Mit ihrem Werk Kairos beschreibt die holländische Philosophin Joke J. Hermsen in faszinierender Weise die Hintergründe des Kairos, den Gott der günstigen Gelegenheiten, der Kontrahent des Chronos, der alte Mann, der mit seiner Sanduhr unerbittlich die Zeit versinnbildlicht. Sie holt tief aus und beschreibt die Wiederbelebung des Kairos, der sonderbaren Figur mit den geflügelten Schultern und Füßen.Die Waage, die Kairos in der Hand hält, die manchmal auch auf der Schneide eines Messers balanciert, verweist auf das äußerst sorgfältige Abwägen des günstigen Augenblicks, der guten Gelegenheiten und der richtigen Argumente. Kairos Kopf ist, bis auf eine lange Locke, die ihm anmutig in die Stirn fällt, kahl geschoren. Fast könnte man meinen man habe es mit einem Punk zu tun. Derjenige, der die günstige Gelegenheit ergreifen möchte, muss das schnell tun, denn Kairos fliegt schnell vorüber, wie so manche Gelegenheit eben. Wer die Gelegenheit ergreifen möchte, muss sie am Schopf packen, an seiner Punkfrisur. Daher kommt auch die Bezeichnung "Die Gelegenheit am Schopf packen".In acht weiteren Kapiteln beschäftigt sie sich mit Enthusiasmus: ein tatkräftiges und melancholisches Erstaunen, Hannah Arendt, Nietzsche und andere Größen der Literatur, wie Thomas Mann mit seinem Zauberberg, Künstlern, Malern und Schriftstellern. Hermsen befasst sich recht tiefgreifend mit der Bildungspolitik und was alles im argen liegt und verbessert werden sollte. Sie schreibt einfühlend und nachvollziehbar, wenn es um Schriftsteller wie Arendt, Nitzsche, Bloch oder Rilke geht, sodass man Lust bekommt gleich die zitierten Bücher zu bestellen. Hannah Arendt hat es ihr besonders angetan. Sie ist ihre Heldin, die es ablehnte, sich einer politischen Partei anzuschließen und in manchen Fragen "linke" und in anderen "rechte" Ansichten vertrat. Ihr zeitweiliger Lebenspartner Ernst Bloch hingegen vertrat lange Zeit den Glauben an eine marxistische Welt, sogar dann noch, als seine Arbeit von den DDR Behörden durch eine Hetzkampagne torpediert wurde.Interessant und auch schade ist, dass Hermsen immer wieder abfällig gegen die Ökonomie, gegen den Kapitalismus schreibt, manchmal an den Haaren herbei gezogen. Ihre politische Sichtweise gleicht eher einem Marxismus, der den Kapitalismus "zugunsten des Gemeinwohls" überwinden solle, auf "Profit" verzichten solle. Offensichtlich ist ihre Kenntnis ökonomischer Zusammenhänge so seicht wie ihre Kenntnis über Philosophie tiefgreifend ist. Sie wäre sicher eine gute Diskussionsteilnehmerin, wenn es um Sinn oder Unsinn von Marktwirtschaft und Gemeinwohl geht. Selber fordert sie, wenn es um Kunst geht, dass wir bei einem Text, einem Bild oder einem Gemälde einen Moment innehalten, bevor wir ein schnelles Urteil darüber fällen, dass wir Freiraum für Überraschungen und Erstaunen schaffen, damit auch in unserem eigenen Kopf neue Gedanken entstehen.All den Künstlern gegenüber hat sie maximale Empathie, eine wesentliche Forderung, die sie berechtigt in den Raum stellt. Vielleicht wäre ein Hineindenken in einen unternehmerischen Künstler eine Therapie. Wenn ein Unternehmer besessen ist von einer Idee, von einer revolutionären Technologie, die in der Lage ist die Welt zu verändern, und er durch dieses Unternehmertum sehr wohlhabend wird, was ist daran auszusetzen, dass er über Geld, vielleicht sehr viel Geld, verfügt? Der Unternehmer hat Menschen Arbeit gegeben, hat sie bezahlt, genauso wie Lieferanten und andere Unternehmen, hat Steuern bezahlt, die politische Maßnahmen erst ermöglichen. Und die Produkte, die er hergestellt und verkauft hat, sind freiwillig durch Konsumenten gekauft worden, nicht durch Zwang. Ein guter Unternehmer schafft ein Pareto-Optimum, da alle Beteiligten einen Nutzen haben und niemand einen Schaden. Nun hat dieser Unternehmer Gewinn erwirtschaftet, ein Zeichen für Effektivität und Effizienz und verantwortungsvollen Ressourceneinsatz. Warum sollte es "böse" sein Gewinn zu erwirtschaften?Es ist leicht Verluste zu erzeugen, aber Verluste bedeuten eine falsche Ressourcenverwendung. So fordert sie "Die Bildung sollte sich an der Entwicklung eines pädagogischen und nicht eines ökonomischen Bewusstseins orientieren, nicht für den Profit!." Ich sehe das völlig gegenteilig. Mehr ökonomisches Verständnis ist dringend zu vermitteln, dann würden auch nicht Parteien und Politiker in eine Regierung gewählt, die von Ökonomie gar keine Ahnung haben und den Wohlstand an die Wand fahren.Ich hätte Lust zu einem Streitgespräch und bin überzeugt, dass beide profitieren würden. Und so beende ich die Rezension mit einem Zitat, das mich sehr beeindruckt: "Es ist das Leiden an neuen Erkenntnissen, und das kann nur dank des Ablegens der alten Gewissheiten geschehen. Diese müssen pulverisiert werden, und dazu bedarf es der Kraft, des Mutes und der Energie." Und was hat das alles mit Kairos zu tun? Nun, es ist der Gott der günstigen Gelegenheiten. Nutzen wir die Gelegenheit, packen wir sie am Schopf und erweitern unsere Kenntnis - in alle Richtungen.