In Zeiten, in denen künstlicher Intelligenz, Machine Learning, Blockchain und Internet of Things alle möglichen und unmöglichen Zukunftsanwendungen nachgesagt werden, lohnt es sich womöglich, einmal nachzusehen, wo all das überhaupt begonnen hat. Der Technologie-Historiker David Gugerli von der ETH Zürich hat diesen Versuch gewagt und dabei vor allem die Archive der „Association for Computing Machinery“ gewälzt und nicht einfach ein paar Interviews mit dem WHO is WHO der Tech-Szene geführt. Das vor allem, weil wie er schreib (S. 9f), diese Akteure nur Rechtfertigung für weitsichtiges Handeln in der Vergangenheit liefern, sich aber wenig für die historische Entwicklung interessieren. Sie gingen von einer Vergangenheit mit beschränktem Horizont der anderen aus, und vergleichen diese Vergangenheit mit der undankbaren oder ignoranten Gegenwart. Mit anderen Worten, wer es geschafft hat, digitale Weltgeschichte zu schreiben, sieht den Grund dafür oft eher in den eigenen, über alles andere herausragenden Fähigkeiten als in der Tatsache, dass bereits zahlreiche andere schlaue, umtriebige, überzeugte und ausdauernde Menschen durch ihre Errungenschaften überhaupt die Voraussetzungen für das eigene Tun geschaffen haben. Dementsprechend kommt in diesem Buch weder Bill Gates noch Steve Jobs vor (nur die Namen der Firmen, die sie gegründet haben), sondern viele für den Laien Unbekannte, die gemeinsam Weltgeschichte geschrieben haben.Hier ein kurzer Eindruck, wie das alles gelaufen ist:Das Buch ist einfach gegliedert und hangelt sich begrifflich so einerseits an den Entwicklungsstadien des Computers entlang und anderseits an dem zunehmendem Aufgabenspektrum, das sie erledigen konnten: Einschalten; Rechnen, Programmieren und Formatieren; Teilen und Synchronisieren; Herstellen und Einrichten; Verbinden, Abgrenzen und Speichern, Ausschalten (S. 5).Eine der treffendsten Formulierungen, die ich bisher gelesen habe, um die rasante Entwicklung der Kommunikations- und Informationstechnologien zu begründen, findet sich auf Seite 126,f: „Und stets ging es um eine angemessene Antwort auf Wachstumsprobleme“, wo der Autor die Einführung computergestützter Informationstechnologie beim Bundeskriminal am in Wiesbaden beschreibt. Egal, um welche Arten der Nutzung es in den frühen Zeiten der Verlagerung der Wirklichkeit in den digitalen Raum ging, es waren immer die stetig zunehmenden Massen an Daten, die anfänglich in Papierform, dann auf Lochkarten, dann auf Magnetbändern und schließlich irgendwann auf Festplatten gespeichert wurden, sie mussten verwaltet werden. Für Menschen allein irgendwann unmöglich. 1951 bewarb der Hersteller RAND den zweiten kommerziell verfügbaren Rechner „UNIVAC“ mit dem Slogan „In weniger als vier Stunden pro Woche und mit wenig Bedienpersonal kann der UNIVAC eine Lohnabrechnung für 15000 Angestellte erledigen. Eine gewaltige Ersparnis an Zeit und Geld“ (S. 13). Der Rechner sollte Aufgaben wie Sortieren, Klassifizieren, Rechnen und Entscheiden übernehmen können, die allerdings jeweils voneinander beeinflusst waren und schon damals einen bestimmten Programmablauf sowie Datenformate erforderlich machten, die als Vorläufer der Betriebssysteme und Programmiersprachen galten (S. 21f), damals jedoch noch komplizierten technischen und semantischen Trial-and-Error-Prozess unterlagen. So mussten für jeden Anwendungsfall neue Rechenmodelle erstellt und immer noch händisch validiert werden, um überhaupt Arbeitsaufgaben vom analogen in den digitalen Raum zu übertragen. Vor allem Kaufleute, Versicherer, Handwerker und Militärs lieferten bereits damals Datenmengen, die durch Berechnung im Computer Zeit und damit Geld sparen konnten (S. 27f). Um einen Arbeitsprozess überhaupt mit einem Ziel und Zweck zu erfüllen, mussten die Aufträge in adäquate Befehlssequenzen zerlegt werden, was ebenfalls die Anforderungen an das Bedienpersonals erhöhte, da es sich nicht nur technisch, sondern auch fachlich im jeweiligen Anwendungsfeld auskennen musste (S. 38). So entstanden Verfahrensprotokolle, nach denen der Computer arbeitete, wie sie heute auch noch existieren. Dass ein Computer anfänglich gerade einmal die Grundrechenarten beherrschte, war für die Kritiker schon der erste Anlass, deren Sinnhaftigkeit infrage zu stellen (S. 44), da der Bedienaufwand noch ungleich höher war. Die nächste Herausforderung war es, die Programme zu schreiben, die die Abläufe im Computer steuern sollten, da es an allgemeinen Standards mangelte (S. 48) und für die erforderlichen Lösungen Kreativität und dennoch ein gewisse Konsistenz gepaart mit herausragenden mathematisch-logischen Fähigkeiten gesucht war. Zuletzt mussten die Daten auch erst noch in die Computer gelangen, damit diese ans Werk gehen konnten. Diese lagen damals auf Lochkarten vor oder wurden später auf Magnetbänder übertragen (S. 58). Da also viele Prozesse, die heute im Computer ablaufen noch außerhalb des Computers stattfanden, war es vor allem eine Frage des Betriebs und der Organisationen, dass die Vorteile der neuen Errungenschaften überhaupt zum Vorschein treten konnten.Damit wurden Lösungen entwickelt, die sich mit zeitlichen Abläufen der Speichernutzung für die parallele Datenverarbeitung und die anwendungsbezogenen Betriebsabläufe (S. 62ff und S. 74ff) beschäftigten. Waren diese Herausforderungen gelöst, wurde das Anwendungsfeld der Computer immer größer, da sie mehr Aufgaben in weniger Zeit erledigen konnten. Trotzdem brauchte man für die Erledigung komplexer Projekte immer noch Einzelrechner, die jeweils bestimmte Teilaufgaben erfüllten. Die Synchronisation der einzelnen Rechner wurde durch die Menschen an den Bedienterminals und analoge Mittel wie Rohrpostsysteme in den Kontrollzentren übernommen (S. 95f), um beispielsweise Auswertungsgrafiken zu übermitteln. Feedbackschleifen wurden dann per Telefon durchgeführt, später wurden auch Filmaufnahmen genutzt, um das Geschehen an zentralen Kontrollterminals live-on-air gleichzuschalten und Befehlsketten möglichst „realtime“ abzustimmen. Die Mission Control der ersten Apollo-Mission dient dazu als Beispiel (S. 99). Durch diese Mission und weitere strategische Geschäftsfeldentwicklung verschaffte sich die Fa. IBM bereits einen Namen als Hardwareausstatter, insbesondere was die Prozessortechnologie anging und im weiteren Verlauf auch Betriebssysteme (S. 105ff). Allerdings entwickelten auch Konkurrenten wie DEC (Digital Equipment Corporation) Hardware- und Softwarelösungen und nahmen zunehmend auch die Vernetzung von Computern ins Visier. Auch Elektronikanbieter wie die Radio Corporation of America entwickelten nun Hardware, auf denen IBM-Software laufen sollte (S. 111). Der Konkurrenzdruck war so groß geworden, dass man bei IBM nur noch auf Wandtafeln schrieb, die anschließend abwaschbar waren, um bloß keine Informationen über Entwicklungsprojekte durchsickern zu lassen. Der Angriff auf das IBM-Quasi-Monopol veranlasst IBM Ende der 60er Jahre, Software und Hardware zukünftig getrennt zu vermarkten, was als die Geburtsstunde der Softwareindustrie gilt (S. 113). Ebenfalls gilt es als das Entstehungsjahr der Informatik als „Spannungsfeld zwischen angewandter Mathematik, Elektrotechnik und Physik“, was seine Anfänge in einer der ersten Programmiersprachen namens Algol 68 nahm.Einige interessante erste Anwendungsfälle werden ab S. 118 genannt:1. Die Umstellung der Kurverwaltung in ein „Kurinformationssystem“ in Bad Wörishofen.2. Die Schweizerische Bankgesellschaft wollte Ihre Geschäftsdaten in ein „Bankinformationssystem“ überführen.3. Das Bundeskriminalamt reagierte auf die RAF-Anschläge mit einer „Kriminaldatenbank“ – interessantes Detail: hier wurde „Aktenzeichen XY ungelöst“-Moderator Eduard Zimmerman in die Planung und Umsetzung einbezogen, auch wenn er den technisch versierteren Projektpartner eher zu Last fiel. Die Show war damals nichts anderes als ein „Crowd-Fahndungs“-Ansatz, nur eben mit Kabeltelefonen anstatt Smartphones. Letztlich war der Nutzen der Datenbank für die tatsächliche Fahndung aber gering, da man zwar schneller Akten und Beweise sortieren, sichten und zuordnen konnte, aber dennoch nicht schneller bei der Ergreifung von Verdächtigen vorankam – es fehlte die Vernetzung mit anderen Behörden im In- und Ausland. Für die Politik galt die technologische Errungenschaft damals dennoch als mächtiges Mittel, um pragmatisches Durchgreifen zu demonstrieren, auch wenn sie in ihrer Wirkung nur schwach war und viel Geld kostete.Ab 1975 entwickelten dann mehrere Hardwareanbieter unterschiedliche Ansätze, um Rechner in Netzwerken zu verbinden (S. 150f). Allerdings setzte sich dann 1978 das heute bekannte TCP/IP-Protokoll durch, das durch verschieden Projekte der Advanced Research Projects Agency (ARPA, heute DARPA) entwickelt wurde und global sowie mit unterschiedlichsten Hardware- und Softwarefabrikaten einsatzfähig war. Die Geburtsstunde des Internets (S. 153f).Als nächstes wurden die „Personalcomputer“ mit dem Altair 800 der Firma MITS aus New Mexico eingeführt, ein Bausatz, um sich zu Hause einen Computer zu basteln (S. 155ff). Danach ging es dann erst richtig los, die Bastler entdeckten z.B., dass Computer auch Töne ausspucken können, als zufällig ein Transistorradio für Interferenzen mit dem Altair 800 sorgte (S. 156). Für alle Computerteile gab es plötzlich großes Interesse der User-Community, seien es Prozessorleistung, Arbeitsspeicher, Massenspeicher, Bildschirme, Drucker oder Eingabegeräte, sowie Betriebssysteme und Softwareanwendungen (S. 166). Die Skepsis war dennoch wie immer bei neuen Technologien groß, wer sollte bereit sein, 500 bis 3000 Dollar auszugeben, für ein paar banale Anwendungen, die man auch auf dem Taschenrechner erledigen konnte (S. 167). Nach dem Altair 800 brachte dann IBM 1981 seinen ersten Personalcomputer raus, samt Softwarepaket, Lautsprecher, Drucker und Spielen von Microsoft (S. 169f). 1984 trat dann Apple mit dem „Macintosh“ als Alternative in den Markt, damals schon mit dem Ziel mehr Nutzerfreundlichkeit zu vermitteln (S. 172).In der Folge der Massenmarktentwicklung steigerten sich stetig Prozessorleistung, Arbeitsspeicher und Massenspeichermedien, so dass letztlich die Vernetzung durch das Internet den letzten Technologiesprung bewirkte, nämlich die ortsunabhängige und jederzeit mögliche Nutzung von Benutzeroberflächen. Seit den 70er Jahren breitete sich ein ganzer Flickenteppich von Netzwerken aus, dass letztlich das Netzwerk des amerikanischen Verteidigungsministeriums in den 80er Jahren das Rennen zum „Internet“ machte, lag schlicht an der Möglichkeit durch ein geeignetes Protokoll (TCP/IP) mehrere Netze zu vernetzen (S. 195), nicht aber weil es besonders sicher oder leistungsfähig war.Fazit: Das Buch wartet mit vielen interessanten Anekdoten und Details auf, die anschaulich erklären, wie man sich als Laie die Verlagerung der Wirklichkeit in den digitalen Raum vorstellen kann. Sehr empfehlenswert, wenn man meint, jetzt schon nicht mehr mit der Entwicklung Schritt halten zu können…wir sind noch längst nicht am Ende.