Das Buch „Soziologie der Selbstoptimierung“ von Anja Röcke ist die Habilitationsarbeit der Autorin, also die in Deutschland höchstrangige Titulararbeit zur Erlangung der Venia legendi, dem Recht, an einer Hochschule zu lehren. Der Verfasser dieser Rezension ist einige Jahrzehnte älter als die Autorin und wundert sich, dass ein solches Großreferat heutzutage – Gerd Schrader nannte sie in der FAZ eine „akademische Fleißarbeit“ – in den Rang einer Habilitation gehoben werden kann.Es fehlen in dieser Arbeit sowohl eigene empirische Untersuchungen zur sozialen Praxis der Selbstoptimierung als auch ein grundlegend neuer sozialwissenschaftlicher Zugriff auf diese gesellschaftliche Entität. Der Wert der Arbeit besteht darin, zahlreiche bekannte soziologische Arbeiten im Hinblick auf deren Thesen zu hier relevanten Topoi wie „Bildung“, „Fortschritt“, „Rationalisierung“ kondensiert und thesenartig zugespitzt auszubreiten, um Selbstoptimierung als einen wichtigen Aspekt der sozialen Praxis in der Moderne auszuweisen und aufzuzeigen. Dies ist sprachlich und inhaltlich durchaus gelungen und bietet einen theoretisch leicht fassbaren Überblick. Fragt man aber nach einem eigenen theoretischen Zentrum (analog z.B. der Rationalisierungsthese von Max Weber oder der Singularisierungsthese von Andreas Reckwitz), von dem aus die Selbstoptimierung einer neuen soziologischen Interpretation zugeführt würde, dann trifft man auf eine Leerstelle.Wie versteht Anja Röcke nun die Selbstoptimierung? Sie schreibt (S179f.): „Selbstoptimierung steht für eine individualistische Strategie der instrumentell ausgerichteten Selbstüberbietung, die sich auf den eigenen Körper, die eigene Psyche oder die praktische Gestaltung des Alltags bezieht und die prinzipiell kein Ende hat.“ Ausführlich kontrastiert Röcke die moderne Selbstoptimierung mit der antiken Selbstsorge (der „Sorge um sich“), wie sie Michel Foucault aufgezeigt hat. S.170: „So stellt Foucault die These auf, dass der zentrale Unterschied zwischen Antike und Christentum nicht auf der Ebene der Moral, also der Regeln und Vorschriften liegt, sondern auf der Ebene der Ethik. Während der moralische Code vergleichsweise unverändert geblieben sei, hätten sich die Selbstverhältnisse fundamental gewandelt: weg von einem Zustand relativer Autonomie in der Antike, ‚die der ‚Stilisierung‘ oder ‚Modellierung‘ der individuellen Existenz breiten Raum gab“, hin zu einem Zustand universeller und mit Zwang durchgesetzter Verhaltensregeln im Christentum.“ Zusammenfassend: „Selbstsorge ist in eine umfassende ethisch-moralische Reflexion und Praxis eingebettet, Selbstoptimierung markiert hingegen ein Programm der individualistisch-strategischen Selbstüberbietung (S.176).Nun könnte man also denken, dass die Welt hinsichtlich der Selbstoptimierung bei Anja Röcke hübsch bipolar geordnet ist: Einer antiken Seinsweise der Selbstsorge stünde eine moderne Selbstoptimierung entgegen, die in ihrer gebieterischen Unabgeschlossenheit die Menschen niemals mit etwas fertig werden oder zur Ruhe kommen lässt und daher als eine fremdbestimmte, entfremdete und entfremdende Seinsweise dechiffrierbar ist. Tatsächlich thematisiert Röcke die Frage, ob die moderne Selbstoptimierung eher als autonom oder eher als heteronom zu qualifizieren ist und kommt zu einem salomonischen Sowohl-als-auch. Selbstoptimierung ist also nicht a priori der Selbstsorge als Modus der Existenz gegenübergestellt, sondern kann auch eine moderne Variante dieser sein. Beispiel Fitness-Studio (S.219): „Selbstoptimierung wirkt nicht nur individualisierend, sondern auch vergesellschaftend. Über selbstoptimierende Praktiken lässt sich eine Form der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen herstellen, etwa wenn im Fitness-Studio der Anschluss an diejenigen gesucht wird, die leistungssteigernde Mittel konsumieren.“Es sei dahingestellt, inwieweit die parallel schwitzenden Akteure im Fitness-Studio überhaupt eine aktiv kommunizierende Community bilden - soziologisch höchst problematisch ist es aber ja immer, die Eigenauskunft der Menschen (‚auf dem Laufband rennen macht mir solchen Spaß‘) für einen Ausdruck gediegener Authentizität zu halten. Fragebogensoziologie und -psychologie ist ja sehr en vogue und gilt als „empirische Forschung“, bleibt aber tatsächlich theoretisch beliebig. Anja Röcke unterschreitet freilich dieses empiristische Niveau noch durch sehr selektiv gewählte Realitätspartikel, die ihre Ansicht, Selbstoptimierung könne auch auf eine „autonome“, das Leben bereichernde Weise funktionieren, belegen soll.Insgesamt beschließt Röcke ihre Arbeit mit der Bemerkung: „Es sollte deutlich geworden sein, dass eine kulturkritische Abwehrhaltung gegenüber Selbstoptimierung der Komplexität des Phänomens nicht gerecht wird.“ (S.230)Gerd Schrader (FAZ) goutiert eine solche Haltung mit der Bemerkung, die Autorin verzichte im Hinblick auf die Selbstoptimierung auf das notorische „kulturkritische Lamento“. Ja – es wäre doch herrlich, wenn wir frei von soziologischen Kritiken mal so richtig ohne schlechtes Gewissen die Gadgets der Selbstoptimierung konsumieren dürften. Dann wären wir keine fremdbestimmten Selbstoptimiererzombies mehr, sondern würdige moderne Menschen im vollen Saft aller Möglichkeiten.Was an dem zuletzt zitierten Satz von Röcke am meisten stört, ist, dass er ein narratologisches Abziehbild ist: Wer die „Komplexität“ von irgendetwas aufruft und dagegen die „Einfachheit“ einer anderen Erkenntnis denunziatorisch dagegen stellt, der formuliert keine Erkenntnis, sondern der spricht im Register einer abgegriffenen narrativen Marke. Man lese dazu Albrecht Koschorke – Wahrheit und Erfindung.Ein letzter Sachverhalt irritiert an der Buchfassung dieser Habilitation, die im April 2021 erschienen ist. Im Rahmen diverser Ausführungen zitiert – oder referiert – Röcke auf S.225 das Werk „Die Gesellschaft des Zorns“ von Cornelia Koppetsch. Wie allseits bekannt und in einem eigenen Beitrag auf Wikipedia nachzulesen ist, hat Koppetsch in diesem und anderen Büchern zahlreiche Plagiate begangen. Ein Disziplinarverfahren der TU Darmstadt wegen Wissenschaftsbetrug läuft. Besonders pikant ist aber, dass Anja Röcke auf S.225 ihres Buches nicht nur Koppetsch zitiert, sondern auch Oliver Nachtwey mit seinem Buch „Die Abstiegsgesellschaft“ – also einen Autor, den Koppetsch auch (!) plagiiert hat. Dass Röcke den ganzen Skandal um Wissenschaftsbetrug außer Betracht lässt und einfach zitiert, als sei nichts gewesen, verwundert sehr. Viele Hypothesen zu diesem Verhalten sind denkbar, auch die, dass die Autorin die gedankliche Kassette mit keiner anderen geeigneten Referenz zu füllen wusste.