntes Dasein fristet. Der Handlungsrahmen des Romans ist dabei schnell umrissen: Momberger, ein durchschnittlicher Marburger Polizist, der während seiner Studentenzeit als links aktivistischer Weltverbesserer noch fern von einem Engagement bei der Polizei war, wird jäh aus dem Schlaf gerissen, als seine Chefin ihn früh morgens aus dem Schlaf klingelt:„Schaffen Sie Ihren Arsch aus dem Bett!“, befahl seine Chefin, und Momberger konnte ihr hageres, bleiches Schlangengesicht vor sich sehen. „Wir haben jemanden gefunden.“„Ach ja?“, fragte er und versuchte seine Gedanken zu ordnen. „Haben wir jemanden gesucht?“„Eine Leiche!“, kommentierte seine Chefin seine Gedächtnislücke, und er konnte das Augenrollen deutlich durchs Telefon spüren. „Wir haben eine Leiche in der Lahn gefunden.“Da es sich bei der Leiche um Yalda Wegener, eine Koryphäe im Gebiet der Impfstoffforschung, handelt, deren Mann den hessischen Innenminister persönlich kennt, wird Momberger für die anfallenden Mordermittlungen Zassenberg zur Seite gestellt. Zassenberg, verdienter Ermittler in eben jener Mainmetropole, kontrastiert als konservativer Macho fortan Momberger. Hier treffen nicht nur zwei stereotype Charaktere aus verschiedenen Welten aufeinander, sondern auch ganz in der Manier von „good cop, bad cop“ differieren auch die Ermittlungsmethoden der beiden Polizisten. Dabei lernen sich die unfreiwilligen Partner – ein häufig wiederkehrendes Motiv in Scholz’ Erzählungen – im Laufe der Ermittlungen zu respektieren und arbeiten sich neben den laufenden Ermittlungen an einigen zeitgenössischen Themen ab. So wird neben der Diskussion um die korrekte Verwendung des Genitivs auch scheinbar nebenbei immer wieder über die Sinnhaftigkeit der genderspezifischen Sprache diskutiert:„Das Miststück von Chefin, das ich eben in Aktion erleben durfte.“„Finden sie wirklich, dass >Miststück< in diesem Fall…“„Mein Gott, Momsen!“, brummte Zassenberg genervt. „Politische Korrektheit hat ihre Grenzen!“[…]„Ich meine nur“, begann Momberger mit gesenktem Haupt, „dass man keine genderspezifischen Beleidigungen benutzen sollte.“Der Leser, der durch die geschickte Inszenierung der beiden Protagonisten immer dazu neigt, an deren Diskussionen über eine vermeintlich „korrekte“ Weltanschauung teilnehmen zu wollen, wird dabei an vielen Stellen bewusst zum Nachdenken angeregt.Dabei lässt Scholz seine Ermittler auf dem Weg zur Lösung des Falls nicht nur in das fluide Konstrukt einer korrekten Weltanschauung abtauchen. Auch müssen die beiden Polizisten in die Marburger Unterwelt abtauchen und bekommen es mit überspitzt dargestellten Pharma-Mogulen oder den Marburger Burschenschaften zu tun, die wegen Yalda Wegeners ausländischer Abstammung bei Momberger unter Generalverdacht stehen. Durch gekonnt verstrickte Beziehungsgeflechte der in die Ermittlungen involvierten Figuren tauchen Zassenberg und Momberger aber auch immer wieder in die Tiefen der menschlichen Psyche ein. Ganz in der Tradition von Agatha Christie ist es am Ende Zassenberg, der alle Figuren um sich herum versammelt, um den Fall vor versammeltem Publikum zu lösen.Scholz gelingt in seinem Roman "Tod in Marburg" auf spektakuläre Art und Weise der Spagat zwischen persiflierter, überzeichneter Darstellung der traditionellen Motive des klassischen Kriminalromans und einer ernsthaften, thematisch hochaktuellen Ermittlungsgeschichte. Dabei drängt sich die Überzeichnung der Gattung Krimi an keiner Stelle allzu deutlich auf, sodass trotz aller Dialogwitze und teils stark an Slapstick erinnernder Situationskomik das Vergnügen, den Fall selbst lösen zu wollen, uneingeschränkt bestehen bleibt. Der Autor bleibt auch auf seinem Ausflug in die Kriminalliteratur seinen Wurzeln treu und behandelt, eingebettet in abwechslungsreiche Ermittlungen, aktuelle Themen auf amüsante und erfrischende Art und Weise. Scholz zelebriert somit nicht den Niedergang eines Genres, sondern vermag es, diesem frischen Wind einzuhauchen. Bleibt zu hoffen, dass dies nicht Scholz‘ letzter Ausflug in die Gattung des Kriminalromans bleibt.
Wer, so wie ich, in Marburg zu Hause ist, wird sich in diesem spannenden wie witzigen Erstling sofort heimisch fühlen. Und wer es nicht ist, darf sich darüber freuen, dass die alte Studentenstadt hier zwar den Schauplatz, aber nicht den eigentlichen Grund zum Lesen darstellt. Denn dieser sind eindeutig die herrlich überzeichneten Figuren, welche es so nur in Marburg geben kann und die nun endlich auch vom Rest der Republik erfahren werden können. Ich habe es verschlungen!