Der Roman des Tonsetzers und Theologen Adrian Leverkühn ist Thomas Manns persönlichstes Werk. Der Autor bekennt über den Protagonisten: „Er ist eigentlich mein Ideal“. Mitten in den Kriegswirren des Jahre 1943 beginnt der Künstler mit der Niederschrift des Romans, den er 1947 fertigstellt. Walter Jens schreibt in seinem Begleittext zur Ausgabe des Deutschen Bücherbundes, dass der Roman den Emigranten wieder in seine Heimat zurückgebracht habe, zu der urdeutschen Sage.Der Vergleich des dämonischen Herren aus der Unterwelt mit dem Dämon, der Deutschland an den Abgrund der Geschichte führte, regte den Schriftsteller bei seinem Schreiben an. Thomas Mann tritt damit in die Fußstapfen seines großen literarischen Vorbilds Johann Wolfgang von Goethe. Dieser hatte ein Drama geschaffen, in dem ein Wissenschaftler seine Seele dem Teufel verschriebt, um zu Wissen, Macht und Leidenschaft zu gelangen. Bei Thomas Mann ist es ein Künstler, Adrian Leverkühn, der durch seinen Pakt mit dem Teufel in die Geheimnisse der Musik und der Harmonie eindringt. Unterzeichnete Goethes Faust seinen Pakt mit einem Tropfen Blut, so besiegelt eine tödliche Infektion Leverkühns Bund mit den finsteren Mächten. In beiden Fällen ist es die ewige Verlockung des Weiblichen, die den rationalen männlichen Geist verführt - dort Gretchen und Helena, hier eine Kurtisane. So sieht sich Thomas Mann zurecht „in der Nachfolge Goethes und Nietzsches“.Der Autor wechselt im Roman zwischen zwei Zeitperspektiven: der Zeit in der er erzählt, den schrecklichen Tagen des Zweiten Weltkrieges, und der Zeit von der er erzählt, der Vor- und Nachkriegszeit des Ersten Weltkrieges. Man gewinnt den Eindruck, dass der Erzähler mit dem Leser spielt: Er bittet um Rücksicht beim Leser oder klagt sich selbst der Ungeduld an, wenn er der Entwicklung vorweggreift. An anderer Stelle spielt er mit dem Aberglauben der Leser, wenn er der Zahl 13 eine unglücksbringende Wirkung unterstellt.Der Autor stellt seinem Werk den Beginn die ersten Zeilen des zweiten Gesanges aus Dantes ‚Göttlicher Komödie‘ voran. Ganz klassisch fleht der Dichter dort um Beistand der Musen an.Thomas Mann gewinnt Distanz zum Protagonisten, indem er die Geschichte des Adrian Leverkühn aus der Perspektive des Freundes Serenus Zeitblom erzählt. Der Erzähler gibt sich bescheiden als ein Gelehrter, ein rational denkender Wissenschaftler, eine „…human temperierte…“ Natur. Doch man hört im Unterton den Stolz des frommen Bildungsbürgers, des „…conjuratus (Verbündeter) des ‚Lateinischen Heeres‘“ und „…Musensohn im akademischen Sinne des Wortes …“ heraus. Sein apollinisches Wesen kontrastiert mit dem dionysischen Wesen seines Freundes, dem „…furchtbar heimgesuchten, erhobenen und gestürzten Mannes und genialen Musikers…“. Der Autor schreibt, dass der Altphilologe, dessen Studiengebiet man zum humanistischen Bildungsprogramm rechnet, sowohl Lehrer und Erzieher sein kann, im Gegensatz zum Naturwissenschaftler, dem er die Rolle des Erziehers nicht zubilligt. Immer wieder kreuzten sich ihre Wege und obwohl sie so wesensverschieden sind, zieht Zeitblom der Genius dieses geheimnisvollen Freundes magisch an, der ihm dennoch immer fremd bleibt, weil er keine Liebe kennt und sich nach Einsamkeit und Kälte sehnt. Die Figur des Serenus Zeitblom erinnert an Fausts Famulus Wagner und an Hermann Hesses Figur des Goldblum. Später im Roman bekennt er, sein eigenes Leben nur „…mit halber Aufmerksamkeit, gleichsam mit der linken Hand führte, und dass meine eigentliche Angelegenheit, Spannung, Sorge dem Dasein des Kindheitsfreundes gewidmet war…“.Der Erzähler stammt aus dem Hause „…eines halbgelehrten Mittelstandes…“, der Vater war Apotheker, die Mutter war „…eine fromme Tochter der Kirche…“. Demgegenüber verortet der Autor den Protagonisten in ein „…Geschlecht von gehobenen Handwerkern und Landwirten…“. Thomas Mann beschreibt dann die ländliche Gegend, in der die Leverkühns lebten, den Hof mit den Tieren und dem Garten. Adrians späteres Quartier bei Pfeiffering in Oberbayern hatte auffallende Ähnlichkeiten mit dem kindlichen Zuhause. Der Erzähler erinnert sich, dass eine Magd mit den Kindern in den Dämmerstunden Volkslieder im Kanon sang.Der Erzähler führt den Leser in seine fiktive Vaterstadt Kaisersaschern an der Saale nicht fern von Weimar, Goethes Residenz. Er baut eine historische Kulisse auf, lässt den salischen Kaiser Otto III und dessen Frau Theophanu im Dom zu Kaisersaschern bestattet sein. Otto III plante eine Renovation des Römischen Kaiserreiches, eine Andeutung an die Pläne des Diktators.Mann schafft eine mittelalterliche Kulisse, die den Emigranten an glückliche, vergangene Tage erinnert haben mag: „…Alter ist Vergangenheit als Gegenwart, eine von Gegenwart nur überlagerte Vergangenheit…“. Gleichwohl warnt der Autor davor, dass die Zeit dazu neigt, „…eine ganz falsche, unselige Geschichtlichkeit zu produzieren…“ und dass man „…die Menge nur als das ‚Volk‘ anzureden braucht, wenn man sie zum Rückständig-Bösen verleiten will. Was ist vor unseren Augen, oder auch nicht just vor unsern Augen, im Namen des ‚Volkes‘ nicht alles geschehen, was im Namen Gottes, oder der Menschheit, oder des Rechtes nicht wohl hätte geschehen können!“ Wie tief verwurzelt sind beim Menschen die archaisch-volkstümlichen Strukturen, die nur allzu gläubig zu Dämonen Zuflucht nehmen und nach dem Urteil Manns nicht durch Religion, sondern nur durch Literatur gebannt werden können.In dieser Umgebung wächst Adrian Leverkühn auf einem Hof auf. Er leidet seit der Kinderzeit unter Migräne. Um die Grundschule zu besuchen, zieht zu seinem Onkel, einem kinderlosen Witwer, in die Stadt, als er auf das Gymnasium wechselt. Adrian entschied sich überraschenderweise für das Studium der Theologie in Halle und strebte eine akademische Laufbahn, aber keinen Kirchendienst an. Thomas Mann bemerkt sehr fein, dass die Königin der Wissenschaft, die Philosophie, neben der Theologie zur Dienerin, zum ‚Nebenfach‘ wird. Sein musikalisches Streben pausierte für die folgenden fünf Jahre. Doch über dem Studium lag ein Schatten: Adrian war zu stolz, es fehlte ihm an Demut. Stand es ihm denn frei, sein Studienfach zu wählen, fragt der Erzähler und antwortet: „Nur das Gleichgültige ist frei. Das Charakteristische ist niemals frei…“.Die Wege der Jugendfreund trennen sidn und kreuzen sich immer wieder. Adrian zieht nach Pfeifferding in Bayern. Serenus kannte den Freund und wusste um seine Eigenheiten; doch wie ein Magnet fühlte er sich von ihm angezogen: „Es gibt Menschen, mit denen zu leben nicht leicht, und die zu lassen unmöglich ist.“Der Höhepunkt des Romans bildet der Pakt, den Adrian nach Faustischen Vorbild mit dem Teufel schließt. Adrian werden 24 Jahre für sein künstlerisches Schaffen gewährt. Im Gegenzug muss er auf Liebe verzichten: „Liebe ist dir verboten, insofern sie wärmt. Dein Leben soll kalt sein…“. Es folgt ein künstlerisches Leben voller Höhepunkte und Tiefen, an dessen Ende der Küsntler die Freunde und Bekannten einlädt und ihnen seine dunke Seite offenbart. Adrian weiß, dass er nicht wie Faust auf göttliche Gnade hoffen darf, weil er „…jedes im Voraus zerstörte durch Spekulation.“ Sein Zusammenbruch und die folgenden Jahre in Umnachtung erinnern an das Schicksal Friedrich Nietzsches.Thomas Mann spannt den Bogen von dem Teufelspakt, den der Künstler mit dem Teufel geschlossen hatte zum Pakt, den der deutsche Führer mit den Dämonen einging: „Gott sei euerer armen Seelen gnädig, mein Freund, mein Vaterland.“Resümee: Ein Glanzpunkt in der deutschen Literatur, die aber spachlich dem Leser alles abverlangt.