Nun habe ich auch den vierten Rath-Krimi aus der Serie ausgelesen. Für mich ist es der bisher beste aus dieser Reihe.Kritische Stimmen empfanden das Narrativ als "ausfransend" oder langatmig. Empfand ich jetzt überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich konnte nicht genug kriegen von der Atmosphäre im ostpreussischen Masuren der frühen 30er Jahre. Der exotisch eigenwilligen Darstellung des "masurischen Indianer" gebührt ein Extra-Lob - eine meisterhafte Leistung, wie der Autor diese Figur mit der Landschaft und der Gesellschaft verwebt und zentrale Aspekte der masurischen Kultur in ihr vereint und in den Erzählstrang einfügt.Mich hat gerade dieser vierte Roman aus der Reihe in die Atmosphäre des Vorabends der Nazi-Herrschaft "hineingesogen" - auch wenn er zu einem wesentlichen Teil ausserhalb von Berlin spielt. Vielleicht gerade deshalb. Die Nazis haben sich nicht Berlin erfunden. Kutscher versteht es, historische Fakten (nationalistische und gesellschaftspolitische Strömungen, die Folgen des 1. Weltkrieges, der polnische Korridor, das Auseinanderdriften von bisher miteinander verwobenen Ethnien) anschaulich auf wenige hundert Seiten darzustellen - mit wenigen Figuren, mit einem einzigen Dorf. Er bringt es fertig, die Nazis vom übel lästigen Parteien-Störenfried zur politisch schleichend wachsenden Bedrohung immer noch am Rand des Krimi-Geschehens zu mitzusteuern. Aus der Sicht eines politisch Desinteressierten. Gereon Rath, ein Bürger Preussens versäumt es, die politische Entwicklung seines Landes zu erkennen und damit zu verhindern. Seine Partnerin, Charlie wird als intelektuelle und gesellschaftspolitische stärker Betroffene (Frau, Arbeitskraft) zur genauen Beobachterin. Wie weit sich das Paar, Gereon und Charlie zukünftig politisch zurechtfinden werden, macht Lust auf den nächsten Band. Immediat erlebt Charlie ahnungsvoll aber in weiten Zügen ohnmächtig - und hier ist sie Gereon im Gespür und Wissen permanent voraus - wie der deutsche männerdominierte preussische Staat in den letzten Zügen davonbröckelt.Nun bin gespannt auf den fünften Band dieser Reihe.
Immer wieder erstaunlich wie unterschiedlich doch die Wahrnehmungen sind. Ich schreibe hier an sich nur wenige Rezensionen, doch habe ich mich, nachdem ich das Buch soeben zu Ende gelesen habe, dazu bewegt gefühlt hier auch meine Meinung hinzuzufügen, angesichts der Rezensenten, die das Buch als einen Tiefpunkt der Reihe empfunden haben. Ich möchte für meinen Teil das Gegenteil behaupten: ich würde so weit gehen zu sagen, dass es sich beim vorliegenden Buch um das vielleicht beste, rundeste Werk der ersten vier Bände der Reihe handelt.Volker Kutscher gelingt es, in "Die Akte Vaterland" verschiedene Seiten, die schon vom ersten Buch an Teil der Prämisse der Gereon Rath-Reihe waren, ausgeglichen zu bedienen. Dabei sind die wichtigsten Facetten natürlich der tragende Kriminalfall sowie eine lebendige Geschichtsstunde, die subtil eingebettet wird und nie einen belehrenden Charakter entwickelt. Selbstverständlich gehören auch die vielseitigen Einblicke in das berufliche sowie private Leben des auf unterschiedlichste Art unterhaltsamen Kommissars Rath, sowie eine gewisse Tragik des Falls, bzw. der clever konstruierten Vor- oder Hintergrundgeschichte, zu den Faktoren hinzu, die dieses Buch zu einer runden Sache machen.Dass dieser - meiner Meinung nach gelungene - Balanceakt dem ein oder anderen Leser nicht zusagt, kann ich gewissermaßen nachvollziehen, da wohl jeder mit ein wenig unterschiedlicher Erwartungshaltung an die Lektüre herangeht. Manche Leser können mit den einzelnen Facetten dieses Romans vielleicht nichts anfangen, ich bin jedoch der Meinung, dass gerade diese Mischung, diese Vielseitigkeit und Ausgeglichenheit, dieses Buch so gut machen. Das und die durchdachte und geduldig gesponnene Hintergrundgeschichte sowie das im Laufe des Buches Schritt für Schritt enthüllte Mysterium, das mehrere auf unterschiedliche Weise in Verbindung stehende Mordfälle verbindet.Wie gewohnt ist das Buch in grobe Teile (hier sind es drei) und weitehin in relativ kurze Kapitel unterteilt, was bei mir für ein angenehmes, gut einzuteilendes Lesevergnügen gesorgt hat. Ungewohnt ist, dass entscheidende Teile der Handlung außerhalb der Reichshauptstadt stattfinden, was jedoch sowohl einen neuen, ländlicheren Charakter zu einigen der Ermittlungen hinzufügt, sowie einen interessanten Exkurs in der Rubrik "Geschichtsstunde" ermöglicht.Auf die Handlung möchte ich nicht weiter eingehen, ich möchte mit meiner uneingeschränkten Leseempfehlung enden, die bei mir dazu geführt hat, als ich gemerkt habe, dass sich das Lesezeichen dem hinteren Bereich des Buches näherte, dafür zu sorgen, dass rechtzeitig der nächste Band zur Verfügung steht. Diese Begeisterung ist bei den drei vorhergehenden Teilen der Reihe trotz eines durchaus positiven Urteils nicht aufgekommen.
Kommissär Raths vierter Fall. Die Querelen mit seiner Freundin gehen weiter, immerhin schafft es Rath jetzt bis zur Verlobung. Das Interessante am Buch finde ich, dass es neben Berlin einen zweiten Schauplatz gibt: Masuren. Dahin gelangt man mit klapprigen Flugzeugen oder durch einen Korridor durch Polen. Die Tötungsmethoden sind diesmal äusserst raffiniert: zuerst eine Injektion mit einer Art indianischem Pfeilgift, das die Muskeln lähmt, dann eine Foltermethode: ein Tuch über das Gesicht, worüber Wasser geleitet wird. Das Opfer meint zu ertrinken. Am Schluss gibt es fünf Opfer, die alle auf einen früheren Mörder zurückgehen, der in Masuren sich als kleiner König aufspielt. Dabei hat dieser seine Freundin getötet, die mit einem Arzt fremd ging. Und der Freund wurde fälschlicherweise lebenslänglich verurteilt, konnte aber fliehen und rächt sich unter falschem Namen. Der Mörder, Schwarzbrenner und Dorfkönig wird schliesslich, nachdem er weitere Opfer verursacht hat, selbst zur Strecke gebracht von einem Waldbewohner, der Rath einmal im Moor gerettet hat. Rath vertuscht das, gibt die Sache als Notwehr aus. Im Hintergrund werden die Nazis immer mächtiger, die Regierung und Polizei Berlins werden ausgewechselt. Der Kriminalroman ist sehr raffiniert, manchmal an der Grenze zur Unwahrscheinlichkeit