Nackt in die DDR. Mein Urgroßonkel Willi Sitte und was die ganze Geschichte mit mir zu tun hat: »Empathisch, kritisch, feinfühlig.« Lukas Rietzschel, Autor des SPIEGEL-Bestsellers »Raumfahrer«
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Lesen & Literatur EAN 9783365003107

Nackt in die DDR. Mein Urgroßonkel Willi Sitte und was die ganze Geschichte mit mir zu tun hat: »Empathisch, kritisch, feinfühlig.« Lukas Rietzschel, Autor des SPIEGEL-Bestsellers »Raumfahrer«

Hersteller: Harpercollins  ·  MPN: 4952276
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Produktfakten auf einen Blick

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HarperCollins
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Produktbeschreibung

Nackt in die DDR. Mein Urgroßonkel Willi Sitte und was die ganze Geschichte mit mir zu tun hat

Bewertungen & Erfahrungen

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Verteilung basiert auf 3 vorliegenden Einzelbewertungen.

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Redaktion 30.06.2026 testmonster.de · Redaktion
Ein sehr interessantes und packendes Buch über die Geschichte von Willi Sitte und seine Verbindung zur DDR, das viele spannende Einblicke bietet. Allerdings sind einige historische Details etwas dicht, was für manche Leser eventuell eine Herausforderung darstellen kann.
"mbade" 14.05.2023 amazon.de
Jahrelang bin ich mehrfach am Tag am Tafelbild „Rock-Sänger“ von Willi Sitte im Neuen Gewandhaus zu Leipzig vorbeigelaufen. Ich war auf dem Weg von Büro zu Büro, von Büro zu Saal, von Büro zur Kantine. Beim Lesen von „Nackt in die DDR“ ist er mir wieder in den Sinn gekommen, und ich habe gelernt, dass das Werk nach der ersten Präsentation gleich mal nach vier Wochen wieder abgehängt wurde, weil es Öbersten der ehemaligen DDR nicht konvenierte. Heute hängt er wieder, im Verein mit den anderen Großen der Maler-Quadriga Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig. Meister Heisig hatte sogar die Ehre, den Gewandhauskapellmeister Kurt Masur zu porträtieren.Aus welchen Gründen Masurs Wahl damals nicht auf Sitte gefallen ist, keine Ahnung. Ob Sitte den Auftrag der Stadt Leipzig angenommen hätte, keine Ahnung. Aber die Beiden hätten sich etwas zu erzählen gehabt. Doch dazu später.Aron Boks, Slammer, Journalist, Schriftsteller, ist jung. Für das Sujet, dass er sich gesucht hat, ist das ein Vorteil. Er ist der Urgroßneffe von Willi Sitte (1921 – 2013), und er hat sich entschieden, die Geschichte seiner Familie mit dem Schwerpunkt „Urgroßonkel“ zu schreiben. Das ist zum jetzigen Zeitpunkt ein kluger Move.Denn: Es ist ausreichend Zeit vergangen, und der Abstand hilft vielleicht, die Dinge von mehreren Seiten zu betrachten.Es gibt eine ausgezeichnete Quellenlage in und um die Familie Sitte. Die Archive quellen über. Viele Akteure, die beitragen können, besitzen Briefe und Notizen. Zahlreiche Familienmitglieder haben selbst Tagebuch geführt oder Unterlagen gesammelt, die sie nun, auf Nachfrage des Autors, in Koffern oder Pappkisten unter Schränken oder Betten hervorziehen.Die letzten Augen- und Ohrenzeugen leben noch.Aron Broks entgeht der Versuchung, eine subjektive Familiengeschichte zu schreiben. Kein Voyeurismus wird befriedigt. Das hat sicherlich nicht nur mit der psychologischen Finesse des Autors tun sondern hängt auch am sagenhaft pragmatischen Umgang der noch lebenden Verwandten mit der Familien- und überhaupt der ganzen Geschichte. Wie sagen Großmutter oder Tante, wenn Aron sie nach ihren Reaktionen auf das ein oder andere Großereignis der deutschen Geschichte, Mauerfall, Wiedervereinigung, befragt: Dazu waren wir doch viel zu sehr mit unseren Dingen beschäftigt.Zahlreiche erklärende Fußnoten und ein ausführlicher Literaturapparat rekonstruieren die Familiengeschichte von 1921 bis kurz nach der Wende. Immer den Fakten nach. Es gibt viel Wissenswertes, bisher vielleicht nicht Bekanntes, nicht nur aus der Familien- sondern auch anderen Quellen. Schüler, Zöglinge, Weggefährten, Freunde, Feinde, Parteifreunde. Die Personnage ist zeitbedingt deutlich herrenlastig.Broks unterzieht sich mühsamen und langwierigen Recherchen. Stöbert Menschen auf, bringt sie zum Sprechen, führt Interviews. Was wir lesen, ist der Kampf und letztendlich das Scheitern des Kommunisten im Sozialismus. Wir lesen die Tragödie des Künstlers im Kampf mit der Obrigkeit. Wir lesen eine Spielart des ewigen Konflikts, Freiheit gegen Macht. Der Wissenschaftler Galileo Galilei gegen die Kirche, J. Robert Oppenheimer gegen die US Regierung. Heinrich Faust gegen den lieben Gott.Willi Sitte selbst bleibt schillernd und uneindeutig. Mit Bezug zu Macht und Privilegien, eitel und gern im Mittelpunkt. Glühender Kämpfer für seine Schützlinge, Mahner an die Adresse der Mächtigen. Als Künstler selbst zu Beginn seiner Karriere unter „Formalismusverdacht“. Geführt als Informator in den Akten der Staatssicherheit. Bewahrer der Freiheit der Kunst?Und da schließt sich der Kreis nach Leipzig. Auch der Gewandhauskapellmeister Kurt Masur kannte diesen Spagat nur zu gut.Boks gelingt die Fusion von Geschichtsbuch und Tagebuch, zwischen Weltgeschichte und Familiengeschichte. Lehrreich und anrührend – und immer sehr respektvoll.Ach ja, und das Finale spielt natürlich wo? In Ahrenshoop, wo sonst.
E. P. 14.05.2023 amazon.de
Aron Boks, 1997 geboren, entdeckt bei seiner Großmutter ein Bild seines Urgroßonkels Willi Sitte: „Die Heilige Familie“ und stellt fest, dass ihm keiner der darauf abgebildeten Menschen irgendwie vertraut ist. Der Maler selbst ist der Bruder seines Urgroßvaters und auch von dem hat er bislang nur wenig gehört.Er beschließt sich auf die Suche zu machen und den Spuren zu folgen, die Willi Sitte hinterlassen hat.Er befragt Verwandte, recherchiert aber auch in Italien, am Geburtsort Willi Sittes Kratzau im heutigen Tschechien, in Halle, seinem langjährigen Wohnort und an anderen Orten seines Wirkens. Zunächst einmal erweitert diese Recherche Arons Horizont beträchtlich. Er lernt viele Verwandte kennen, die ihm vorher vollkommen fremd waren. Und er spricht mit Weggenossen, mit Künstlerkollegen, Schülern, mit Schriftstellern und mit ehemaligen Freunden, die die DDR verlassen haben. Er ergründet das Werk seines Vorfahren ohne Vorurteile. Weder stören ihn die Verwicklungen seines Urgroßonkels in die Politik der DDR noch ist er Kunstkenner und könnte die Bilder von einem künstlerischen Standpunkt aus begutachten. Er geht also sehr offen an die ganze Geschichte heran.So taucht er doch unverhofft in die Kulturpolitik der DDR in den Jahren zwischen 1950 und 1990 ein. Offenbar war Willi Sitte in seinen jungen Jahren lange nicht so angepasst, wie man es ihm später nachgesagt und angelastet hat. Obwohl überzeugter Kommunist und auch aus einer kommunistischen Familie stammend tat er sich schwer mit den Vorgaben und hätte sich zumindest in den 50er und Anfang der 60er Jahre sehr viel mehr künstlerische Freiheiten und Interpretationsspielraum gewünscht. Später dann nutzte die Schlupflöcher, die sich ihm auftaten. Wie offenbar die meisten DDR-Bürger. Man kannte jemanden mit Einfluss und warum sollte man die Kontakte nicht für sich nutzen. Und wenn man geschickt war, konnte man sich selbst einen Bereich aufbauen, in dem man selbst Einfluss hatte und Dinge entscheiden konnte.Unsere heutige Sicht auf die Dinge ist im Westen stark von der langen Berichterstattung der Medien während der Zeit der Trennung der beiden dt. Staaten in BRD und DDR geprägt. Es war nicht der Geschichtsunterricht, denn die Politik träumte ja immer noch von einer Wiedervereinigung und entsprechend hörte Geschichte mit dem Dritten Reich auf. Offenbar war es auch später noch so, auch Arons Kollegin Ruth berichtet von zwei Stunden Unterricht über 40 Jahre der Teilung.Es ist nicht einfach, Menschen, die ein ganzes Leben an das System geglaubt haben und mit dem System gelebt haben, vor den Kopf zu stoßen und ihnen zu verkünden, dass ihr Leben umsonst war. Und die Wiedervereinigung war für viele auch nicht die Lösung, die sie sich erhofft hatten. Sie wollten eine runderneuerte DDR, sie wollten Reisefreiheit, sie wollten das verknöcherte Regime loswerden, sie wollten einen anderen Sozialismus aber sie wollten nicht unbedingt wiedervereinigt werden.Als Familiengeschichte ist das Buch gut zu lesen, es ist nicht trocken, obwohl eine Auseinandersetzung zwischen Realismus und Kubismus in der Kunst schon mal recht abstrakt werden kann.Das Titelbild ist einem der Bilder Willi Sittes entnommen, mit dem Titel fremdele ich noch ein wenig. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass Willi Sitte mit Vorliebe nackte Menschen gemalt hat und dafür an den zahlreichen FKK-Stränden Anschauungsunterricht nahm.
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