Diese bereits im Jahre 1998 in Belgien veröffentlichte Auseinandersetzung mit Etty Hillesum und ihrem Vermächtnis kann ich allen, die sich für die Botschaft dieser einzigartigen Frau interessieren, sehr empfehlen.Das Unterfangen, ein Buch über den spirituellen, aber auch konkreten Weg Ettys zu schreiben, ist immer auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Suchen und Finden. Ohne also subjektive Gedanken und Empfindungen mit einfliessen zu lassen macht dies auch gar keinen Sinn. Dafür ist die Gedanken- Gefühls- und Erfahrungswelt Ettys einfach zu differenziert, sie lässt sich in keine Kathegorie wirklich einordnen.Das Gleichgewicht von intellektueller und subjektiver Bearbeitung empfinde ich bei Paul Lebeau als weitgehend ausgeglichen.Etty Hillesums inneren Weg nachzuzeichnen erforderte dabei auch, der besseren Verständlichkeit für den Leser wegen, eine gewisse Strukturierung, die sich in der Einteilung in verschiedene Kapitel, die jeweils ein bestimmtes Thema zu umreißen versuchen, niederschlägt.So wird zunächst Ettys psychischer Zustand zu Beginn ihrer Tagebuchaufzeichnungen genauer betrachtet. Dabei skizziert Lebeau ihr wechselhaftes Gemüt, ihre schweren Kriesen, ihr verzweifeltes Suchen nach Sinn, nach innerem Frieden, nach Erkenntnis.Der tiefe Einschnitt, den die enge Bekanntschaft, die Freundschaft, die Liebe mit Julius Spier für sie bedeutet, findet hier ebonso seinen Platz wie die Beschreibung, bzw. die Auseinandersetzeung mit ihrer so dermaßen beeindruckenden weiteren spirituellen und psychischen Entwicklung. Ich als Leser habe dabei regelmäßig das Buch zur Seite gelegt, in mich selber hinein gehorcht und die Lektüre zur eigenen Auseinandersetzung genutzt. Und das hat insgesamt etwa 4 Monate gedauert und war eine äußerst fruchtbare Zeit. Etty hatte es ja auch einmal so formuliert, indem sie sagte, dass sie gerne anderen Menschen helfen möchte, zu verstehen, zu wachsen und sie nicht zuletzt darin zu unterstützen, Gott eine Wohnstatt in sich zu errichten. Das hat sie - weiß Gottt - in so vielen Menschen getan.Besonders beeindruckend fand ich die letzten Kapitel, die sich mit Ettys Erfahrungen aus dem Lager Westerbork, aus dem wöchentlich ein Zug mit etwa 1000 Menschen in die Vernichtungslager, v.a. Auschwitz und Sobibor, abging, auseinandersetzt. Dabei werden, wie auch im übrigen Buch, zahlreiche Zitate Ettys genutzt. Einige davon finden sich auch nicht in "Das denkende Herz", was ich als sehr bereichernd empfunden habe. Die Zeugnisse, die uns hier durch Ettys differenzierte und ungemein ergreifenden Briefe aus dem Lager heraus erhalten geblieben sind, verdeutlichten mir in besonders eindrücklicher Weise, dass sich spirituelles Wachstum selbst in der brutalsten Realität weiterentwickeln kann, bzw. in Form von liebevollem und mutigem Handeln seine reichen Früchte tragen kann.Als einzigen Wehrmutstropfen habe ich es gelegentlich empfunden, dass Lebeau Etty zu sehr in die Nähe christlichen Denkens gerückt hat, bzw. nicht müde wurde, christliche Parallelen aufzuzeigen. Das war manchmal etwas störend. Mit der Zeit konnte ich aber mit einem gewissen "milden Lächeln" darüber hinweg sehen. So sind wir Menschen eben. Ein Sufi beispielsweise oder ein Ramakrishna-Anhänger hätte das Buch wiederum mit seiner eigenen persönlichen Färbung geschrieben; und das ist auch in Ordnung so. Ich glaube, auf vielen spirituellen Wegen werden wir Bezüge zu dieser charismatischen Frau finden können.Insgesamt sind 5 Sterne für dieses auch sprachlich gut zu lesende Buch wirklich angemessen; dass es bereits vor ca. 20 Jahren geschrieben wurde, tut der inspirierenden Wirkung keinerlei Abbruch.
Den Hass anderer in seinem Inneren in Liebe verwandeln zu können und nicht in Gegenhass, das ist wahre Freiheit. Die holländische Jüdin Etty Hillesum hat zu dieser Freiheit gefunden. Umso bedeutsamer, dass jetzt eine Übersetzung des Buches von Paul Lebeau über Etty Hillesum, das bereits 1998 in Brüssel erschien, auf Deutsch vorliegt. Etty Hillesum hat in dem von Deutschen besetzten Amsterdam von 1941-1943 Tagebuch geschrieben. Im September 1943 wurde sie gemeinsam mit ihrer Familie vom Lager Westerbork aus nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Paul Lebeau beschreibt ihre persönliche und spirituelle Entwicklung. Er lässt sie vor allem selbst durch ihre Tagebucheinträge sprechen. Er sieht bei Etty Hillesum spirituelle Entwicklungen, die es auch bei großen spirituellen Meistern wie Ignatius von Loyola zu entdecken gibt. Wer die Tagebücher in der rororo-Ausgabe „Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943“ schon kennt, wird durch das Buch von Lebeau viele Zusammenhänge nun besser verstehen: sowohl die im Tagebuch erwähnten Personen als auch Ereignisse im Lager Westerbork. Der Übersetzer, Peter Knauer SJ, hat nicht nur den französischen Text, sondern auch die Einträge aus Hillesums niederländischem Tagebuch neu ins Deutsche übertragen. Das macht die Lektüre doppelt wertvoll.Das Buch führt uns in großer Klarheit den Spannungsbogen vor Augen zwischen der Entwicklung eines Menschen hin zu immer mehr Menschlichkeit und Mitgefühl gegenüber dem sich immer mehr steigernden Wahnsinn der Nationalsozialisten. Der eine Weg führt zur Freiheit, der andere zum großen Scheitern.