Bulgakow, Michail: Die weiße Garde
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Bulgakow, Michail: Die weiße Garde

Hersteller: Galiani, Verlag  ·  MPN: 1180289
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Produktbeschreibung

Die weiße Garde | Michail Bulgakow | Buch | 544 S. | Deutsch | 2018 | Galiani Berlin

Bewertungen & Erfahrungen

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Verteilung basiert auf 4 vorliegenden Einzelbewertungen.

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Redaktion 22.07.2026 testmonster.de · Redaktion
Dieser Roman ist ein tiefgründiges und fesselndes Werk über die turbulenten Ereignisse des ukrainischen Bürgerkriegs und der russischen Revolution, der sehr empfehlenswert ist. Die Neuübersetzung von Alex macht die Geschichte sehr zugänglich, wenngleich einige historische Details im Laufe des Lesens noch tiefer erforscht werden könnten.
Redaktion 22.07.2026 testmonster.de · Redaktion
Meisterwerk!
Doktor Stone 06.05.2024 amazon.de
Nach längerer Trockenperiode hatte ich nochmal übel Lust mich der russischen Literatura zu widmen. Wir befinden uns im Jahr 1918, in der Ukraine, bei den drei Turbins. Der Tod der Mutter fällt mit dem Beginn der Revolution zusammen. Alexej, der älteste, Nikolka und Jelena versuchen zu überleben. "Schläfst du ein, bist du mausetot", so könnte man den Roman vielleicht auf einen Nenner bringen. Zunächst durchzechen sie die Nacht mit General Myschlajewski und weiteren Bekannten. Was ist das für ein bunter Haufen, dem wir dort mit Freude begegnen.Die Zeitgeschehnisse verlaufen nicht gerade, sondern in einem bizarren Zickzack. Weiße, Rote, Nationalisten, Bolschewiki, Anarchisten, Revolutionäre, Gottgläubige - weiß der Kuckuck, wer noch alles mitmischt. Da fällt es natürlich nicht leicht, den Überblick zu behalten. 1917 wurde die ukrainische Volksrepublik ins Leben gerufen, für kurze Zeit existierte das Land in Unabhängigkeit vom "russischen Bruder". Die Deutschen unterstützen den Hetman, Pawel Skoropadskij, ziehen dann aber ab und lassen ihre Verbündeten im Stich. Oder wie es Bulgakow unvergleichlich ausdrückt "Die gallischen Gockel in roten Hosen, irgendwo fern in Europens Westen, habendie fetten geschmiedeten Deutschen regelrecht halb zu Tode gepickt. Das war ein fürchterliches Spektakulum:Die Gockel mit ihren phrygischen Mützen und einem Gegacker mit Accent grave stürzten sich auf die zugepanzerten Teutonen und rissen ihnen Fetzen von Fleisch heraus, zusammen mit Stücken ihres Panzers" (S. 90).Mit dem Vorrücken des Ukrainers Petljuras zerstreut sich die "vom zähen Feuer ziemlich überwältigte,buntgemischte und schüttere Infanterie der Weißen Garde" (S. 166). Der Bauernführer Petljura zieht in die Große Stadt. Seine Ankunft wird so überzogen-ironisch wie die einer Gottheit veralbert. Zugleich kommt es zu Progromen. Die Konterrevolution der Bolschewisten lässt nicht lange warten.Man staunt: Die rasante Sprache wurde höllisch gut übersetzt. Bulgakows Stil ist staccatohaft, sperrig, zerfranst, distanziert, dann wieder exaltiert oder melancholisch, durchsetzt von Alliterationen, Instrumentation (lange Ketten bestimmter Laute / Lautkombinationen) Neologismen und Gossenslang, was exzellent zum impulsiven Geschehen passt. Erinnert an Tristram Shandy (siehe Review), nur russischer, revolutionärer,und an Haseks unvergleichlichen Soldaten Schweijk. "Es ist arschdunkel und arschkalt", als der gefrorene Revolutionär gerade auftaut. Da schaukelts, zuckelts und tanzt es. Uhren ticken tink Tonk. "Abkratzen, sollnse", die Revoluzzer. "Auf Jungs, an den Don!". Die Zungen der Kerzen schlottern. Bewusstseinsströme im Wechsel mit surrealen Passagen.Bulgakows Sprache ist dunkel, assoziativ, expressionistisch. Wie der Übersetzer General Nays Sprache einfängt, ist wunderbar. Durchsetzt mit Bulgakows bissigem Humor und seinen genialen Dialogen:"Ihr Herren Offiziere, ihr seid die letzte Hoffnung der Großen Stadt. Enttäuscht nicht die Erwartungen der im Sterben liegenden Mutter aller russischen Städte, zeigt sich der Gegner - geht über zum Angriff, Gott ist mit uns!In sechs Stunden lass ich euch ablösen. Aber seid sparsam mit den Patronen" (S. 28).Auch den jungen Nikolka packt die Kriegsbegeisterung: "Und? Hast du Angst? - Nein, ich hab keine Angst -, antwortete wacker eine Stimme im Kopf, und vor Stolz, dass er offensichtlich so tapfer ist, wurde Nikolka noch blasser. Der Stolz ging über in den Gedanken, dass, wenn er, Nikolka, im Kampf fällt, er mit Musik beigesetzt wird.Ganz einfach: Da treibt die Straße entlang ein weißer glanzbrokatener Sarg, und im Sarg der im Kampf gefalleneUnteroffizier Turbin mit edlem wächsernem Antlitz, und schade, dass man jetzt keine Kreuze verleiht, sonst läge erunbedingt mit einem Georgsbändchen versehen. Am Tor sind Weiber: Wer wird beigesetzt, liebe Leute? - Der Unteroffizier Turbin ... Ach, war der hübsch ... Und darauf Musik. Im Kampf zu sterben, ist nämlich was Feines" (S. 209).Die Lektüre erfordert ziemliche Konzentration. Mit dem Fortschreiten der Revolution wird das Geschehen immer unübersichtlicher, fragmentarischer. Alexejs, der Älteste der Turbins, Verwundung wird im Rückgriff geschildert.Unvergleichbar bleibt Nikolkas Flucht und die Begegnung mit General Nay-Tours, Nero des Rostigen und Myschlajewski. Chaos bricht sich Bahn. Wassillissa und Wanda werden in ihrer Wohnung von einem Schlägertruppaufgesucht und müssen den Raubüberfall fein säuberlich quittieren. Derweil bricht auf den Plätzen Getümmel aus: "Die kleineren Glocken kläfften, jaulten, durcheinander, ohne Sinn und Verstand, als säße der Teufel im Glockenstuhl, Satan selbst in einem Priestergewand, sich über all das Gewirr amüsierend" (S. 322). Interessanterweise finden sich bereits im Bulgakowschen Frühwerk spätere Motive wie etwa Anspielungen auf Faust, hier die geniale Oper Gonouds. Spoljanski im Ziegenfell lässt an den Teufel denken. Dazwischen ein vorsichtig angedeuteter Petrus-Dialog, der an den Großinquisitor erinnert. Angelpunkt bleibt Dostojewski und dessen Sorgen vor Revolutionen und neuen Strömungen. Im Vergleich zu den "Dämonen", Dostojewskis zähesten Roman über das vorrevolutionäre Russland, pulsiert bei Bulgakow allerdings das Leben. Auch Tolstois "Krieg und Frieden" stand Pate. Na klar, hier sind, zugegeben, die Revolutionäre auch einen Schritt weiter als beim Großmeister. "Myschlajewski schnarchte im Tiefschlaf und offenbarte drei Goldkronen" - Für solche Beobachtungen und Bilder möchte man Bulgakow einfach umarmen.Wunderbar auch die Hymnen auf das quirlige Kiew, die Große Stadt, Bulgakows Heimatstätte: "Die Gärten zeigten sich von der schönsten Seite dort auf den wunderschönen Bergen, die da hingen über dem Dnepr, und, sich in vielen Stufen erhebend, sich weitend, und so manches Mal in Millionen Sonnenflecken erglänzend, ein anderes Mal in der zarten Dämmerung, herrschte der ewige Zarengarten" (S. 70). Und das Stadtleben: "Sogleich erschienen auch neue Gazetten, und schon fingen die feinsten Federn Russlands in den Feuilletons an, Satiren zu verfassen, worin sie über die Bolschewiken feixten. Die Droschken kutschierten tagein, tagaus die Kundschaft von einem Restaurant zum anderen, und nachts erklangen in den Kabaretts Streicherkapellen, und in Tabakdünsten erstrahlten in überirdischer Schönheit die Gesichter der weißen, ausgemergelten und durchkoksten Prostituierten" (S. 72).Normalerweise bin ich kein Freund von Moderne auf Teufelkommraus. Hat man sich eingelesen, wird die Fahrt ein großes Vergnügen. Besten Dank an die Galianis für dieses wunderbare Ausgabe. Je mehr Zusatzmaterial, desto besser. So sehe ich es. Hier wurde nicht gegeizt, Fußnoten erklären die Dutzenden Anspielungen und liefern geschichtlichen Background, Bilder beleuchten die Revolutionswirren. Plötzliche Wechsel, verquere Sprache und Orthografie, erfundene Topografie - Bulgakow war ein radikaler Modernist. Bis heute bleibt die "Weiße Garde" ein Politikum. Fast genauso spannend wie der Roman ist dessen turbulente Publikationsgeschichte, um die sich zahlreiche Mythen ranken. Unübersichtlich und biografisch (Turbin war der Mädchenname von Bulgakows Großmutter mütterlicherseits, sämtliche Figuren entsprechen dem Bekanntenkreis), etwas weniger fantasiereich als in "Meister und Margarita", aber nicht minder spannend. Einfach wunderbar wie leicht Bulgakow das Schwere erzählt. Jeder, der einmal Russland bzw. die russische Sphäre besucht hat, findet sich in dem ein oder anderenCharakter wieder. Zudem eine Fundgrube für alle, die sich für den ukrainischen Bürgerkrieg mit seinen Millionen an Toten interessieren. Gasstreitigkeiten, Transitkonflikte, der leidliche Sprachstreit, Maidan-Aufstände und Krieg in der Ostukraine - in jener Epoche liegt der Grundstein vieler Fehden und Verwerfungen von heute. Achso, noch zum Schluss, bevor ich es vergesse. Die Neuübersetzung der "12 Stühle" ist schon länger überfällig. Bitte gnädigst,Herr Nitzberg, der nächste Streich, bin gerade im Leseflow.P.S. Und weil das Zitieren hier auf fast jeder Seite so ergiebig ist: "Im grünlichen Lichtschein erglänzten weich die Buchrücken von Gontscharow, Dostojewski, und in einer kraftstrotzenden Kolonne der schwarzgoldene berittene Gardist Brockhaus-Efron. Also: Die reinste Augenweide" (S. 47).
Bories vom Berg 06.05.2024 amazon.de
Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine kommt dem Romandebüt «Die weiße Garde» von Michail Bulgakow plötzlich erhöhte Aufmerksamkeit zu, werden darin doch einige der Hintergründe für das aktuelle kriegerische Geschehen beleuchtet. Das 1924 erschienene Buch diente als Vorlage für das Theaterstück «Die Tage der Turbins», womit auch gleich die Protagonisten des autobiografisch inspirierten Romans genannt sind, die drei Geschwister Turbin. Thematisch wird in dieser Geschichte das politische Chaos behandelt, welches die Oktober-Revolution und der Zerfall des Russischen Reiches auf dem Gebiet der Ukraine ausgelöst haben. Es wurde schließlich mit dem Sieg der Roten Armee beendet.Im Winter des Jahres 1918 herrscht in der Großen Stadt, wie Kiew im Roman immer nur genannt wird, ein Bürgerkrieg mit mehreren Fronten. Dem Marionetten-Regime des von Deutschland gestützten, konservativen russischen Staatsoberhauptes stehen unversöhnlich die revolutionären Bolschewiki gegenüber, eine dritte Kriegspartei bilden die links orientierten, ukrainischen Nationalisten unter Petljura. Nach dem Rückzug der Deutschen flieht der Staatschef und überlässt seine Soldaten einem aussichtslosen Kampf. Der 28jährige Militärarzt Alexej und sein elf Jahre jüngerer Bruder, aufopfernd unterstützt von ihrer Schwester Jelena, geraten in einen wilden Strudel völlig unübersichtlicher Kämpfe mit verschiedenen Fronten. Während manche der russischen Kommandeure sich dem aussichtslosen Kampf stellen, lösen andere resigniert ihre Einheiten auf und schicken die Soldaten nach Hause. Der auf der Flucht schwer verletzte Alexej wird von einer unbekannten Frau gerettet. Während dessen nehmen die siegreichen ukrainischen Nationalisten unter Petljura Kiew ein und richten unter den als russische Offiziere enttarnten Zivilisten, und vor allem auch an den Juden, ein beispielloses Massaker an. Der inzwischen geheilte Alexej schließt sich, als Zivilist unerkannt, den ukrainischen Nationalisten an und wird als Militärarzt eingesetzt. Einer seiner Patienten ist schließlich ein für seine Brutalität besonders berüchtigter Oberst, aus Rache erschießt er ihn und muss erneut flüchten. Zu Hause stellt er fest, dass sein Bruder und auch Schwester Jelena mit ihrem Mann die gemeinsame Wohnung verlassen haben. Die wenigen Überlebenden unter seinen Freunden haben sich der «Weißen Garde» im Donbass angeschlossen. Als Alexej schließlich seine Retterin wiederfindet, marschiert schon die Rote Armee in Kiew ein.Bei der Lektüre wird deutlich, welch unterschiedliche Vorstellungen in der Bevölkerung herrschten während dieser turbulenten Umbruchzeit. Die Konservativen trauerten dem Zarenreich nach und hätten am liebsten alles so gelassen wie es war, die Bolschewiken wollten stattdessen den Sozialismus verwirklichen. Unversöhnlich standen sich auch die Separatisten mit ihrem Traum vom eigenen Staat und die sich einem russischen Staat zugehörig fühlenden Ukrainer gegenüber. Der Roman wird aus der Perspektive der strikten Gegner all dieser revolutionären Umwälzungen geschildert, er verdeutlicht zudem die Unwägbarkeiten, die den Menschen derart schicksalhafte Entscheidungen schwer machen. Bulgakow lässt die kontroversen Meinungen in Dialogform aufeinander treffen, wobei vieles im Konjunktiv gesagt wird, denn die Nachrichtenlage ist äußerst unzuverlässig, was einen bisher festen Standpunkt schnell erschüttern kann.Wie der Übersetzer Alexander Nitzberg erklärt hat, erzählt dieser Roman keine Geschichte, «vielmehr entwirft er Räume und Bildsphären». Obwohl er in seinem üppigen Anhang auf 94 Seiten mit hilfreichen Anmerkungen das Verständnis für den Leser erleichtert, bleibt letztendlich doch so manche subtile Anspielung oder sprachliche Besonderheit unentdeckt. Mit einer Syntax voller narrativer Extravaganzen, zu denen die absurde Erzählperspektive gehört, hat Bulgakow sich mit seinem Debüt als Meister des phantastischen Realismus etabliert. Es setzt jedoch geduldige Leser voraus.
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