Edward O. Wilson gilt als „Vater“ der Soziobiologie, seit er ihr 1975 mit seinem Buch „Sociobiology – The New Synthesis“ den Namen gab und sie als neue naturwissenschaftliche Disziplin etablierte. Doch 2010 kritisierte Wilson aufgrund neuer empirischer Erkenntnisse zusammen mit Martin Nowak und Corina Tarnita die einst von ihm selbst etablierte Disziplin, indem er nachwies, „dass die Theorie der Gesamtfitness, häufig auch als Theorie der Verwandtenselektion bezeichnet, sowohl mathematisch als auch biologisch fehlerhaft ist“ (Wilson 2013, S. 174). Mit dem vorliegenden Buch bestätigt Wilson diese Einwände nicht nur, sondern er erweitert es zu einer geradezu vernichtenden Kritik und vollkommenen Kehrtwende (wieder hin zur Gruppenselektion): „Die schöne Theorie hat ohnehin nie gut funktioniert, aber jetzt ist sie in sich zusammengestürzt“ (S. 68).Wilson stellt dabei sogar die Wissenschaftlichkeit des Ansatzes, der zu dieser Theorie geführt hat, in Frage: „Schlimmer noch: Der Glaube an die vermeintliche Schlüsselrolle der Verwandtschaft bei der sozialen Evolution hat uns dazu geführt, dass die normale Reihenfolge biologischer Forschung umgekehrt wurde. In der Evolutionstheorie wie in den meisten Naturwissenschaften ist es erwiesenermaßen die beste Methode, ein Problem zu definieren, das sich aus der empirischen Forschung ergibt, und dann die geeignete Theorie zu seiner Lösung auszuarbeiten. Bei der Gesamtfitness-Theorie ist fast die gesamte Forschung umgekehrt verlaufen: Erst wurde hypothetisch die zentrale Rolle der Verwandtschaft und der Verwandtenselektion festgelegt, dann wurde nach Beweisen gesucht, die diese Hypothese belegen sollten“ (S. 213)Auch die folgende Kritik zielt mit der Verwendung eines religiösen Begriffes darauf ab, dass bei dieser Theorie mehr als nur wissenschaftliches Interesse im Spiel ist, und dieser religiöse Begriff erklärt auch recht gut die drastischen Reaktionen seiner Kollegen und ehemaligen Anhänger bezüglich der Kehrtwende von Wilson: „Das alte Paradigma der sozialen Evolution, das nach vier Jahrzehnten fast schon Heiligenstatus genießt, ist damit gescheitert. Seine Argumentation von der Verwandtenselektion als Prozess über Hamiltons Ungleichung als Bedingung für Kooperation bis zur Gesamtfitness als darwinschem Status der Koloniemitglieder funktioniert nicht. Wenn es bei Tieren überhaupt zur Verwandtenselektion kommt, dann nur bei einer schwachen Form der Selektion, die ausschließlich unter leicht verletzbaren Sonderbedingungen auftritt. Als Gegenstand einer allgemeinen Theorie ist die Gesamtfitness ein trügerisches mathematisches Konstrukt; unter keinen Umständen lässt es sich so fassen, dass es wirkliche biologische Bedeutung erhält. Auch für den Nachvollzug der Evolutionsdynamik genetisch bedingter sozialer Systeme ist es unbrauchbar“ (S. 221-222).Wilsons einstige Mitstreiter und Anhänger empfinden diese Kehrtwende als Verrat und Sakrileg. 137 Wissenschaftler unterschrieben einen Artikel, der Wilson „ein Missverständnis der Evolutionstheorie“ vorwirft. Besonders Richard Dawkins, der mit seinem Buch „Das egoistische Gen“ die Theorie der Verwandtenselektion einer breiten Öffentlichkeit vermittelt hatte, wirft Wilson „schamlose Arroganz“ und „perverse Missverständnisse“ vor, und empfiehlt, dieses Buch von Wilson „mit Wucht wegzuschleudern“. Diese Reaktionen haben wenig bis nichts mit einem seriösen Wissenschaftsverständnis zu tun, bei dem der dauernde Zweifel zur Methode und die ständige Bereitschaft zum Wechsel einer Theorie zur selbstverständlichen Voraussetzung gehört, sondern mehr mit einem quasireligiösen Dogmatismus. Wilson nennt in einem SPIEGEL-Interview („Wir sind ein Schlamassel“, SPIEGEL 8-2013) die wahren und in gewisser Weise nachvollziehbaren Gründe dieser unwissenschaftlichen Reaktionen auf seine neuen Erkenntnisse hin, und er nennt sie im Rahmen seiner in diesem Buch neu vorgestellten Theorie über die Natur des Menschen: „Die meisten davon [der den gegen ihn gerichteten Artikel unterschreibenden 137 Wissenschaftler] haben ihre ganze Karriere auf der Verwandtenselektion aufgebaut. Wissenschaft ist bestimmt von Stammesdenken. Wenn das ganze Leben mit einer bestimmten Theorie verbunden ist, kann man nicht davon lassen.“Der Extremfall dieses Stammesdenkens ist im Dogmatismus der Religion zu finden, die jeden Kritiker verteufelt, aber es gibt dieses Verhalten leider auch noch in der Wissenschaft, wie diese Reaktionen auf die neuen Erkenntnisse von Wilson es leider beweisen.Was würde es für einen Wissenschaftler bedeuten, der seine ganze Universitätskarriere auf der Theorie der Verwandtenselektion aufgebaut hat, nun aber die vernichtende Kritik von Wilson anerkennen würde? Vom Ideal der wissenschaftlichen Methode her wäre das vorbildlich, von seiner gesellschaftlichen Reputation her wäre es jedoch ein Fiasko, denn er würde damit eingestehen, dass er die ganze Zeit eine Irrlehre vertreten hat und es, im Gegensatz zu Wilson, nicht einmal selbst bemerkt hat. Von daher lässt sich die unsachliche Kritik an Wilson erklären.Die momentane Auseinandersetzung in der Biologie kann als Musterbeispiel dafür genommen werden, inwieweit Wissenschaft und wissenschaftliche Methode wirklich ernst genommen werden und wie stark dabei Emotionen und persönliche Interessen mit hinein spielen. Vom wissenschaftlichen Ideal her ist zumindest das, was Wilson getan hat, völlig normal, ja im höchsten Maße vorbildlich: Er etablierte eine Theorie, erkennt im Nachhinein Widersprüche darin, kehrt diese Widersprüche aber nicht unter den Teppich, um seinen durch diese Theorie geschaffenen Ruf nicht zu gefährden, sondern verwirft die Theorie ohne Rücksicht auf seine persönlichen Interessen vollständig und gesteht seinen Irrtum ein. Das ist Wissenschaft, wie sie sein soll.In dem schon erwähnten SPIEGEL-Interview sagt Wilson, dass die Theorie der Verwandtenselektion „im Grunde überhaupt nichts erklärt“. Das trifft insbesondere auf das menschliche Sein zu. Im Gegensatz zur Theorie der Verwandtenselektion lässt sich die neue Theorie von Wilson auch auf konkrete menschliche Probleme wie das gewalttätige, kriegerische Verhalten oder den Rassismus anwenden, indem sie von der Natur des Menschen her das Zustandekommen dieser Probleme einsichtig erklärt. Das heißt konkret, dass die Grundantriebe dieses instinkthaften und angeborenen Verhaltens zu unserer Natur gehören und sie somit wie etwa die Sexualität nicht einfach verboten werden können. Die Lösung nach Wilson liegt darin, diese Grundantriebe in kulturell geeignete Bahnen umzuleiten, um sie so konstruktiv nutzen zu können, wie etwa im sportlichen oder technischen Wettkampf.Das letzte Kapitel dieses Buches mit der Überschrift „Wohin gehen wir?“ dreht sich ebenfalls um ein großes Problem des modernen Menschen und auch das liegt folgender Aussage von Wilson nach in unserer Natur begründet: „Wir sind ein evolutionäres Mischwesen, eine Chimärennatur, wir leben dank unserer Intelligenz, die von den Bedürfnissen des tierischen Instinkts gesteuert wird. Deswegen zerstören wir gedankenlos die Biosphäre und damit unsere eigenen Aussichten auf dauerhafte Existenz“ (S. 23). Wilson führt in diesem letzten Kapitel aus, dass der Mensch aufgrund seiner Natur sich selbst und den anderen Lebewesen noch sehr viel Schaden zufügen wird, dass er aber damit aufhören muss, „unsere Heimat zu zerstören, die einzige Heimat, die die Menschheit je haben wird“ (S. 352). „Ohne Not verwandeln wir das Gold, das wir von unseren Vorfahren geerbt haben, in Stroh, und unsere Nachkommen werden uns dafür verachten“ (S. 352). Die Möglichkeit auf fremden Planeten an neue Ressourcen zu kommen oder andere Sternensysteme zu kolonisieren, ist für Wilson als Lösung völlig illusorisch.Wilson vertritt hier die Auffassung, dass in dieser Situation die unermesslichen Probleme einer evolvierenden Zivilisation in einer begrenzten Biosphäre sich nicht durch immer weiteren Wettbewerb zwischen Religionen, Ideologien oder kriegerischen Nationen lösen lassen. Er spricht hier vom „Erwachsenwerden“, und zwar dadurch, dass „große Probleme nach großen Lösungen verlangen, die nur rational durch die Kooperation aller Parteien gelingen“ (S. 355).Doch diese Vision der „großen Lösungen“ und „die unbegrenzten Möglichkeiten der Erfüllung“ führt Wilson dann nicht weiter aus, weder in Verbindung zu seiner in dem Buch zuvor dargestellten Theorie über die Natur des Menschen, noch sagt er, wie seine Aussage, dass „Krieg und Genozid universell und ewig [sind], sie nicht zu bestimmten Zeiten oder Kulturen [gehören]“ (S. 85) hier ihre Gültigkeit verlieren soll. Statt von seiner Theorie her zu der „großen Lösung“ anzusetzen und sie konkret und einsichtig darzulegen, also zu sagen, wie der Mensch mit Hilfe seines geistig-kulturellen Potentials seine zu diesen großen und unermesslichen Problemen führenden Instinktbeeinflussungen überwinden kann, bekennt Wilson direkt danach, wie er es selbst treffend ausdrückt, seinen „eigenen blinden Glauben“ (S. 355), dass, wenn wir es wollen, die Erde sich im 22. Jahrhundert in ein dauerhaftes Paradies für den Menschen verwandeln lässt oder zumindest in einen vielversprechenden Anfang davon. Als Voraussetzung dazu nennt er jedoch nur mehr oder weniger bekannte Allgemeinplätze als „neue Aufklärung“, nämlich die Überwindung des religiösen Glaubens an übernatürliche Mächte genauso wie des Glaubens an dogmatische politische Ideologien, stattdessen die vermehrte Hinwendung zur modernen Naturwissenschaft und das Verhalten, den einfachen Anstand gegenüber dem Anderen zum ethischen Grundsatz zu machen, unablässig unsere Vernunft zu gebrauchen und zu akzeptieren, was wir wirklich sind. Diese von Wilson genannten Entwicklungen der Aufklärung finden schon lange statt und sind natürlich weiterzuführen, aber das ist in dieser Form nichts wirklich Neues, das eine entscheidende, neue Lösung von der Natur des Menschen her verspricht.Doch diese „große Lösung“, die Wilson in seinem Schlusskapitel leider nur anreisst, ist realisierbar und der entscheidende Schlüssel dazu ist schon lange vorhanden. Im Grunde ist Wilson mit seiner Gruppenselektion wieder auf die alte Verhaltensforschung zugegangen, wie sie etwa Konrad Lorenz betrieben hat. Wenn ganz im Geiste Wilsons das „Stammesdenken“ und die starre Fixierung auf nur eine Theorie und das dogmatische Festhalten daran überwunden werden kann und man geistig flexibel genug ist, auch in alten und schon fast vergessenen Theorien nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen, so wird man bei Lorenz diesen Schlüssel zu der „großen Lösung“ finden, von der Wilson spricht. Darin wird dann auch der nachfolgend beschriebene Mangel (als „blinder Glaube“) aufgehoben, der Wilsons neuer Theorie noch anhaftet.Wilson sucht und definiert die Natur des Menschen, wie er es ausdrückt, zwischen den Genen und den von der Anthropologie identifizierten Universalien der Kultur. Diese Universalien der Kultur sind für ihn die sozialen Verhaltensweisen und Institutionen, die all den Hunderten von menschlichen Gesellschaften gemeinsam sind. Er zählt hier 67 dieser Universalien auf, wie etwa „Aberglaube über Glück und Unglück“, Begräbnisriten“ usw., wobei dazu auch die Sprache gehört (S. 232-233).Das, was zwischen den Genen und den Universalien der Kultur liegt, nennt Wilson die „epigenetischen Regeln“. Diese sind über einen langen Zeitraum der frühen Vorgeschichte durch die Wechselwirkung der genetischen und der kulturellen Evolution entstanden, der sogenannten „Gen-Kultur-Koevolution“, und Wilson sieht in dieser »Dazwischen«-Lösung den wahren Kern der menschlichen Natur (dagegen sieht die Theorie der Verwandtenselektion mit ihrem gen-zentrierten Ansatz den Kern der menschlichen Natur nur von den Genen her, Kultur spielt hier nur bei der Lösung der biologischen Grundprobleme von Selbsterhaltung und Reproduktion eine Rolle). Wie es die Vorsilbe „epi“ ausdrückt, sind diese Regeln gemäß Wilson genetisch nicht fest vorgegeben, also weniger starr als reine Reflexe wie das Augenzwinkern oder der Kniesehnenreflex, und in diese Offenheit oder Flexibilität kann das gelernte Kulturelle mit hineinspielen. Wilson sagt darüber: „Diese Verhaltensformen werden erlernt, aber der Lernprozess ist, wie es in der Psychologie heißt, «vorbereitet»“ (S. 235). Als Beispiele nennt Wilson hier etwa die Schlangen- oder Höhenangst, aber dazu gehört ihm nach auch das (für die Gruppenselektion) wichtige Verhalten der Gruppenbildung und seiner Besonderheiten, wie etwa die bis zum Völkermord gehende Diskriminierung konkurrierender Gruppen.An anderer Stelle bezeichnet Wilson die Sprache als den „Gral der menschlichen Sozialevolution“, die „der menschlichen Spezies geradezu Zauberkraft“ (S. 273) verleiht. Aber die Sprache besitzt trotz dieser bedeutungsvollen Worte in seiner Theorie nur eine statische Funktion als eine kulturelle Universalie unter vielen anderen. Ganz anders ist das bei Lorenz, denn dieser setzt in dem folgenden Zitat das genetische Informationssystem, das Leben erst ermöglicht hat, von der Bedeutung her mit dem neuen neuronalen Informationssystem gleich, das den Menschen erst zum Menschen macht: „Während all der gewaltigen Epochen der Erdgeschichte, während deren aus einem tief unter den Bakterien stehenden Vor-Lebewesen unsere vormenschlichen Ahnen entstanden, waren es die Kettenmoleküle der Genome, denen die Leistung anvertraut war, Wissen zu bewahren und es, mit diesem Pfunde wuchernd, zu vermehren. Und nun tritt gegen Ende des Tertiärs urplötzlich ein völlig anders geartetes organisches System auf den Plan, das sich unterfängt, dasselbe zu leisten, nur schneller und besser. [...] Es ist daher keine Übertreibung zu sagen, dass das geistige Leben des Menschen eine neue Art von Leben sei“ (K. Lorenz „Die Rückseite des Spiegels, München 1987, S. 217).Zwar hat die neuronale Weiterverarbeitung der Sinnesdaten schon bei den Tieren eine immer größere Bedeutung und Komplexität erlangt, so dass die sogenannten höheren Tiere entstanden, bei denen der einfache Werkzeuggebrauch nicht genetisch selektiert und angeboren, sondern auf neuronale Weise erlernt ist. Doch Geist und Kultur des Menschen bestehen im Sinne von Lorenz trotzdem nicht in einem bloßen quantitativen weiteren Wachsen der neuronalen Weiterarbeitung der Sinnesdaten (wie es sowohl Darwin als auch die Soziobiologie und Wilson mit seiner neuen Theorie annehmen). Für Lorenz ist mit dem Sein des Menschen ein völlig neuer tiefer Einschnitt, eine neue Schicht oder ein neuer Übergang in der Entwicklung des Lebens entstanden, so wie wie zwischen dem Anorganischen und dem Organischen als Beginn der Evolution des Lebendigen oder zwischen Pflanze und Tier. Mit dem Menschen hat für Lorenz deswegen ein weiterer dieser großen Übergänge stattgefunden, weil beim Menschen die neuronale Informationsverarbeitung plötzlich die Funktion eines sich selbst tragenden, die Welt und das Verhalten umfassend abstrahierenden und codierenden Systems erreicht hat: Das unserer Sprache, in der wir auch denken.Bei dieser neuen, neuronalen Evolution werden nicht mehr neue Lebewesen und angeborene Verhaltensweisen hervorgebracht, sondern als Kultur künstliche Produkte und gelernte Verhaltensweisen. Doch trotz dieser Unterschiede ist das, was das neue neuronale System generiert, ebenfalls Evolution. Das bedeutet, das heute die Evolution beim Menschen in dramatischer Weise fortschreitet, obwohl sich genetisch gar nichts ändert. In dieser neuen, neuronal getragenen Evolution gilt nicht mehr das Recht des Stärkeren und die das physische Sein der Lebewesen betreffende gewalttätige, animalische Selektion, sondern im Idealfall nur die intelligente Selektion auf der Ebene der begrifflichen Abstraktionen als Denken.Was in dieser neuen Evolution jedoch ebenfalls noch gilt, ist die von Wilson genannte Chimärennatur des Menschen. Die in der genetischen Evolution entstandenen Verhaltensweisen, wie die innerartliche Aggression etwa als Gewalt zur Problemlösung und Weiterentwicklung oder als Rassismus, sind in ihren Grundantrieben genetisch verankert und daher natürlich nicht verschwunden. Diese quasi animalischen Werte von Rang, Macht und Reichtum bestimmen daher immer noch das (Fehl)Verhalten des heutigen Menschen, in jüngster Vergangenheit als Rassismus und kriegerischer Nationalismus und heute als ruinöser wirtschaftlicher Wettbewerb zwischen den Staaten in der exzessiven Ansammlung materieller Werte in einer endlichen Biosphäre, an deren Grenzen der Mensch heute stößt. Das prägende Kennzeichen dieser instinkthaften Grundantriebe ist es, dass sie selbst dann weiter wirken, wenn das Überleben auf dem Spiel steht.Die „große Lösung“ mit dem »Schlüssel« von Lorenz besteht darin, dass der Mensch nicht auf Gedeih und Verderb von seinen Genen und den darin verankerten Instinkten abhängig ist. Sprache, Geist und Kultur sind nicht nur ein Nebenprodukt der genetischen Evolution oder etwas, was die genetische Evolution in Schlepptau nimmt, oder nach Wilson bloß eine statische Universalie menschlicher Gemeinschaften, sondern neben den Genen ein gleichberechtigtes, ja sogar überlegenes Evolutionssystem mit eigener Gesetzmäßigkeit, das das eigentlich Menschliche erst bedingt und in dem auch nur die weitere Evolution für den Menschen liegen kann.Konkret heißt diese neue Orientierung, dass der Mensch seinen Lebenssinn nicht mehr in seinen instinkthaften Werten und einem materiellen Wachstumsideal finden sollte oder kann, sondern mehr und mehr in dem dynamischen und evolutionär entwicklungsfähigen und insofern mit „Zauberkraft“ ausgestatteten Geistig-Kulturellen und einem dementsprechenden geistig-kulturellen Wachstumsideal. Die Begrenztheit der Biosphäre erzwingt dabei letztlich diese Richtung der weiteren Evolution.Wenn der Mensch nicht auf animalische Weise durch von seinem eigenen Fehlverhalten verursachte Katastrophen in diese Richtung gestoßen werden will, sondern diese Richtung selbständig und darin human und harmonisch einschlägt, setzt das voraus, dass er sich der neuen, neuronalen Evolution als seinem eigentlichen Wesen in seiner gespaltenen Natur nicht nur bewusst werden muss, sondern er sich auch existentiell dazu bekennen muss. Konkret heißt das, dass der Wettbewerb und die Auseinandersetzungen nicht mehr materiellen Zielen dienen oder gar gewalttätig bestimmt sein darf, sondern dass der Wettbewerb und die Auseinandersetzungen nur noch geistig-kultureller Art sein und geistig-kulturellen Zielen dienen dürfen. Damit wären die gesamten Probleme, mit denen der Mensch heute zu kämpfen hat, nachhaltig gelöst.Ein guter Prüfstein für diesen Wechsel ist es, wenn nur mit sachlichen Argumenten und Vernunft nach einer wahren Theorie gesucht wird (als Wirken der neuronalen Evolution!), die diese „große Lösung“ erfüllen kann, und nicht engstirnig, starr und emotional an einer bestimmten Theorie festgehalten wird. Das gilt erst recht, wenn die alternative Theorie sowohl in der Praxis anwendbar ist, als auch den Widerspruch zu den Geistes- und Kulturwissenschaften überwindet. Der »Schlüssel« von Lorenz erfüllt im Gegensatz zur Soziobiologie beides.