Ich kann feststellen, das Hakan Nesser auch mit zunehmendem Alter in keinster Weise nachgelassen hat.Seine Eloquenz, die Prosa seiner Sprache, seine Philosophie,- das macht ihm so schnell keiner nach. Auch wenn, die vorliegende Geschichte kein reiner Krimi ist, schafft es der Autor trotzdem den Spannungsbogen durchgängig hoch zu halten. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand nehmen, so packend und interessant fand ich die Erinnerungen des Protagonisten. Was ich auch sehr bemerkenswert finde, ist das Hakan Nesser in dieser Erzählung die Tücken des Alters so genau und treffend beschreibt, aber dabei seinen trockenen Humor nicht vergisst. Köstlich !Deshalb,- ich wünsche mir noch viele neue Bücher von diesem Autor.
In Kürze: schwer einzuordnender Roman. Ich finde Argumente dafür, ihn tiefgehend, berührend und originell zu finden und ich finde Argumente dafür, ihn langweilig, seine Geschichte wenig berichtenswert, nur mäßig originell und auch in Bezug auf die Gesamtheit von Nesser Ouevre redundant zu finden. Die Frage, die mir schon bei den letzten Nesser-Veröffentlichung immer mehr in den Sinn kam, bleibt auch hier: werde ich Nesser-müde oder war Nesser früher besser? Werde ich oberflächlicher oder war Nesser früher unterhaltsamer? Werde ich ansprüchlicher oder war Nesser psychologischer und philosophischer Tiefgang früher stärker vorhanden und eleganter ausgeführt?Ich bleibe unschlüssig, kann keine 5 Sterne vergeben, überlege ob es 3 sein sollten und entscheide mich als Person, der Nesser sehr viele Stunden Lesevergnügen in ihrem Leben bereitet hat, zunächst für 4. Denke mir allerdings, dass Nesser aus meiner Sicht seit dem Tiefpunkt "Himmel über London" derart nachgelassen hat, dass ich jetzt tatsächlich mal 3 vergeben muss.Ausführlicher: es geht mal wieder um einen alten, einsamen Mann wie letztlich in der gesamten Van-Veeteren-Reihe, wie in "Das zweite Leben des Herrn Roos", wie in "Barbarotti und der schwermütige Busfahrer", wie teilweise in "Schach unter dem Vulkan". Also nicht gerade der neueste Gegenstand. Die Hauptfigur Adalbert Hanzon ist 74 Jahre alt, Sohn einer kurz nach seiner Geburt verstorbenen Französin und eines Schweden, der verstarb als der kleine Adalbert 7 war. Adalbert wird von einer Tante großgezogen, kann sich nach der Schule nicht so recht für ein Studium entscheiden und wird schließlich Hausmeister in einer Schule. Er freundet sich mit einem Lehrer an, der hobbymäßig alte Kriminalfälle nach recherchiert, so z.B. auch eines Tages den Mord an einem angesehenen Industriellen, dessen Hausmädchen beschuldigt wird. Hanzon sucht die Stiefmutter des Hausmädchens auf und macht dabei eine verhängnisvolle Bekanntschaft.Nesser erzählt das Schicksal des Adalbert Hanzon aus dessen Perspektive, Kapitel für Kapitel wechselnd in der Zeit als dieser 74 ist und in der Zeit seiner Kindheit, Jugend und seiner 20er. Auch in der Gegenwart wird der mittlerweile beträchtlich vorgealterte Hanzon neuerdings immer wieder mit den Vorkomnissen aus den 70er-Jahren konfrontiert, denn er meint, jemanden gesehen zu haben, der 1974 aus einem Leben verschwunden ist und macht sich auf dessen Fersen.Nessers Schreibstil empfinde ich nach wie vor als angehem: flüssig zu lesen, mir gefällt der Humor, mir gefällt die Verquickung mit Fragen der Lebensführung und der Philosophie. Das Schicksal Hanzons ist in seiner Gewöhnlichkeit und Außergewöhnlichkeit berührend. Insofern ist "Der Halbmörder" ein gelungener Roman. Als Krimi ebenfalls, wobei eben betont werden muss, dass Nesser nie ein Thriller-Autor war, sondern eher die feine, subtile Klinge des Genres zu schwingen weiß. Und ob es sich überhaupt um einen Kriminalroman handelt, ließe sich diskutieren.Wie bereits erwähnt hat dieses Buch aus meiner Sicht auch eine Reihe von Schattenseiten. Oder eben ich als Leser. Vielleicht bin ich verwöhnt und in meinen Bedürfnissen verflacht. Es ist klar, hier schreibt nicht Sebastian Fitzek, der neuerdings nicht mal mehr allzu sehr übertreibt und dennoch unnachahmlich Spannung aufrecht zu erhalten versteht. Geschenkt, das war klar, dass Nesser nicht wie Fitzek schreibt und ist auch gut so. Ich finde nur leider, Nesser schreibt auch nicht mehr wie Nesser oder ich bin Nesser-müde. "In Liebe, Anges", "Und Picadilly Circus liegt nicht in Kumla", "Kim Novak badete nie im See von Genezareth", "Menschen ohne Hund", "Die Fliege und die Ewigkeit", um nur ein paar Titel zu nennen, bei denen Nessers Mischung aus lakonischem Erzählstil, psychologischer und soziologischer Ausleuchtung seiner Figuren und philosophischen Ideen, gepaart mit einer Prise subtilem, manchmal sehr schwarzem, seltener auch mal albernem Humor, haben mich gelehrt, diesen Autor zu lieben. Seit dem für mich extrem öden "Himmel über London" lässt meine Begeisterung für diesen Autor nach. Ihm fehlt der letzte Pfiff seiner früheren Werke. Es ist handwerklich solide, der Mann kann erzählen, unterhalten, Spannung aufbauen, kluge Fragen aufwerfen und besprechen. Aber für meinen Geschmack konnte er das alles auch schon mal noch deutlich besser.