-Dieses Buch führt zu neuen Entdeckungen und zeigt die Philosophie und das Nachdenken über unser Dasein als weltumfassenden Prozess, der sich über die Jahrtausende erstreckte.Während für viele der Ursprung der Philosophiegeschichtsschreibung im sechsten Jahrhundert mit den Vorsokratikern beginnt, heißt es in diesem Buch einmal pointiert: *Als Homer, Solon, Demokrit, Herodot und Pythagoras in Ägypten weilten, da waren die Pyramiden schon älter als 1000 Jahre.* Auch Thales, Anaximander, Parmenides und Platon haben in Ägypten Studien betrieben und lernten von den Ägyptern.Ägypten war den Griechen also in Wissenschaft und Kunst voraus. Sogar die griechischen Götter wurden mit Attributen ägyptischer Götter bedacht, wie Zeus und Amon oder Athene und Neid. Aus Ägypten stammten die Astrologie, der Kalender und die Geometrie. Die alten Ägypter sollen übrigens schwarze Afrikaner gewesen sein. Auch Herodot bezeichnete die Ägypter als schwarz.Die aus dem schwarzen Ägypten kommende Weltanschauung hatte prägenden Einfluss auf den ganzen afrikanischen Kontinent. Der erste namentlich genannte Philosoph ist Imhotep (2700 v.u.Z), er war Berater des Pharao und Erbauer der Pyramiden von Sakkara. Das weltanschauliche Konzept des frühen Ägypten war das Ma’at. So wurde die altägyptische Göttin genannt. Ma’at ist die Tochter des Sonnengottes und steht für das Positive, während Isfet, ihre Schwester, für das Chaos und das Leid steht, und beide den Dualismus des Lebens darstellen.Bereits im dritten vorchristlichen Jahrtausend befassten sich die Ägypter mit Fragen die später von der europäischen Philosophie wieder aufgenommen wurden. Etwa über die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft und die Legitimation der Macht, oder über den Sinn des Lebens. Letzteres ist das Thema in einem überlieferten Papyrus *Das Gespräch eines Lebensmüden mit seiner Seele.*Platons Vorstellung vom idealen Staat soll von Ägypten beeinflusst sein. Auch Karl Marx sah das ähnlich, nämlich, dass Platons Republik mit ihrer Teilung der Arbeit als das geltende Prinzip des Staates eine griechische Idealisierung des ägyptischen Kastenwesens sei.Der Ägyptologe Jan Assmann wies darauf hin, dass die Leistungen der Ägypter in der damaligen Zeit beispiellos waren, nämlich die Erzwingung von Gehorsam, der administrativen Organisation wie Steuerwesen, Speicher und Verteilungswirtschaft.In China, einem Land mit 4000 Jahren Zivilisation, entstand in der Zeit als in Kleinasien die Vorsokratiker die Natur und den Menschen erforschten, ein Geschichtswerk über die ‚100 Denkschulen‘ die zum Konfuzianismus und Daoismus führten. Konfuzius hat wie Sokrates nie etwas niedergeschrieben.Zur Achsenzeit, wie Karl Japers die Zeit eines Sokrates in Griechenland und Konfuzius in China nannte, könnte man auch den Weisen der Yoruba-Religion, Orunmilà, zählen, der um 500 v.u.Z. im heutigen Nigeria gelebt hat und als Gott der Weisheit verehrt wurde, aber eine reale Gestalt war.Das sog. Ifa-Korpus, das auf Orunmilà basiert, ist seit 2005 immaterielles Kulturerbe der Menschheit der UNESCO. Der Inhalt des Ifa-Korpus wurde erst Anfang des 20. Jhd. verschriftlicht. Orunmilà ist noch der altägyptischen Philosophie zuzuordnen.Manches afrikanische Wissen wurde von Europäern übermittelt, so von dem französischen Ethnologen Marcel Griaule, der mit seinen *Gesprächen mit Ogotemmeli*, einem Weisen aus dem Volk der Dogon, ausführlich über Wissenssysteme dieses Volkes reden konnte, das eine komplexe Kosmologie vorzeigte, vergleichbar mit der von Hesiod oder der Vorsokratiker.Oder von dem belgischen Missionar Frans Tempels, der die Bantu Philosophie aufzeichnete, eine Philosophie der Immanenz, die an Spinoza denken lässt, und die ein Beispiel einer kollektiven Philosophie einer ethnischen Gruppe ist.Ab dem 8. Jahrhundert beeinflussten arabische Philosophen Teile des afrikanischen Kontinents, wie al-Kindi oder der aus Tunis stammende Ibn Khaldun und Ibn Rusd (Averroes).Zwischen dem 12. Und 16. Jhd. war Mali das Großreich in Westafrika, mit Timbuktu als Zentrum des islamischen Geisteslebens und berühmt unter anderem durch den islamischen Gelehrten Ahmed Baba, der in Timbuktu wirkte, und ebenso durch die legendäre Bibliothek alter Handschriften, die allerdings in unserer Zeit zum Teil von Dschihadisten zerstört wurde.Interessant ist auch, dass das äthiopische Christentum keine aufgezwungene Religion ist, sondern eine afrikanische Tradition, die älter ist als das westliche Christentum. Der abessinische Gelehrte Zär’aYaqob lebte im 17. Jh. In seiner Lebensgeschichte, der *Hatäta*, geht es um Theodizee-Fragen, wie die, wie es sein kann, dass es Leiden gibt, wo Gott doch allmächtig ist. Manche sehen bei Ihm Parallelen zu Aussagen von René Descartes, der in Europa ungefähr zur gleichen Zeit lebte. Wobei es bei Descartes um die Begründung der Wissenschaft geht, und bei Zär’aYaqob um die Begründung der Glaubensbasis.Im Buch gibt es keine Abhandlung der aktuellen Situation der Philosophie im heutigen Afrika. Es werden nur die verschiedenen Richtungen erwähnt, wie die Ethnophilosophie, die eine spezifisch afrikanische Richtung vertritt, die Weisheitsphilosophie, die das Denken großer Weiser als solches ehrt, und diverser Spielarten oder Adaptionen des westlichen Denkens.Aimé Césaires, Frantz Fanon, Léopold Seda Senghor, Cheikh Anta Diop, Théophile Obenan, Achille Mbembe, Felwine Sarr werden unter anderen erwähnt, ohne dabei Zuordnungen vorzunehmen.Nicht nur geographisch werden in diesem Buch die Grenzen der Philosophie erweitert, auch inhaltlich.So wird zitiert, dass sich schon Horkheimer und Adorno in der *Dialektik der Aufklärung* gegen den einseitigen Fokus auf die Antike wandten und auch dem Mythos eine Funktion als Aufklärung zusprachen, *denn Mythos wie Aufklärung richten das Denken auf Naturbetrachtungen*.Die Autorin führt diese Gedanken weiter: * Die Philosophie war unter den Barbaren zur Blüte gelangt, indem sie wie ein Licht unter den Völkern aufging, und erst später kam sie zu den Griechen*.Es dauerte lange bis sich solche Einsichten durchsetzten. Auch Kant und Hegel hielten die längste Zeit ihres Lebens Afrikaner und die Bevölkerung Amerikas für unfähig für philosophische Gedankengänge. Manche Aussagen von Kant könnten auch als rassistisch im heutigen Sinn gedeutet werden. Aber schon der zeitgenössische Naturforscher Georg Forster sah in Kant’s Äußerungen *die Konstruktion des Anderen zum Zwecke der Selbsterhöhung* und schrieb dazu: *Kant ist ein vortrefflicher Kopf, und doch kommt der verzweifelte Paroxysmus, der den Philosophen von Profession eigen ist, auch über ihn, die Natur nach ihren logischen Distinktionen modeln zu wollen*.Diesem - heute würde man sagen – Eurozentrismus entgegenzuwirken, der allem Wissen nur die Partikularität des europäischen Selbst zugrunde legt, statt den Reichtum des Denkens auszubreiten, dazu dient dieses exzellent geschriebene und horizonterweiternde Buch der Philosophiehistorikerin Anke Graneß.-