*** Dieses Buch wurde mir kostenfrei vom Verlag zur Verfügung gestellt. ***Niemand hat die Stimmung einer zerfallenden Gesellschaft literarisch so perfekt eingefangen wie Raymond Chandler mit seinem Privatdetektiv Philip Marlowe: Der Mann ist sarkastisch bis zur Selbstaufgabe, schlagfertig, mit bissigem, oft zynischem Humor, und doch behält er stets das Fünkchen Hoffnung, dass irgendwo in der Gesellschaft noch ein Rest Menschlichkeit erhalten geblieben ist. Der Übergang zwischen Polizei und Kriminellen ist in den Geschichten nahtlos, Recht und Gesetz sind in der High Society von Los Angeles für jeden wohlfeil, der es sich leisten kann, ansonsten aber das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben stehen. Chandler zeichnet die Metropole als abgrundtiefen Sündenpfuhl, kurz vor der Anarchie, mit glanzvoller Fassade und völlig verrottetem Innenleben.Das Besondere an Chandlers Stil ist die unglaubliche sprachliche Präzision, mit der er nicht nur den Charakter Marlowes beschreibt, sondern die Stadt als lebenden Organismus, die bei aller Dysfunktionalität auf ihre ganz eigene Weise trotzdem funktioniert. Die Gerechtigkeit kämpft zwar ihr letztes Rückzugsgefecht, aber Philip Marlowe hilft ihr in den Sattel, indem er selber die eine oder andere Regel bricht, stets im Wissen, dass es der Wahrheit nicht hilft, wenn man nach den Regeln spielt. Oder die Unschuldigen am Ende die Zeche zahlen. Chandlers Krimis thematisieren bei aller vordergründigen Spannung immer auch das Staatsversagen und selbst wenn die Situation bei uns noch nicht so völlig entgleist ist, wie im Los Angeles der Vierzigerjahre, so sind bestimmte Parallelen zur Entwicklung in der Gegenwart unübersehbar.„Die kleine Schwester“ erschien 1949, auf Chandlers literarischem Gipfel. Zwar läuft die Geschichte dramaturgisch stellenweise etwas aus dem Ruder, was wahrscheinlich der Grund ist, dass sie nie verfilmt wurde, aber trotzdem ist jede Seite ein Lesegenuss. Die Dialoge sind auf den Punkt formuliert, sie triefen vor Coolness und Sarkasmus und die inneren Monologe durchzieht eine Melancholie, die die Lektüre für suizidal Veranlagte eindeutig zur Gefahr werden lässt. Aber Marlowe zieht sich buchstäblich immer wieder am eigenen Haarschopf aus dem moralischen Sumpf und seine Menschenfreundlichkeit, die bei aller Härte seinen unverkennbar weichen Kern ausmacht, rettet ihn am Ende wieder mal vor dem Untergang.Die Neuübersetzung ist phasenweise genial gut gelungen, besonders Chandlers einmalige Metaphern und Vergleiche, die stets unerwartet und immer originell sind. Das hat Eleganz und Leichtigkeit, auch wenn verschiedentlich die Assoziationsfähigkeit des Lesers etwas strapaziert wird. Nicht jede Anspielung habe ich verstanden, ob es an mir oder dem Übersetzer lag, kann ich nicht abschließend beurteilen. Ich kenne das Original leider nicht.„Die kleine Schwester“ ist einer der Romane, die man auch zweimal lesen kann, ohne dass der Spaß verloren geht, weil die literarische Virtuosität über kleine Schwachstellen im Drehbuch locker hinweg führt. Philip Marlowe ist der einzige menschenfreundliche Misanthrop, den ich kenne.
Bei Philip Marlowe ruft zunächst eine Kleinmädchenstimme in einer heiklen Angelegenheit an. Ein paar Minuten später steht die junge Orfamay Quest in seinem Büro. Ein typisches Landei, das mit seinem braunen Schneiderkostüm und der randlosen Brille wie eine barmherzige Schwester aussieht. Sie kommt aus Manhattan, Kansas, und sucht in Los Angeles nach ihrem großen Bruder Orrin.Eigentlich hat Marlowe wenig Interesse an dem Fall, denn die Geschichte, die ihm das verklemmte Kleinstadtmädchen da auftischt, kommt ihm nicht ganz stimmig vor. Außerdem bietet sie ihm nur schäbige zwanzig Dollar an. Aber wie immer ist Marlowe gerade nicht gut bei Kasse, also macht er sich auf die Suche nach ihrem Bruder.Die Spur führt Marlowe nach Bay City in ein mieses Hotel, wo Orrin die letzten Monate Unterschlupf gefunden hatte. Inzwischen ist das Zimmer aber durch einen Fremden belegt. Als Marlowe ihn jedoch aufsuchen will, wird er von einer Frau niedergeschlagen und wenig später findet er den Zimmerbewohner mausetot auf seinem Bett, mit einem Eispickel im Genick. Kein schöner Tod durch Rückenmarksverletzung.Es bleibt jedoch nicht bei diesem einen Mord. Der Eispickel-Mörder schlägt noch einmal zu. Grund sind wohl kompromittierende Fotos, die ein aufstrebendes Filmsternchen in Begleitung eines berüchtigten Gangsters zeigen. Der Fall führt Philip Marlowe in die Welt der zweitklassigen Stars, der affektierten Agenten, Trinker, Neurotiker und süchtigen Reichen - alles Typen, den man lieber nicht den Rücken zukehren sollte. Ein Milieu, das aus dem Kleinstadtspießer Orrin Quest scheinbar in kürzester Zeit einen Massenmörder gemacht hat.„Die kleine Schwester“ ist eine Geschichte von organisiertem Verbrechen und Erpressung. In dem Roman aus dem Jahre 1949 hat Raymond Chandler, der mit seiner Zeit in Hollywood nie zufrieden war, seine nicht immer positiven Erfahrungen mit der Filmmetropole und ihren Akteuren einfließen lassen. So hat er viele Kommentare zum Filmgeschäft, die nicht unmittelbar mit der Romanhandlung in Verbindung stehen, mit aufgenommen. Neben den halsbrecherischen Ermittlungen des Privatdetektivs verfügt der Krimi auch über einen Schuss Erotik. Der spannende Roman liegt jetzt in einer Neuübersetzung vor.