Es ist keine Schande, Hegel nicht zu verstehen. Das ging schon Goethe nach eigenen Worten so. Für die Phänomenologie, sein wohl wirkungsvollstes Werk, gilt zusätzlich Hegels eigener Kommentar bei der Überarbeitung 1831 kurz vor seinem Tode: "Eigenthuemliche fruehere Arbeit, nicht Umarbeiten". Es ist Sieps Verdienst, hier das Dickicht gelichtet zu haben und -unter anderem- neben den grundlegenden Bezuegen zu Kant auch stets wieder auf Hegels Verbundenheit mit Spinoza hinzuweisen. Da Hegel ja nie äussert, gegen wen er gerade Position bezieht, sind im (fortlaufenden!) Kommentar fortwaehrend neben Autoren der Antike, Schoiastik und Empirismus, Fichte,Schelling und kleinere Geister der Hegelschen Gegenwart sowie saemtliche Personen der zeitgenössischen Naturwissenschaft "vorzustellen", um ueberhaupt zu wissen, worum es Hegel gerade geht. Sehr hilfreich ist auch die ausfuehrliche Kommentierung der "Differenzschriift" als erste Voraussetzung zum Verständnis der Phänomenologie. Zielfuehrend ist zudem die Einleitung, die Hegels Aktualität, seine "hermeneutische" und geschichtsbewusste, insgesamt paradigmatische Vorgehensweise herausarbeitet und ihn als ersten "modernen" Philosophen ausweist und die Relevanz Hegels fuer die Philosophie der Gegenwart aufzeigt. Die Phänomenologie als Programm eines radikales Skeptizismus, das schliesslich zur Selbstaufhebung des Skeptizismus führt(Zitat Siep) - dies ist einer der zentralen Punkte die Siep oin seinen Kom mentaren heraus arbeitet - wer sich vernuenftig mit Hegels Phänomenologie beschäftigen will, sollte beim Lesen Sieps Kommentare in der Nähe haben
Sieps "Der Weg der Phänomenologie des Geistes" ist Teil eines dreiteiligen Suhrkamp-Kommentars zur Hegel-Gesamtausgabe. Das Buch ist relativ verständlich verfasst und zeichnet die Denkentwicklung innerhalb der Phänomenologie im Großen und Ganzen plausibel nach.Entscheidender Prüfstein ist wie so oft dass Herr-und-Knecht Kapitel. Hier macht Siep nicht den Fehler von Taylor, die Dialektik von Herr und Knecht quasi frühhistorisch-materialistisch als den Kampf zweier tatsächlicher Personen beziehungsweise Klassen auszudeuten, doch legt er sehr stark nahe, dass es sich hier um ein intersubjektives Ringen und anerkennen handelt. Der etwas unakademisch aufgemachte und titulierte Band Hegel für Anfänger von Ralf Ludwig macht dagegen die Perspektive stark, dass hier eine Spaltung innerhalb des Bewusstseins vorliege, da zuvor und im Anschluss immer das einzelne Bewusstsein Thema sei, bis erst in späteren Kapiteln das Verhältnis des Bewusstseins zur Welt begründet wird. Das ist eine Lesart, die in der Abfolge der Phänomenologie am plausibelsten scheint, aber natürlich ihre eigenen Probleme aufwirft – wo etwa kommt plötzlich diese Spaltung her? Wieso ist sie nach einem historischen Klassenverhältnis gemodelt?Siep macht aber in jedem Fall klar, dass es in diesem Kapitel nicht um Klassenkampf geht, überhaupt nicht um einen realen Kampf, sondern um Formen des Erkennens.Ich denke, ich schrieb das in der Auseinandersetzung mit Taylor schon einmal genauer: Ich halte es für plausibel, hier der Interpretation von Ludwig zu folgen, doch ist das Kapitel von Herr und Knecht in einem insgesamt metaphorisch stark kontaminierten Buch das kontaminierteste, und Siep mag man sich ebenso anschließen können. Es zeigt sich hier wie an vielen weiteren Stellen, wie Hegel sein System immer wieder mit Eindrücken befeuert, die eigentlich noch gar nicht aus der strengen Entfaltung des Systems folgen sollten. Und das sind oftmals die stärksten Passagen. Die materialistische Lesart von Herr und Knecht, die später so produktiv wurde, drängt sich auf, weil sie objektiv in einem Text vorhanden ist, in dem sie subjektiv noch gar nicht vorhanden können sein sollte. Gerade das bürgt für die Macht, mit der hier etwas neues in die Welt stößt.Auch was den zweiten großen Prüfstein der Hegel Auseinandersetzung betrifft, ist Siep relativ spot-on, wenn auch wortkarg: Orthodoxe, das heißt teleologische Hegelei geht nicht ohne Gott, und genauer: Ohne einen Gott, der eng am christlichen orientiert ist und den Weltlauf auf einen vernünftigen Höhepunkt zuhegeln lässt.Der Weg der Phänomenologie des Geistes ist eine ordentliche kurze Auseinandersetzung mit der Phänomenologie, doch würde ich tatsächlich weiterhin trotz des unakademischen Titels Hegel für Anfänger vorziehen. Siep spricht viel über Hegel und zeichnet das Denken in nachvollziehbarer Weise nach. Ludwig dagegen gelingt es, unglaublich viel direkt aus den Worten Hegels heraus zu entwickeln, was auch die gewaltige Eigendynamik der Phänomenologie mit all den Momenten, die sich tatsächlich wie plötzliche Erleuchtungen anfühlen und denen, wo man doch sehr spürt wie das System gezwungen wird, spürbar macht. Es ist so m.E. auch die bessere Begleitende Lektüre, die bessere Auffrischung allemal. Siep dagegen liefert einen doch von Hegel schon relativ stark bereinigten Hegel.