Hellmut Flashar ist als jahrzehntelanger Herausgeber des deutschen Aristoteles ein Verfasser von unbestreitbarer Autorität, sein Buch ist umfassend und informiert. Und doch bin ich mit dem Buch nicht zufrieden. Das liegt zum einen an der Gattung: Seit einigen Jahren veröffentlicht der Beck-Verlag statt der früheren Sachbücher zur Antike mit Vorliebe fast nur noch Biographien. So gibt es dann auch zu Aristophanes und Sophokles solche Titel, und nun auch zu Aristoteles. Verfasser ist hier – wie auch bei fast allen anderen Bänden – ein höchst kompetenter und angesehener (meist auch etwas älterer) Experte. Aber Aristoteles ist – wie Aristophanes und Sophokles, aber anders als Perikles oder Demosthenes – nicht die Person, über die sich eine Biographie schreiben lässt. Früher gab es im Gefolge Gundolfs noch Versuche, sogenannte Gestaltmonographien zu schreiben und die „innere Form“ zu ergründen, und damit ließ sich dann auch über Hippokrates oder Poseidonios schreiben. Aber seit dieses Modell außer Gebrauch geraten ist, haben die Altphilologen keinen Ersatz gefunden, und schreiben jetzt Überblicksdarstellungen, in denen auf einen kurzen biographischen Abriss eine Folge von Einzelreferaten der erhaltenen Werke und am Schluss ein kurzer Abschnitt zur Rezeption steht.Für Sophokles (ebenfalls von Flashar) funktioniert das noch recht gut. Bei Aristoteles scheint das aber nicht gelingen zu können. Dem Buch fehlt eine These, die das Ganze verbindet, stattdessen gibt es ausführliche, aber nicht in die Tiefe gehende Inhaltsangaben mit angehängten Bemerkungen. Als Ersatz für eine Fragestellung dient weitgehend das Schlagwort vom Empiriker Aristoteles (man vergleiche den letzten Satz des Buches), der spekulative Aristoteles wird eher nebenbei und mit salvierenden Bemerkungen präsentiert. Dagegen stechen dann gelegentlich einige pathetische Bermekungen ab, die noch an die Rhetorik der 50er Jahre und an Flashars Vorgänger Ernst Grumach erinnern. Zumindest für die Ökonomie einer monographischen Darstellungen wäre der umgekehrte Zugang sicher hilfreicher gewesen (wie das gehen könnte, kann man an Hegels Aristoteles-Darstellung ersehen, die anders als viele andere Ausführungen seiner philosophigeschichtlichen Vorlesungen noch heute außerordentlich aufschlussreich ist). Die Arbeiten Arbogast Schmitts und seiner Schule zeigen, dass es auch heute möglich sein sollte, einen weniger stark historisierenden Zugang zu Aristoteles zu vertreten.Dem Zweck, den dieses Buch allenfalls erfüllt – einen Überblick über das ganze Werk zu geben –, dienen die langen Lexikonartikel von Ingemar Düring im Supplement der Realenzyklopädie von Pauly & Wissowa oder von Flashar selbst im Neuen Überweg weit besser. Sie sind noch umfassender, stärker problemorientiert und geben einen tieferen Einblick in die Forschungsdiskussion, um den man bei eingehenderer Beschäftigung mit Aristoteles einfach nicht herumkommt; wenn man es nicht so genau wissen will, überliest man eben einige Abschnitte. Als umfasssende Monographien gibt es die 500-600 Seiten dicken Bücher von Düring und von Guthrie, das erste eher an der deutschen Forschung orientiert, das zweite an der englischsprachigen. Für Einführungszwecke stehen eine ganze Reihe von Taschenbüchern bereit – und anders als bei Platon gibt es bei Aristoteles so etwas wie völlig unbrauchbare Arbeiten über ihn kaum.Für Flashars Biographie scheint mir das Publikum zu fehlen, das diese Darstellung wirklich benötigt und sinnvoll gebrauchen kann. Besonders auffallend war mir, dass es ihm kaum gelingt, überzeugende aktualisierende Bezüge herzustellen – obwohl daran in der Gegenwart kein Mangel besteht. In der analytischen Ontologie ist die Substanzmetaphysik wiedererstanden, die Teleologie wird in naturalismuskritischen Arbeiten häufig zum Vergleich (und nicht nur zu ihrem Nachteil) bemüht, und in der Ethik gibt es eine sehr lebendige Diskussion um die Tugendethik. Bei Flashar werden eher Bezüge zur Ritterschule von Münster, zu Heisenberg und C.F.v.Weizsäcker sowie zu Jacques Monod hergestellt – alle aus den 1950er Jahren. An einigen wenigen Stellen (etwa bei den Äußerungen zur Rezeption der aristotelischen Psychologie im Hellenismus) schien mir eine nicht ganz aktuelle Kenntnis des Forschungsstandes vorzuliegen, aber es mag sein, dass Flashar sich nur missverständlich ausdrückt oder ich ihn missverstanden habe.