Schon seit vielen Jahren fasziniert mich der kaum zu begreifende Blutrausch der (zweiten) russischen Revolution (1917) und des danach, bis etwa 1921/22 andauernden Bürgerkrieges zwischen "Roten" (Bolschewiken/Kommunisten), "Weißen" (Bürgerlichen/Reaktionären), "Schwarzen" (Anarchisten) und "Grünen" (sich keiner Seite anschließenden Partisanen). Erfreulicherweise wurde in den letzten Jahren auch immer mehr neu dazu veröffentlicht, so dass man nicht nur auf Antiquarisches angewiesen ist.Oftmals aber sind diese literarischen Werke doch noch immer "Kinder ihrer Zeit", also knallhart erlogene Agitation und Propaganda, heutzutage daher oftmals geradezu ekelerregend zu lesen. Erfreulicherweise, trotz Veröffentlichung beim knalllinken "Aufbau"-Verlag, trifft dies auf "Blut und Feuer" nicht im Geringsten zu, im Gegenteil.Artjom Wesjoly, eigentlich Nikolai Iwanowitsch Kotschkurow, 1899 in Samara geboren, veröffentlichte Fragmente des Romans zuerst 1932 unter dem Titel "Russland in Blut gewaschen". Der Autor kämpfte selbst im Bürgerkrieg auf Seite der Roten, Eigenzitat: "Seit 1917 beschäftige ich mich mit Revolution. Seit 1920 mit Schriftstellerei."Doch schon bald nach dem "Sieg des Proletariats" kamen Wesjoly Zweifel, und legte er sich als Journalist mit der Willkür, den Machtüberschreitungen und Privilegien der neuen Sowjetbürokratie an. Daneben arbeitete er von 1920 bis zu seiner Verhaftung 1937 an einer endgültigen Fassung seines großen Bürgerkriegsromans."Blut und Feuer" besticht durch seinen literarischen Stil, der Autor arbeitet viel mit "Slang" und bestimmten russischen Dialekten und Wortfärbungen, er läßt einen vollkommen eintauchen, in die Welt eines idealistischen Kämpfers für die angebliche "gerechte Sache des Proletariats". Doch bald versinkt der Protagonist in Blut, Gewalt und Chaos, und "Gut" oder "Böse" lassen sich kaum noch auseinanderhalten. Auffällig ist dabei seine ausgewogene Sicht insbesondere auf die Anarchisten, was ihm unter Stalins Mordregime später zum Verhängnis wird.Im Oktober 1937 wird der ehemalige tapfere rote Kämpfer Artjom Wesjoly verhaftet und im Moskauer Lubjanka-Gefängnis grausam gefoltert. Gedankliche Nähe zu Trotzkismus und Anarchismus lautet der Vorwurf, und er wird am 8. April 1938 im Alter von 39 Jahren erschossen. Erst 50 Jahre später, 1988, wurde Wesjolys Tochter Gaira Wesjolaja darüber durch das Oberste Gericht der UdSSR informiert. Und der Tochter ist es auch zu danken, dass schließlich das unzensierte Werk doch noch zur Veröffentlichung kam - ergänzt um einige bisher fehlende Teile.Das Buch selber ist wunderschön und wertig gemacht, inklusive Lesebändchen, das Werk umfasst 622 Seiten plus ein lesenswertes Nachwort und mehrere Seiten mit Worterklärungen aus dem Russischen.Ich danke dem Aufbau-Verlag für diese hervorragende Veröffentlichung, für dieses erschütternde Dokument des Zeitgeschehens.Ich möchte die Gelegenheit nutzen und alle Leser dieser Rezension auf eine interessante Möglichkeit hinweisen:Ein ebenso literarisch herausragender Roman zum selben Thema, doch aus genau entgegengesetzter, also aus "weißer", "bürgerlicher", "reaktionärer" Sicht ist "Die weiße Garde" von Michail Bulgakow. Es ist ein spannendes und sehr kurzweiliges Erlebnis, diese beiden Werke direkt hintereinander zu lesen.