Es ist zugegeben schwierig, bei der Vielzahl der deutschen Editionen von Tschechows Erzaehlungsbaenden den Ueberblick zu wahren, zumal nirgendwo im Netz bei jenen Auswahlbaenden ein Inhaltsverzeichnis richtig sichtbar wird. Insofern ist ein chronologischer Ansatz wie im vorliegenden Fall sehr hilfreich, weil ich grundsaetzlich alle Erzaehlungen von Tschechow angesichts ihrer stets unterschiedlichen Charaktere, Handlungsorte, Millieus und ueberraschenden Wendungen, sowie ihres sprachlichen Reichtums fuer sehr lesenswert halte. Ich moechte jedoch auch einen von G. Dick und W. Duewel im Jahr 1966 im Verlag Ruetten & Loenig in (Ost-) Berlin erschienenen Band "Meistererzaehlungen: Weiberwirtschaft" empfehlen, der alle 16 zwischen 1892-1895 erschienen Erzaehlungen - als Teil einer Gesamtausgabe in Einzelbaenden - schoen uebersetzt und annotiert enthaelt, der sicherlich antiquarisch noch hier und da - vorallem in Mitteldeutschland - guenstig zu haben ist.
So edel wie der Autor lebte, so edel präsentiert der Diogenes-Verlag seine späten Erzählungen in einem Doppelband. Gebunden in klassischem Leinen, umrahmt von einer Box, auf dessen Rücken das Portrait des großen russischen Meisters vom Buchregal herab scheinen wird. Cechovs späte Erzählungen sind mehr als geeignet, um sich dem Mediziner (denn das war Cechov ursprünglich von Beruf) anzunähern. Aber keine Bange: seine Prosa ist nicht mechanisch und oberflächlich wie die moderne Medizin, sondern tiefgründig, dramatisch und vor allem immer menschlich.Ganz im Sinne der großen russischen Belletristen zeichnet auch Chechov in den meisten Fällen das Bild einer kleinbürgerlichen Gesellschaft, deren Abgründe, und den Umgang mit Schuld und Sühne, mit innerpsychologischen Verwirrungen. Klassisch, stilecht und vor allen Dingen: lesbar, nachvollziehbar, weniger auf einer intellektuellen, als auf einer gefühlvollen Ebene.Was die Sammlung ausgezeichnet, sind neben der opulenten Auswahl der Schaffensjahre von 1893 bis 1903 die editorischen Notizen und Anmerkungen. Jede Erzählung wird von Übersetzer Peter Urban mit der Publikationsgeschichte, der Entstehung, den Selbstaussagen und Reaktion der Fachwelt sowie wichtigen Stellenkommentaren versehen. Das erst macht die Geschichte hinter der Geschichte lebendig und nachvollziehbar.Wer zugleich einzutauchen möchte in die russische Gesellschaft des späten 20. Jahrhunderts, in die Hintergründe eines genialen Autors (der übrigens 1904 in Deutschland gestorben ist) und ein paar unvergessene Klassiker, die auf allen Bühnen der Welt zuhause sind, muss zugreifen: Rothschilds Geige, Auf dem Gutshof, Der Mord, Herzchen, Die Dame mit dem Hündchen oder Die Bauern sind nur einige der großen Literaturperlen, die hier feil geboten werden. Wenn das Ganze so wunderbar strukturiert und liebevoll arrangiert wird, wie in der aktuellen Diogenes-Werksausgabe, dann heißt es: zugreifen, Bücherregal verschönern und den Hausschatz der Prosa mit Gold aufwerten.