Dies ist mein Lieblingsband aus der umfangreichen Tschechow-Reihe des Diogenes Verlages, weil gerade die darin enthaltenden Geschichten mich in ihrer melancholischen, bezaubernden und eben russischen Vielfalt berührt haben wie kaum ein anderes Buch. Zudem hängen für mich persönlich an jeder Geschichte kostbare Erinnerungen, da ich diesen Band, seitdem ich ihn besitze, auf sämtliche Reisen mitgenommen habe, wodurch Tschechows fließende Prosa noch zusätzlich an Atmosphäre gewonnen hat.Mir persönlich gefallen Tschechows Kurzgeschichten der späten 1880er Jahre insgesamt auch am besten, da sie zwar die recht skizzenhafte Kürze seiner frühen Erzählungen verloren haben, aber auch noch nicht die epische Länge seiner späten Erzählungen und Kurzromane erreicht hat (dies soll nicht falsch verstanden werden, ich schätze auch die sehr). Die insgesamt 37 Erzählungen dieses Bandes sind oft noch sehr kurz, aber tiefgründiger und virtuoser erzählt als so manch früheres Werk. Die Themen sind jedoch noch immer dieselben, noch immer die für Tschechow typischen Studien des Individuums Mensch, seines Lebens, seines Umfeldes, seiner Lebensumstände, seiner Visionen und Träume. In jeder einzelnen Erzählung trifft man (neben unvergesslichen Sätzen) Menschen, die dem Leser, obwohl sie natürlich fiktiv sind, bekannt vorkommen. Denn jeder einzelne von ihnen ist, ob nun eine gewöhnliche oder eine außergewöhnliche Erscheinung, so menschlich und so echt, dass man durchaus den eigenen Nachbarn, Bekannten oder Freund in einem Protagonisten wiedererkennt. Auch die verschiedenen Schicksale, die den Menschen in den Erzählungen widerfahren, hat man durchaus schon am eigenen Leibe erfahren. Um die bunte Vielfalt der Geschehenisse hier darzustellen, möchte ich an dieser Stelle Kurzinhaltsangaben meiner absoluten Lieblingserzählungen angeben (über den genauen Inhalt der Erzählungen, ausgenommen die Titelgeschichte, schweigt sich der Diogenes Verlag im Klappentext ja aus):SEKT -ERZÄHLUNG EINES TAUGENICHTS-In dieser Geschichte philosphiert Nikolaj, ein Mann von mittlerem Alter, in der majestätischen Dunkelheit der Steppe in der Silvesternacht über sein Dasein. Unter Einfluss des Sektes gesteht er sich ein, ein Taugenichts zu sein, denn in seinem bisherigen Leben hat er auf ganzer Linie versagt: Eine Karriere blieb ihm, trotz guter Bildung und annehmbarer Herkunft, schuldig und er endete als Bahnwärter im Nirgendwo der Steppe; er ist zwar verheiratet, liebt seine Frau jedoch nicht. Schlimmer, so Nikolaj, kann es nicht kommen. Doch am selben Abend bietet sich für Nikolaj plötzlich die Chance auf Glück, in Form der attraktiven Tante seiner Frau, die unerwartet zu Besuch kommt und zu der er sich sofort hingezogen fühlt. Doch kann Nikolaj dem Fluch des Peches wirklich entkommen?DAS GEWINNLOSSehr kurzweilig und witzig. Iwan Dmitritsch und seine Frau hoffen auf einen Geldgewinn durch ein Los und schmieden in ihren Köpfen bereits tollkühne Pläne, in denen der jeweils Andere interessanterweise jedoch eine bedeutend kleine Rolle spielt. Doch: Haben sich die Beiden am Ende zu früh gefreut?TYPHUSOberleutnant Klimow sitzt im Zug nach Hause und merkt während der Fahrt, dass er krank wird und die Welt um ihn herum zunehmend durch seinen Fieberwahn verzerrt wird. Schließlich wacht er in seinem Haus nach beinahe überstandener Krankeit auf. Doch ist sein Horror mit seiner Gesundung überstanden?VOLODJAVolodja ist ein "hässlicher, schwächlicher, schüchterner Jüngling von siebzehn Jahren", der in seinem jungen Leben jedoch bereits einiges an Enttäuschung und Demütigung ertragen musste. Durch seine Sensibilität belastet er sich selbst weit mehr, als es sein müsste, was schließlich zu einem traurigen Vorfall führt... Leider noch immer sehr aktuell!DAS GLÜCKMänner verschiedenen Ranges treffen in der Dämmerung auf einem Feld aufeinander und philosophieren über das Glück, und wo es gefunden wird. Sehr russisch, sehr nachdenklich, wunderschön.DAS AlTE HAUSEin Hausbesitzer besichtigt die Räume, in der einst eine verarmte, kinderreiche Familie lebte. Der Alkoholismus des Vaters, welcher auch zu zunehmenden Verarmung der Familie führte, bestimmte den traurigen Alltag der Familienmitglieder und drohte, diese völlig ins Verderben zu stürtzen...JUNGENDiesmal führt Tschechow den Leser in ein großbürgerliches bis kleinadeliges Herrenhaus. Volodja, der Sohn des Hauses, kehrt mit seinem Schulfreund aus dem Gymnasium zurück nach Hause. Während sämtliche Familienmitglieder die Festtagsstimmung seiner Heimkehr genießen, schmieden die beiden Jungen jedoch abenteuerliche Pläne: Sie wollen weglaufen und nach Amerika reisen. Wird es ihnen gelingen?Diese, und natürlich auch alle anderen, Geschichten allein lohnen das Lesen dieses wunderschönen Buches. Eine Reise durch diese Steppe der russischen Seele lege ich Jedem ans Herz, der in der Literatur Einfachheit, Natürlichkeit und Menschlichkeit schätzt.