Kurz und klar:• Führt zu vielen, sonst leicht zu übersehenden Details• Macht das Beste aus einem – im Vergleich zu anderen Städten der Reihe – weniger ergiebigen Ort• Sehr interessant sind die vielen Einschübe zu Hintergrundthemen wie z.B. dem Einfluss der RosenkreuzerPotsdam gehört zu den Städten, die ihre Existenz und Gestaltung fürstlichem Repräsentationsbedürfnis des 18. Jh. verdanken (ebenso wie z.B. meine langjährige Heimat Karlsruhe). Beiden Städten gemeinsam ist denn auch das Fehlen eines gewachsenen urbanen Kerns, da alles auf das Schloss bzw. die Bedürfnisse des Herrschers und – wie in Potsdam – auch einer bedeutenden Garnison ausgerichtet ist. Hier kommt noch hinzu, dass die Stadt bei Kämpfen in der Schlussphase des Krieges schwer zerstört wurde, kongenial ergänzt durch die fürstenfeindliche Abrisspolitik der DDR. Auch wenn inzwischen einige der wichtigsten Bauten wieder errichtet wurden (z.B. das Stadtschloss), so bleibt doch das Fehlen einer in Jahrhunderten entstandenen urbanen Struktur mit ihren krummen Mauern, verborgenen Ecken und gemütlichen Plätzen statt eines geplanten, rechtwinkeligen Straßennetzes ein Manko.Dass das Buch trotzdem sehr interessant und seinen Preis wert ist, liegt an einer liebevollen Recherche, die nicht nur den Blick auf zahllose Details lenkt, sondern diese auch durch die mitgelieferten Hintergrundinformationen mit Leben erfüllt, wobei Reliefs und Statuen (von denen alleine das Neue Palais 500 zieren!) einen überproportional hohen Anteil ausmachen. Einige Beispiele aus der Fülle an Objekten: S. 18: Die Neidkopffratzen; S. 32: Ärzte mit Klistier auf Giebel; S. 58: Mast der Telegrafenlinie ins Rheinland; S. 60: der Weg eines venezianischen Mosaiks nach Potsdam; S. 70: Das Rätsel des Kommas beim „SANS, SOUCI“; S. 110: Mosaik aus der Jerusalemer Grabeskirche; S. 120 ff.: Die Zauberflöte als Freimaureroper; S. 134 ff: Einführung in die Alchemie; S. 162 ff. die Bedeutung der Rosenkreuzer für den preußischen König Friedrich Wilhelm II; S. 190: Die originelle Villa Gericke; S. 194: Die Symbole des jüdischen Friedhofs; S. 216: Der Weg der ehemaligen Berliner Gerichtslaube nach Potsdam; S. 212: Ein Affenkapitell vom schiefen Turm von Pisa; S. 222 ff. Die Geschichte der diversen Berliner Exklaven im Kalten Krieg … usw.Dazu kommen skurrile Fakten wie z.B. die Tatsache, dass die Potsdamer Stadtmauer (S. 36) im 18. Jh. nicht zur Abwehr äußerer Feinde, sondern zur Verhinderung von Fluchtversuchen der Soldaten und zur Erhebung der Lebensmittel-Einfuhrsteuer errichtet wurde. Also ein wahrhaft bunter Strauß an Informationen!Zum Schluss noch einige kritische Anmerkungen (auch für das Lektorat):• S. 90: Das von den Nationalsozialisten adaptierte Hakenkreuz war rechtsläufig (Swastika), kein linksläufiges, unheilbringendes Sauwastika!• S. 120: Überschrift „für die Soldaten des…?“• S. 140: Salmiak kommt von einem Begriff für armenisches Salz, nicht vom ägyptischen „Salz des Ammon“.• S. 174: Der Eingang der Orangerie hat – selbst wenn ihn einige ägyptisierende Statuen zieren – beim besten Willen keine Ähnlichkeit mit einem ägyptischen Tempel. (Das wahre Pariser Vorbild wird auf S. 178/9 gezeigt).• S. 211: Im Deutschen sind die italienischen Begriffe der Ghibellinen (von „Waiblinger“) und Guelfen unüblich; man sagt hier Hohenstaufen (aus Schwaben) und Welfen.
In der international orientierten Verborgenes-Reiseführer-Reihe (von Bangkok über Berlin bis Wien liegen schon 26 Titel vor) ist jetzt der empfehlenswerte Potsdam-Band erschienen. Ein profund kunsthistorisch informiertes Autorenteam erläutert Details von Denkmalen und Gebäuden, gibt Hinweise auf überwiegend unbekannte Sehenswürdigkeiten und Geschichtliches. Z. B. Ist weniger bekannt, dass der „Hauptmann von Köpenick“ seine besonders ausgewählte Uniform in Potsdam kaufte und quer durch Berlin fuhr, um nach Köpenick für seinen Coup im Rathaus zu gelangen.Gute Fotografien und Detailkarten der Innenstadt, von Sanssouci, der Nauener Vorstadt, von Babelsberg und außerhalb des Zentrums machen Lust, diese verborgenen Geschichtszeugnisse selbst zu entdecken. Hinzu kommen weiterführende Erläuterungen zu den zahlreichen alchemistischen Zeichen an Gebäuden in Potsdam und der Symbolik auf Potsdamer Friedhöfen.
Ganz egal, ob es ein Kurztrip oder ein etwas längerer Aufenthalt sein soll - wer nach Potsdam reist, grast oft nur die allseits bekannten Sehenswürdigkeiten ab und lernt nicht wirklich viel Neues kennen. Die sozialen Medien und und die Digitalisierung sorgen schon lange vor dem Urlaub dafür, dass sich Listen mit den Topsehenswürdigkeiten Zuhause stapeln, die sogenannten Insidertipps entpuppen sich im Nachhinein doch als überlaufene Hotspots und so wirklich glücklich macht das niemanden."Verborgenes Potsdam" ist ein Reiseführer, der dazu anregt, es einmal wie "Hans-guck-in-die Luft" oder "Puck, die Stubenfliege" zu machen und einfach mal genauer hinzusehen. Nämlich entlang der Häuserfassaden nach oben, mal an die Decke, auf die Gehwege und auch gerne mal den zweiten oder dritten Blick bei Stauten und Büsten zu riskieren.Was dabei herauskommt: kleine und große Überraschungen und ein Potsdam, dass es wirklich in sich hat. Zu finden sind der Sternenhimmel aus Mozarts "Zauberflöte", Elefanten im Blättergewand, Ringe für den roten Teppich, geheime Gärten, goldene Spinnennetze und vieles mehr, das sich nur denjenigen offenbart, die sich auf das Abenteuer einlassen und neue Wege gehen, die abseits der bereits breitgetretenen Touri-Pfade liegen.Potsdam präsentiert sich als kleines Schatzkästchen, das viele glitzernde Juwelen und schimmernde Perlen beheimatet, wenn man nur genau hinschaut.Die Begleittexte sind verständlich verfasst und machen direkt Lust auf einen Städtetrip der besonderen Art. Allerdings stelle ich mir auf Seite 120 die Frage, wessen Soldaten gemeint sind, denn hier bleibt der Satz unvollendet.Ansonsten ein wirklich schöner Reiseführer im Handtaschen- bzw Rucksackformat, der definitiv anders ist und jede Menge Abwechslung, Ecken und Winkel, Herz und Charme bietet.