Bret Easton Ellis, der heuer im März seinen 55. Geburtstag feierte, debütierte 1985 mit "Unter Null" und schrieb dann mit dem schockierenden "American Psycho" Literaturgeschichte. Dabei erschuf er mit Patrick Bateman eine der furchteinflößendsten Romanfiguren aller Zeiten. Mich persönlich hat "American Psycho" geradezu umgehauen damals, manchmal traute ich mich kaum, weiterzulesen. Ein unvergessliches Erlebnis!Nun, seitdem sind schon wieder mehr als 25 Jahre vergangen, und in all der Zeit habe ich diesen Autor bisweilen aus den Augen verloren. Umso neugieriger war ich nun auf sein neues Werk. Ich wusste, diesmal ist es kein Roman, sondern eher eine Collage aus persönlichen Erlebnissen sowie Interpretationen künstlerischer Werke, insbesondere Filme. Ich ging mit keiner besonderen Erwartungshaltung an "Weiss" heran, ich war einfach nur neugierig auf den älter gewordenen "Bret".Jetzt aber kriege ich mich kaum ein, vor Begeisterung!Bret Easton Ellis rechnet ab, mit einer politisch-korrekten Pseudowelt, in denen nur bestimmte Anführer der "Reputationsindustrie" festlegen dürfen, was man gut zu finden hat und was nicht. Was man sagen darf und was nicht. Und über wen und über wen nicht. Er reißt all den Heuchlern, all den "Künstlern", und insbesondere Hollywood die politisch korrekte Maske vom Gesicht und sagt, was Sache ist. Das Besondere daran ist jedoch, dass er dabei immer freundlich bleibt, kaum in einen gehässigen Ton verfällt, und seine messerscharfen Beobachtungen von einer ganz klar schwul-liberalen Position aus äußert.Er bekennt, weder Clinton noch Trump gewählt zu haben, da ihm aus seiner liberalen Warte heraus beides unmöglich erschien. Doch er verstünde nicht, wieso nachdem Trump gewählt worden war, die Demokraten so durchgedreht seien.Das erschiene ihm wie die Trotzreaktion eines unreifen Kindes.Hier nun einige besonderes gelungenen Textstellen aus dem Werk:"Alle müssen gleich sein, alle müssen die gleichen Reaktionen auf bestimmte Kunstwerke, Bewegungen, Ideen zeigen, und wenn man sich weigert, in den Begeisterungschor einzustimmen, wird man als Rassist oder Frauenfeind gebrandmarkt.""Ich bin im Grunde Romantiker und habe nie geglaubt, dass Politik das dunkle Herz der menschlichen Probleme und unserer gesetzlosen Sexualität lösen kann, oder dass ein bürokratisches Pflaster die tiefen widersprüchlichen Gräben und die Grausamkeit, die Leidenschaften und die Betrügereien heilen kann, die das Menschliche ausmachen.""In der Ära Trump schien es keinen Frieden, kein Entrinnen zu geben, für niemanden. Alle wirkten verletzlich gegenüber jeder Mikroaggression, alle lebten in ihrer Hälfte einer schwarz-weißen Welt.""Der wirkliche Verlust für die amerikanische Kultur sei das Verschwinden der Kennerschaft: der Fähigkeit, zwischen dem wahrhaft Guten und dem bloß Mittelmäßigen zu unterscheiden.""Heutzutage verwechseln Menschen ständig Gedanken und Meinungen mit tatsächlichen Vergehen. Gefühle sind keine Fakten, Meinungen sind keine Verbrechen, Kunst ist immer noch Kunst.""Die Linke war eine Wutmaschine geworden, die sich selbst verbrannte: eine schmelzende Blase, die in sich selbst zusammenfiel.""In einer Woche im August führte ich zwei Gespräche mit zwei Frauen, die ich kannte, beide um die siebzig, aus derselben sozialen Schicht, beide weiß und akademisch gebildet. Eine der beiden erzählte mir, Trump mache ihr solche Angst, dass sie kaum noch vernünftig denken könne, während die andere meinte, Trump sei wahrscheinlich der beste Präsident, den sie je erlebt habe. Und beide fanden, die andere gehöre in eine Zwangsjacke."Genau diese Spaltung erleben wir mittlerweile auch in Europa und in der Bundesrepublik, und es ist wichtig und richtig, dass auch eine ganz klar nicht rechts angesiedelte Person wie Bret Easton Ellis davor warnt. Er arbeitet klar heraus, dass die politische Linke einfach nicht verlieren kann, obwohl Verlieren doch schon immer zum politischen Geschäft dazugehörte.Für mich ist "Weiss" vielleicht jetzt bereits das Buch des Jahres, schade dass es nicht mehr Aufmerksamkeit fand. Doch glaube ich, man will gar nicht, dass es zu viele aufgeweckte Bürger lesen. Genau darum möchte ich es Ihnen allen auf das Dringendste empfehlen. 316 Seiten, sehr schön gemacht, mit Lesebändchen.