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EAN 9783847720508
In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg.: Eine Art Abenteuerroman (Die Andere Bibliothek, Band 447)
Hersteller:
Ab Die Andere Bibliothek
· MPN: 1210767
„Die liebe Leserin und der liebe Leser, der Kunde, der Endverbraucher, der Markt brauchte Zuversicht in diesen schwierigen Zeiten, er brauchte helle Bilder statt dunkle und leuchtende Farben selbst aus den finstersten Gebieten, wobei das nicht nur für Fotos galt, sondern auch für das, was wir schrieben.“ (Zitat Seite 213)InhaltDie Ich-Erzählerin ist als Berichterstatterin und Fotografin in allen Krisengebieten der Welt unterwegs und darüber berichtet sie in diesem Roman. Immer, wenn der Chefredakteur sie wieder losschickt, schaut sie zuerst in ihren Diercke-Weltatlas aus dem Jahr 1973, bevor sie dann von Berlin aus aufbricht, wo sie in der Goethestraße in Berlin-Charlottenburg wohnt. Sie erzählt von ihren Reisen nach Afghanistan, Papua-Heuguinea, nach Inguschetien, Libyen, Liberia, von den Menschen, dir ihr auf diesen Reisen begegnen, und sie nimmt uns mit in die großen Medienzentralen in Hamburg und Manhattan. Durch alle Schilderungen begleiten sie auch die Erinnerungen an den britischen Kriegsfotografen Tim H., der bei einem Feuergefecht zwischen Gaddafi-Anhängern und Rebellen in Misrata ums Leben gekommen war.Thema und GenreDie Autorin selbst nennt ihr Buch einen modernen Abenteuerroman, doch es geht weit um mehr als die Erfahrungen einer Reporterin In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg, Es ist eine kritische Auseinandersetzung mit der journalistischen Berichterstattung, die in vielen realen Facetten schildern will, was Krieg und kriegerische Auseinandersetzungen für die betroffenen Menschen bedeuten, während die Redaktionen der Auftrag gebenden Medienkonzerne sich von der Berichterstatterin berührende Erzählungen mit ebenso berührenden Kinderfotografien wünschen, um die Leserschaft nicht zu verschrecken und damit auch die großen Anzeigenkunden.CharaktereDie Autorin betont, dass es sich bei diesem Roman tatsächlich um literarische Prosa handelt und nicht um eine Autobiografie. Natürlich fließen ihre persönlichen Erfahrungen und die Erfahrungen von anderen Menschen mit ein und verbinden sich mit dem fiktiven Text.Handlung und SchreibstilDie Ich-Erzählerin schildert nicht nur ihre abenteuerlichen Reisen durch die Krisengebiete, darunter eine Reise mit Tim H. nach Liberia, sie verbindet diese auch mit einem weiten Bogen an persönlichen Eindrücken, Erfahrungen, Erinnerungen, findet neue literarische Gedankenverbindungen, nicht nur durch ihre Wohnadresse Goethestraße. Begegnungen mit bekannten Persönlichkeiten, bekannten Kriegsreportern, füllen ihre Schilderungen mit vielen unterschiedlichen Personen. Es ist jedoch die besondere Sprachintensität der Autorin, die sofort begeistert. In langen Sätzen reiht sie Ereignis um Ereignis, Gedanken und Gedanken aneinander, rasant, wie atemlos, verknüpft alle mit völlig anderen Themen, zu manchmal skurrilen Situationen und Überlegungen und dies alles nicht ohne satirischen Humor, so böse, dass sie uns damit zum Lachen bringt, trotz der ernsten Themen. „Hallo, ja, stehe im Stau auf der Third Mainland Bridge in Lagos, jemand will mir durch‘s Autofenster ein Bügelbrett verkaufen, und vermutlich stürzen wir alle gleich samt Brücke ins Wasser, aber falls in der Brühe da unten Empfang ist, rufe ich später zurück, woraufhin der Chefredakteur offenbar irgendjemandem im Raum zurief: unter unserer Frau Soundso stürzt in Lagos gerade irgendeine Brücke ein, aber vielleicht kauft Frau Soundso dort auch nur ein Bügelbrett, ich habe es nicht richtig verstanden, und sicher hatte der Chefredakteur dann noch hinzugefügt, dass Lagos jetzt the place to be sei, auch wenn er selbst dort niemals auch nur eine Sekunde hätte verweilen wollen.“ (Zitat Seite 154, 155)FazitKomplex und gleichzeitig vielseitig, eine kritische Auseinandersetzung mit dem modernen Journalismus, großartig erzählt in einer beeindruckenden sprachlichen Vielfalt, einer der Titel der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2022.
ist dieser Text - ein Requiem auf ihren britischen Fotojournalisten Tim, der in Misrata (Libyen) von einer Mörsergranate zerfetzt wurde und dann immer stärker ein Abschied von ihrem Beruf als Auslandsreporterin. Erinnerungen an Einsätze überall in der Welt - in Afghanistan, Liberia, im Südpazifik, im Kaukasus. Vorgetragen in langen atemlosen Sätzen mit einer ungeheuren Wucht und an vielen Stellen großer Komik. Was für ein Buch über eine Zunft, für die die eiserne Regel gilt "statt zu diskutieren, stets nur zu registrieren, denn wozu sollten wir versuchen, irgendjemanden von irgendetwas zu überzeugen, für die Verbreitung von Vernunft im Berichtsgebiet waren wir nicht da." (S. 171)
“In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg” wird als “Eine Art Abenteuerroman” beworben, aber selbst mit der Einschränkung “Eine Art…” ist das grober Unfug. Ein Abenteuerroman erzählt eine Geschichte, durch die sich ein Spannungsbogen zieht, bei der man mitfiebert. Ereignisse, auch schreckliche Ereignisse, sind noch keine Abenteuer. Auch eine Vielzahl solcher Ereignisse wird nicht zu einem Abenteuer, wenn die Spannungsstruktur fehlt.“In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg” ist ein Sammelsurium solcher Ereignisse, erzählt aus der rückblickenden Perspektive einer Kriegs- oder Krisenreporterin, dir in einem frei assoziierenden Stil, der in wenig gelungener Weise etwa an den Stil von Gabriel Garcia Marquez erinnert, von einem Ereignis zum nächsten, von einem Gedanken zum nächsten, springt. Gerade sind wir im Afghanistan der 90er Jahre, dann in Berlin der 70er, es folgt eine Erinnerung an New York, eine an Papua-Neuguinea, an Russland, dann wieder an Afghanistan, früher oder später. Durchweg alle Passagen lesen sich so:“(...) in der Ukraine zum Beispiel oder wo auch immer angeblich sonst noch Russland war, allein, weil dort vielleicht ein paar Russen herumlungerten, aber wenn es darum ging, so dachte ich auf meinem west-östlichen Divan immer wieder, war ja auch im Postgebäude in der Goethestraße in Berlin Russland, während in meiner Dachgeschosswohnung gegenüber für immer und ewig Stuttgart war, da konnte der Diercke-Weltatlas in sämtlichen vergangenen und zukünftigen Auflagen behaupten, was er wollte, in jedem Fall sollte er, so dachte ich, statt Buschmännern, Hottentotten, Sudan-N-Wort und Bantu-N-Wort demnächst auf den Karten lieber Russen einzeichnen und der Geschlechtergerechtigkeit wegen natürlich auch Russinnen, zur schnelleren Orientierung bei etwaigen militärischen Operationen (...)”Dabei soll der Tod eines Kollegen, Tim, mit dessen Nachricht der Roman beginnt, so eine Art roten Faden bilden. Aber erstens wird diese Geschichte regelmäßig längere Zeit vergessen, und zweitens ist es in einer so aufgebauten Erzählung, in der wir von Tim auch nur einige Fetzen erfahren, und eher zusammenhangslos, schwer, irgendeine Beziehung zu dieser Figur aufzubauen. Daher taugt das nicht recht als roter Faden.Wer Lust hat, irgendeinen Gedanken zu (ich übertreibe natürlich) jedem größeren Militäreinsatz und jeder größeren Krise der letzten 50 Jahre zu lesen, dazu ein bisschen Kritik an Hegel, ein bisschen was über Kolonialismus und allerlei mehr, lese dieses Buch. Wer sich so etwas lieber in strukturierten Monographien zu Gemüte führt, lasse es. Wer auf “Eine Art Abenteuerroman” hereingefallen ist, tut mir leid. Ein Text durchaus voll interessanter Einblicke, aber nichts, das mit Blick auf den diesjährigen Buchpreis auf die Shortlist wandern sollte (oder überhaupt auf der Longlist stehen).
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Letzte Aktualisierung: 26.09.2026 18:09 Uhr.