Kurzmeinung: Dieses Büchlein hat mich sehr berührt. Ein Kandidat für den Deutschen Buchpreis 2024.Eine Insel im Irgendwo verortet, das heißt, sie könnte überall sein. Eine Insel, die irgendwann einmal von Touristen entdeckt aus ihrem idyllischen Dornröschenschlaf erwacht. Sie wird zunächst als Geheimtipp gehandelt, doch allmählich kommt die Tourismusschwemme. Die Besucher stellen Ansprüche, wollen Komfort und eben das, was sie überall bekommen. Die Inselbewohner liefern. Indem sie jedoch die Ansprüche der Gäste bedienen, verliert die Insel das, was einst ihren Reiz ausmachte und die Gäste bleiben weg. Desaster.Der Kommentar und das Leseerlebnis:Die Autorin reduziert die wenigen Menschen, die der Insel die Treue halten auf ihre Funktionen, der Hausmeister, die Bäckerin, die Frau des Generals, der Barkeeper, die Fischerin, die Krankenschwester und die Doktorin, die eigentlich eine Dichterin ist. Auch die Handlung wird reduziert auf Begebenheitsorte, die Bar, das gelbe Haus, der Sommerpalast, der Strand, etc. Die Reduktionen, die die Autorin vornimmt, wirken zusammen mit der lyrischen Sprache ungemein reizvoll. Ich bin verliebt in das Büchlein, das einfach alles, was ein guter Roman braucht, auf sehr komprimiertem Raum darstellt: men sieht in den Hintergrund der Personen, kennt ihre Hoffnungen und Wünsche von einst und erlebt das trostlose Leben jetzt, in dem man innerlich nur überlebt, in dem man stoisch an seinen Alltags-Pflichten festhält: Instandhaltung und Versorgung. Mit wenigen Mitteln und ohne pathetische Innenschau bringt die Autorin das Innenleben der Menschen an den Tag und zum Leuchten. Einfach, in dem sie beschreibt, was sie tun. Die spärliche Interaktion der Menschen enspricht dem, was man von wortkargen eigenbrötlerischen Insulanern erwartet. Karge Herzlichkeit. Das, was übrig ist an Menschlichkeit. Thea Mengeler gelingt die Darstellung von Einsamkeit, Verfall, Menschlichkeit, Hoffnung, Wunschdenken mit unglaublich leichter Feder! Natur und Dekadenz. Verlust. Mehrere Kapitel „Einige Verluste,“ sind nichts weiter als Aufzählungen, die Autorin ist konsequent dem Konzept von Reduktion treu – und dennoch sind diese kurzen Kapitel besonders berührend.Thea Mengelers „Nach den Fähren“ ist voller Melancholie, die teilweise auf den Erinnerungen "der Übriggebliebenen" fußt und teilweise auf die nicht totzuschlagende Hoffnung, die ein Mensch in sich trägt. Ohne Hoffnung kann man nicht leben. Obwohl es nicht explizit ausgesprochen wird, ist der Roman auch eine Ohrfeige an den unsere Umwelt rücksichtslos ausbeutenden und zerstörerischen Massentourismus.Fazit: Ein Juwel.Kategorie: Anspruchsvolle LiteraturVerlag: Wallstein, 2024
Thea Mengelers 170 Seiten lange Erzählung „Nach den Fähren“ ist zauberhaft, bedächtig und melancholisch. Schon nach den ersten Seiten kann man das Büchlein nicht mehr aus der Hand legen. Was geschieht, wenn auf einer Sommer-Ferien-Insel die Fährschiffe plötzlich ausgeblieben sind, keine lachenden und lärmenden Familien und Kinder mehr in den Ort gespült werden, die Restaurants und Hotels verwaisen und die Inselbewohner sich nur noch auf sich gestellt finden? Welche Atmosphäre entsteht? Beklemmend, zärtlich und fast meditativ führt uns die Autorin diese Szenerie vor Augen. In mehreren Kapiteln beschreibt sie „einige Verluste“ , was verloren geht mit den Touristen und was auf einmal neu auftaucht in der Stille, Aufmerksamkeit fordert oder sich verändert. Dann erzählt Mengeler immer wieder wechselnd von verschiedenen Orten, dem Sommerpalast, dem gelben Haus, der Bar, der Bäckerei und dem Strand, was hier geschieht, von den Bewohnern und einer letzten Urlauberin. Und plötzlich, ohne dass die Schiffe fahren, taucht ein Mädchen auf und verschwindet wieder wie es gekommen ist. Aber es wirft mit seinem Besuch Fragen auf, wirbelt die Ordnung durcheinander und schafft unvermittelt Kontakte zwischen den Inselbewohnern. Zarte Bande weben sich zwischen den Menschen, die vorher kaum miteinander gesprochen hatten. Der Hausmeister des ehemaligen Hotels „Sommerpalast“ genießt die kleinen Alltagsbesuche der Bäckerin, die ebenso allein ist wie er. Wie ein Antiquar beginnt der Hausmeister, Zurückgelassenes von den Gästen einer vergangenen Zeit zu sammeln. Eine große Traurigkeit liegt über dem Erzählten, aber zugleich auch eine große und klare Hellsichtigkeit, die Wahres offenlegt. Vieles an wahrem und eigenen Leben und Tradition war über die Jahre immer mehr dem zunehmenden Tourismus zum Opfer gefallen, erkennt man jetzt. Eine große Ambivalenz stellt sich am Ende ein, die die Autorin in einem wunderbaren bildhaften Schlussakkord ausklingen lässt. „Nach den Fähren“ ist literarisch brillant geschrieben, es evoziert eine ruhige, fast meditative reduzierte Stimmung. Prosa-Liebhaber wird es begeistern und aufgrund der Thematik ist das Buch ein sehr schönes Buch für den Sommer, die Ferien und für Inselbesucher, um mit dem passenden Lokalkolorit die Lektüre zu genießen.