Es ist schade, dass in unser modernen Welt einige Menschen immer noch erwarten, dass ihnen Wissen auf dem Silbertablett serviert wird. Wer das möchte, sollte in ein Lexikon schauen, aber nicht in ein Buch von Wolz-Gottwald. Der Autor ist jemand, der zum Nachdenken und Meinungsbilden anregen möchte, ohne dogmatisch zu sein. Ein Charakterzug, der so manchem Yogi und so macher Yogini auch gut stehen würde.Wolz-Gottwald hat in "Yoga-Weisheit leben" mal wieder bewiesen, dass man sich dem schwierigen und komplexen Thema "Yoga" auch authentisch und modern nähern kann, ohne besserwisserisch oder belehrend zu klingen.Der Autor informiert knapp, aber ausreichend über die wichtigsten Hintergrundthemen, die man benötigt, um sich ein ungefähres (gerne auch erstes) Bild über Yoga machen zu können. Sicherlich gibt es kontroverse Meinungen über z.B. die Ersterwähnung von Yoga und dessen geschichtliche Entwicklung. "Yoga-Weisheit leben" dient aber eben nicht dazu, einen ausführlichen Überblick über sämtliche streitbaren Punkte im Themengebiet des Yoga zu beleuchten. Vielmehr soll das Buch dazu anregen, sich eine eigene Meinung zu bilden, Denkanstöße mit in den Alltag zu nehmen und ggf. diese für sich zu nutzen.Wolz-Gottwald ist so erfrischend unkonventionell mit seinen Übungen am Ende eines jeden Kapitels, dass es wirklich Spaß macht, sich mit den Aufgaben zu beschäftigen. Dass er Fragen stellt, statt konkrete Anweisungen zum Üben zu geben, zeigt nur, dass es hier tatsächlich darum geht, individuelle Anworten zu bekommen und nicht darum, eine bestimmte Meinung des Autors zu bestätigen. Es ist schade, wenn Leser die gestellten Fragen nur mit "ja" oder "nein" beantworten. Denn hinter jeder Frage steckt ein bisschen mehr. So zeigt sich, ob das vorherige Kapitel verstanden wurde und ob man den Zusammenhang zwischen erläutertem Thema und eigenem Leben herstellen kann."Yoga-Weisheit leben" ist sehr lesenswert, wenn man bereit ist, sich damit auseinander zu setzen. Wer erwartet, dass einem die Erkenntnis von alleine zufliegt oder dass Wolz-Gottwald allerneuste, bahnbrechende Informationen aus der Yoga-"Szene" liefert, wird enttäuscht sein."Yoga-Weisheit leben" ist ein Rohdiamant, der von jedem Leser selbst geschliffen werden muss.
Nach dem >Yoga-Philosophie-Atlas< und den >Yoga-Philosophie-Karten< hat Dr. Eckard Wolz-Gottwald, Dozent an der Philosophisch-theologischen Hochschule Münster (PTH) und Referent für verschiedene Yogaschulen, nun nochmals >sein< Thema Yoga-Philosophie in den Mittelpunkt eines Buches gerückt, dieses Mal mit dem Schwerpunkt >Übungen<.Bei diesen >Übungen für die Praxis< handelt es sich in der Regel um Fragen des Autors, die er an die LeserInnen richtet: >Hatten Sie schon Kontakt mit dem religiösen Yoga?< heisst es da, oder: >Kennen Sie Momente, in welchen Sie in gewisser Weise weniger machen und dafür mehr bekommen?<.Unter >Übungen< verstehe ich persönlich mehr, als Fragen gestellt zu bekommen, die man dann für sich mit >Ja< oder >Nein< beantwortet.Gegliedert (und dies gehört zu den Stärken des Buches) ist dieses Taschenbuch recht übersichtlich, dadurch können sich gerade AnfängerInnen gut orientieren. Der Autor unterteilt den Yoga gleich zu Beginn in drei Traditionslinien (religiösen Yoga, klassisch-philosophischen Yoga und den >Integrationsweg< Hatha-Yoga) und er teilt den jeweiligen Yoga-Weg in drei Abschnitte: die Gebundenheit des Alltagsbewusstseins als Beginn, die Umwandlung von Körper und Geist als der zu beschreitende Weg und das Erwachen zum wahren Selbst als Ziel.Am Ende des zweiten Kapitels heißt es treffend: >Yoga bedeutet jedoch nicht Veränderung des Ortes, sondern Veränderung der Person,...<.Sowohl sprachlich als auch in Bezug auf Quellenangaben richtet sich der gesamte, überschaubare Text primär an Einsteiger. Fortgeschrittene Yogapraktizierende können zumindest partiell ebenfalls Anregungen und Denk-Anstöße finden, vor allem dann, wenn sie bisher primär rein körperorientiert geübt haben.Zu den Schwächen des Buches gehören die vorangestellten geschichtlichen Hintergründe. Die Ausführungen zum Ursprung des Yoga beruhen auf einem Kenntnisstand, der mindestens fünfzig Jahre zurück liegt. Der Autor erkennt in den zahlreichen Steatit-Siegeln, auf denen anspruchsvolle Yoga-Haltungen wie die Wurzelverschlusshaltung (mulabandhasana) und die Drehhaltung (matsyendrasana) abgebildet sind, nur >kleine Täfelchen mit hockenden Menschen<, die Terrakotta-Skulpturen mit Yogahaltungen erwähnt er gar nicht. Die 2000 Jahre später niedergeschriebene Erfahrung des Absoluten (brahman) nach Einnahme von Rauschgetränken hingegen datiert er als den Anfang des Yoga in der vedischen Religion, wo es >weder einen Yoga-Sitz noch irgendwelche Haltungen, nicht einmal den Begriff Yoga< gab, wie er einräumt.Das macht weder Sinn noch hat es mit >seriöser Forschung< zu tun, die der Autor zu Beginn fordert, aber selbst nicht berücksichtigt und mitunter nicht einmal die zitierten Quellen angibt, sondern pauschal von >einer der ältesten Upanisads< oder von einer >alten Upanisad mit einem wunderschönen Bild< schreibt.Insgesamt vermag dieses schmale Yoga-Philosophie-Buch zum Reflektieren des eigenen Standpunktes anzuregen. Es erklärt, was es heißt, sich auf den >yogischen Transformationsprozess einzulassen, der die Loslösung von Abhängigkeit an Wohlstand und Streben nach Anerkennung bedeutet, um sich so für die Erfahrung einer inneren Freiheit zu öffnen.<Zu meiner inneren Freiheit gehören Erfahrungen und Erkenntnisse, die sowohl von den Lehrsätzen der >heiligen< Schriften als auch von den Ausführungen des Autors, dessen Weg offenbar der religiöse Yoga ist, dem er besonders viel Raum gibt, abweichen.Ob die Lehre vom guten und schlechten Karma, von der Wiedergeburt und der Gotteserfahrung wirklich >große Themen< im Kontext des Yoga sind, muss jeder für sich herausfinden. Ich bin so frei, dies mit >Nein< zu beantworten.