Vorweg muss ich sagen, dass ich diese Rezension schreibe, noch bevor ich das Buch ganz gelesen habe.Aber bereits nach wenigen Stunden der Beschäftigung mit diesem Buch war mir klar, dass hier ein Mann etwas Großes geschaffen hat.Viele Historiker gehen heute immer weiter in die Details. Sie suchen krampfhaft danach irgendein Stück Papier zu finden, anhand dessen sie dann völlig neue Thesen über Kriegsschuld- oder Unschuld etc. aufstellen können. Der Blick fürs Große und Ganze geht dabei häufig verloren. Und in die Zukunft blicken, das ist mit, auf Detailthemen zugeschnittenen Büchern gar nicht mehr möglich.Ulrich Menzel hat sich die Aufgabe gesetzt zwischen Hegemonie und Imperium zu unterscheiden. Hierzu hat er sich, beginnend mit der Song-Dynastie vor rund 1000 Jahren, und endend mit den USA und einem kurzen Ausblick auf die, eventuell künftige Führungsmacht China, eine Reihe großer Mächte herausgesucht, die mindestens über eine Generation hinweg ein Imperium führten oder eine hegemoniale Funktion inne hatten.Die ersten Seiten, in denen er seine wissenschaftlichen Ansätze und Methoden vorstellt, und in denen er seine zentralen Begriffe definiertsind sehr akademisch verfasst. Das könnte einige weniger geübte Leser abschrecken. Aber Herr Menzel macht zum Glück reichen Gebrauch von Tabellen, in denen er seine theoretischen Modelle so übersichtlich darstellt, dass jedermann sie verstehen kann.Tabelle 1.3 auf Seite 65, die sich "Typologie von Imperium und Hegemonie" nennt, erzeugt auf einer einzigen Seite mehr Wissen, als so manches Geschichtsbuch, deren Autor es einfach nicht versteht, sein Wissen auf den Punkt zu bringen.Nachdem man den theoretischen/wissenschaftlichen Vorbau hinter sich hat, ist das Buch recht leicht zu lesen. Einfache Sätze, kaum Fremdworte. Keine Schnörkel, keine akademische Selbstbeweihräucherung, sondern nur noch interessante Geschichten über den Aufstieg und Niedergang dieser und jenen Macht. Es wird bei jeder untersuchten großen Macht gezeigt, was das Kernelement deren Macht war. So wie die Amerikaner, was wir alle wissen, zu den Herren der Welt wurden, als ihre Automobilfabriken mehr Autos ausspuckten als der Rest der Welt zusammen und ihre Ölfelder reichlicher sprudelten als alle anderen, so zeigt Menzel, konnten die Mongolen ihr Imperium errichten, weil sie, das sage ich jetzt in eigenen Worten, Pferde in solchen Massen erzeugten, wie in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts die Amerikaner die Autos.Menzel nennt anhand von Schiffen, Flugzeugträgern, aber eben auch anhand der vorhandenen Pferde oder anderer entscheidender Machfaktoren die magische 50 Prozent-Schwelle. Ein Land, das vom wichtigsten Gut/Kampfmittel mehr als 50 Prozent hat, hat die Basis für die Errichtung einer Hegemonie. Interessant ist, dass selbst kleine Länder wie Venedig oder Holland zu großen Mächten werden konnten, weil sie zu gewissen Zeiten den Handel oder Schiffbau etc. dominierten.Gewiss, Ulrich Menzel hat die Weltsystem-Theorie und somit die Frage nach der Ordnung der Welt nicht erfunden. Das Maß aller Dinge waren auf diesem Gebiet für mich bisher die Bücher von Immanuel Wallerstein. Aber Ulrich Menzel formuliert einfacher und bringt, insbesondere durch seine vielen Tabellen, Ordnung in das System der Weltsystem-Theorien. Das finde ich mega-stark. Wie stark, dieses Mega-stark ist, das kann ich heute noch nicht endgültig sagen, denn ich werde mich gewiss längere Zeit mit diesem Buch beschäftigen und auch Wallerstein und einige andere Autoren, deren Bücher ich vor über 10 Jahren gelesen habe, wieder aus dem Regal holen.Wäre Ulrich Menzel Professor in den USA, dann würden ihn wohl einige seiner Kollegen für den Wirtschafts-Nobelpreis vorschlagen, da seine Beispiele über den Aufstieg und Niedergang von Staaten mehr praktisch nutzbares Wissen für die heutige Situation vermitteln, als die meisten mathematischen Modelle all jener Ökonomen, die während der letzten Jahrzehnte mit dieser Würde beglückt wurden.In Deutschland hingegen könnte es sein, dass er bald verpetzt wird, weil sein Buch nicht in genderkonformer Sprache verfasst wurde.Seine verwendete Literatur stammt fast nur von Männern. Die in den einzelnen Kapiteln Handelnden - fast lauter Männer. Die englischen Königinnen und einige andere Frauen, die ihre Stellung nur ererbt oder erheiratet, aber nicht erobert haben, werden wohl für die Frauenquote nicht reichen :)Fünf Sterne sind für dieses Buch, das innerhalb der Grenzen, die sich der Autor selbst gesetzt hat, nahe der Perfektion ist, deutlich zu wenig.Endlich mal ein deutscher Historiker, der Maßstäbe setzt ohne sich in den Details zu verirren.Unsere Regierenden sollten dieses Buch lesen um zu verstehen, wie Staaten reich, groß und mächtig wurden, und warum sie niedergingen. Deutschland ist jetzt der Regional-Hegemon Europas, aber die Ernte daraus bekommt nicht das fleißige Deutsche Volk ab, sondern die Ernte wird von unserer Regierung mit vollen Händen aus dem Fenster geworfen. Im Rahmen des Euros, im Rahmen einer ideologisch verblendeten, teuren Energiewende und nun im Namen einer hemmungslosen Öffnung der Grenzen für jeden, der das Wort Asyl aussprechen kann.Eine Regierung, die die Wettbewerbsvorteile der eigenen Nation verschleudert, um überall auf der Welt als "lieb" und "gut" dazustehen, stärkt automatisch seine Konkurrenten. Menzel schreibt so etwas natürlich nicht im Zusammenhang mit unserer Regierung, aber wer das Buch versteht, der muss solche Schlüsse ziehen. Dass Ost-Asien auf vielen Gebieten so stark wurde und immer stärker wird, das gründet nicht nur in den Schwächen der USA, sondern eben auch darin, dass ein schlechtgemachter Euro und die Reformunfähigkeit vieler Länder der EU das große Potential Europas verspielt haben.Dass Europa die USA als globalen Hegemon ablösen könnte um eine fairere, gerechtere Welt zu schaffen, die ihren Führungsanspruch durchsetzt, ohne von anderen Mächten einen Kotau zu verlangen, das hat derzeit niemand mehr auf dem Radarschirm. Gerade dies zeigt, wie schwach Europa geworden ist und wie machtpolitisch und wirtschaftspolitisch unsinnig viele Entscheidungen der europäischen Regierungen sind.Womit ich wieder bei Menzels Buch wäre. Es zu lesen macht jeden schlauer, am meisten aber könnten die Regierenden lernen.Deshalb 5 plus Sterne.
1135 Seiten gespickt mit Fußnoten und ein seitenlanges Literaturverzeichnis, das klingt nach einer echten Herausforderung, der man als interessierter Laie vielleicht gewachsen sein will, aber berechtigte Zweifel haben kann, dass man es ist. Kurz gesagt: Man ist!Das Buch ist exakt formuliert, die Ausführungen sind belegt, alles ganz so wie es sich für eine wissenschaftliches Fachbuch gehört. -- Und es ist trotzdem sehr lesbar. Seitenlange Erklärungen wie etwa zum Ursprung des Begriff "Großbritannien" sind einfach spannend. So geht es mit der Erklärung unzähliger anderer historischer Details und Zusammenhänge. Die Vorurteile (z.B. deutsche Autoren können nicht exakt und gleichzeitig lesbar schreiben) und Ideologien, die den Kopf bevölkern, werden Seite um Seite abgeräumt und man hat Spaß dabei, eine gutes Gefühl in Zeiten in denen schaumgeschlagene Emotionen für viele die alternativlose Form der Kommunikation sind.