„Der Hitler Mythos - Führerkult und Volksmeinung“ von Ian KershawIan Kershaw hat für das hier vorliegende Buch eine enorme Rechercheleistung erbracht. Die Fülle an, hauptsächlich aus bayerischen Archiven zusammengetragen, ist erstaunlich. Ich möchte betonen, dass ich ein interessierter Laie bin, der sich für unsere deutsche Geschichte interessiert und nicht müde wird verstehen zu wollen, wie es zur sogenannten Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts kommen konnte und darüber hinaus zum schreckerregendensten Regime auf deutschem Boden in Form des Nationalsozialismus unter Adolf Hitler.Wie war das möglich?Einen wertvollen Beitrag dies besser zu verstehen, leistet das hier vorliegende Werk Ian Kershaws! Ich möchte gerne etwas weiter ausholen, um zu verdeutlichen warum „Der Hitler Mythos“ meines Erachtens eines der zentralen Bücher der Hitler-Literatur ist.Die aus meiner Sicht zentrale Erkenntnis des Buches ist, dass Wahrnehmung (hier des deutschen Volkes) und Realität nichts miteinander zu tun haben müssen. Erstere sollte nicht unkritisch hingenommen werden und sollte hinsichtlich ihrer Gültigkeit immer hinterfragt werden; im übrigen in jeglicher Hinsicht und auf jeglichem Gebiet, sei es in der Politik, Religion oder im alltäglichen Austausch ...Gefährlich wird eine bestimmte Wahrnehmung insbesondere dann, wenn Täuschung zu derselbigen geführt hat.Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt:1. Der Aufbau des „Hitlermythos“ 1920 - 19402. Der Verfall des „Hitlermythos“ 1940 - 19453. Der „Hitlermythos“ und der Weg zum VölkermordHitler hat ab ca. 1925 an peinlichst darauf geachtet, dass beim Aufbau seines Images nichts dem Zufall überlassen wurde. Während sein Image und damit der Führerkult sich insbesondere ab 1933 stetig, auf der Basis fortwährender, zunächst innen- und später auch außenpolitischer Erfolge, immer mehr nicht nur festigte, sondern sogar sich soweit steigerte, dass er für weite Teile der Bevölkerung fast schon gottähnlich als unfehlbar galt. Entscheidend dafür war wie Kerschaw zeigt die Tatsache, dass der überwältigende Teil des deutschen Volkes Hitler in dieser Zeit nur für die positiven Erfahrungen, die es mit dem Naziregime machte, in Verbindung brachte. Vollständig freigesprochen wurde er von den alltäglichen Erfahrungen mit der Partei, wie Maßlosigkeit, Korruption und Repressalien von u. a. Parteibonzen, um wenige Beispiele zu nennen. Da Hitler in den Anfangsjahren seiner Regierungszeit vermeidlich bewiesen hatte, dass ihm ausschließlich das Wohl des deutschen Volkes am Herzen lag, konnte er nicht nur nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Weit mehr, wenn er über die wahren Umstände Kenntnis erlangt hätte, hätte er es zweifelsohne unmittelbar unterbunden, so die vorherrschende Meinung.Ich möchte hier am Beispiel der Vernichtung der Juden, das sehr anschaulich zeigt wie berechnend Hitler bei der Täuschung des deutschen Volkes vorgegangen ist. Kershaw arbeitet aus dem ihm vorliegenden Material sehr gut heraus, dass auch hier Hitler es tunlichst vermied direkt mit den Repressalien gegen die Juden, die am Ende zu der schreckerregenden Endlösung mündete, in Verbindung gebracht zu werden.Abschließend ist festzustellen, dass dieses Buch das deutsche Volk der 30‘er Jahre sicherlich nicht in Unschuld badet (wie das Bsp. der Reaktionen zur „Nacht der langen Messer“ zeigt). Es geht hier nicht darum zu entschuldigen was das deutsche Volk zugelassen hat aber zu einem gewissen Grad erklärt es, wie es soweit kommen konnte und warum es nur zu geringem Widerstand gegen das Regime kam, obwohl das deutsche Volk insbesondere hinsichtlich Hitlers fanatischen Antisemitismus die radikale Vernichtung bei weitem nicht unterstützte oder unterstützt hätte, wie die Reaktionen auf die erste Blockade jüdischer Geschäfte zeigte. Erschreckend jedoch ist die Passivität des deutschen Volkes als (weitestgehend ausbleibende) Reaktion auf die Geschehnisse in der „Reichskristallnacht“.Kershaw zeigt aber auch, dass dies nicht nur auf die konsequent eingehaltene Maskerade Hitlers, sondern auch auf Repressalien durch die Nazis zurückzuführen ist.Es ist bei all dem doch erstaunlich wie sehr es Hitler verstand das Volk über seine wahren Motive über so viele Jahre zu täuschen und sollte zu denken geben, dass dies möglich erscheint. So lange sein Handeln mit Erfolgen quittiert werden konnte, ließen die Massen sich blenden, selbst nach dem er das Land in einen Krieg gestürzt hatte, das es nicht wollte, „Angliederung (Danzigs) an das Reich? Ja. Durch Krieg? Nein.“ Und trotz des von ihm entfesselten Krieges, herrschte eine positive Einstellung vor, war die Aussicht auf einen schnellen Frieden doch zumindest zu Beginn noch sehr groß. Hatte der Führer nicht schon mehrfach bewiesen, dass er mit traumwandlerischen Sicherheit immer das Richtige zu tun wusste?!Erst der Überfall auf die Sowjetunion ließ die Zweifel an seine Unfehlbarkeit im Volk langsam ansteigen als es immer offensichtlicher wurde, dass er von begangenen Fehlern nicht mehr freizusprechen war. Der Aspekt des Unterganges des „Hitler-Mythos“ wird ausführlich im zweiten Teil erläutert.Es gibt noch so viele weitere Aspekte, die dieses Buch aus meiner Sicht zu einem zentralem Werk in der Hitlerliteratur macht. Auf alle einzugehen, würde den Rahmen der Rezension jedoch sprengen. Eines sollte aber nicht unerwähnt bleiben. Die Informationen, die Kershaw zusammengetragen hat, beruhen auf Aussagen aus der Zeit und sind daher der Sache geschuldet ideologisch eingefärbt, sei es aus Angst oder aus Überzeugung. Dennoch ist es doch überraschend wie viele systemkritische Aussagen aus der Zeit in den Archiven schlummern.Die Komplexität des Themas ist zu groß, um dieses in wenigen Absätzen abhandeln zu können. Ian Kershaw versteht es auf ca. 350 Seiten diese Komplexität zu entwirren und dem Leser verständlich darzulegen worauf der „Führerkult“ beruhte und die Volksmeinung soweit möglich transparent darzustellen.Das Buch sollte nicht nur beim an Geschichte interessierten Laien im Regal stehen (und gelesen werden!).Eine Mahnung für die Gegenwart und Zukunft, ...!!!
Ich habe dieses Buch gekauft, als Ausgangsgrundlage für eine Facharbeit und bereue diesen Kauf keineswegs.Daher bewerte ich es auch primär aus genau diesem Blickwinkel und meinem damaligen Anliegen als Gymnasiastan ein solches Buch.Es behandelt das Thema sowohl kompakt, aber ebenso detailiert. Kershaw bezieht sich auf viele andere Werke,bzw. zitiert aus diesen, was aufgrund der guten und genauen Quellenangaben ein weiteres recherchierennach anderen Werken zu diesem Thema wirklich einfach machte.Besonders gut empfand ich es, dass der Autor bei dem Thema "Führerkult" nicht erst bei Adolf Hitler ansetzte,sondern weit vorgreift in der deutschen Geschichte und somit die Entstehung dieses Hinwendens auf "einenstarken Mann, der es richten soll" beleuchtet. Als Buch für Schüler und Studenten, die sich in diese Thematikeinarbeiten müssen oder wollen, definitiv eine lohnenswerte Anschaffung.Dieses Buch lohnt sich aber auch für Menschen, die sich privat für die deutsche Geschichte und soziale,wie auch politische Entwicklungen mit Hauptaugenmerk auf das Dritte Reich, wie auch die Entwicklungen,die zu ihm führten, interessieren.Ich empfehle dieses Buch also sowohl als Utensil für Schule / Studium, wie auch für geschichtlich Interessierte,die eine gute Ausgangslage suchen, um sich mit einem wirklich interessanten Thema zu beschäftigen.