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Redaktion18.08.2026
testmonster.de · Redaktion
Diese Essays von Caliban Berlin sind absolut faszinierend und bieten einen tiefen Einblick in die Zeit von 1980 bis 1984. Ich kann die Qualität der Texte und die Perspektiven sehr schätzen.
Vor einigen Jahren las ich Jörg Fausers „Schneemann“ und verliebte mich in die lässige Erzählweise und die Sprache des Autors. Die Kolumnen, die zwischen 1980 und 1984 im Berliner tip, dem größten deutschen Stadtmagazin der 80er Jahre erschienen sind, hat der Diogenes Verlag nun erneut aufgelegt. Was für ein Glücksfall!Bis Ende 1982 schrieb Fauser relativ unregelmäßig unter dem Pseudonym Caliban - in Anlehnung an den gleichnamigen Helden in Shakespeares „Sturm“, der die Wildheit verkörpert und dessen Name ein Anagramm von „canibal“ darstellt. Anschließend erschien eine, ebenfalls Shakespeare aufgreifende, regelmäßige Kolumne unter dem Titel „Wie es euch gefällt“.Wie es dazu kam, erklärt Werner Mathes, der zwischen 1977 und 1985 Chefredakteur des Berliner Stadtmagazins und Jörg Fausers Trauzeuge war, in seinem Nachwort.Fauser schrieb über seine Erlebnisse in München, wo er zunächst noch wohnte, in Berlin, wo er schließlich hinzog und auf Reisen – kurz: er beschrieb, „wie es in der Welt draußen zugeht“.Die meisten Texte haben den Charakter von Kurzreportagen. Es geht zum Beispiel um einen Boxkampf in München, um den Papstbesuch in Deutschland, den Fauser vom Krankenbett aus im Fernsehen verfolgte, um einen Besuch bei einem Astrologen und einer Wahrsagerin oder um Reisen nach Griechenland und Malta.Aber auch die politischen Diskurse der frühen 1980er sind immer wieder Thema – etwa Peter Rühmkorfs Aufruf zum Boykott der Springer-Presse, Herbert Wehner und die Tagesschau.Bisweilen erschrickt man angesichts der Aktualität mancher Themen, seien sie nun politischer oder populärkultureller Natur – etwa dann, wenn es um die zukünftige Vermarktung des Boxsports geht.Fauser schreibt lässig, pointiert und witzig, da sitzt jeder Satz – jedes Wort. Er tritt in die Fußstapfen der großen Beat-Literaten und wird zum Vorbild für die Pop-Literaten, etwa für Benjamin von Stuckrad-Barre, der in mehreren seiner Bücher Fauser zitiert.Er ist ein begnadeter Beobachter: „Eine Frau in einem Goldlaméanzug zog einen dicken Jungen aus einem Modegeschäft. ‚Bis nächstes Jahr reicht das, und dann soll Papi dir was kaufen!‘ Der Junge stand schon vor dem nächsten Schaufenster. An der Ecke erbrach sich ein Bleicher in den Papierkorb. Zwei Polizisten tauchten aus dem U-Bahnschacht auf. Eine verkrüppelte Taube hinkte ihnen hinterher. Der am Papierkorb wischte sich den Schmant von der Lacklederjacke. […] Der Bleiche ging ins Terrassencafé. Früher hatten dort die Pelzhändler und Grundstücksspekulanten ihre blonden Frauen mit Torte gefüttert. Jetzt fütterten die Heroinhändler ihre Kunden mit dem bitteren Zucker des Todes. Ich war wieder in Frankfurt.“ Knapp zehn Jahre bevor er diese Zeilen schrieb, war er selbst heroinabhängig und schaffte in Frankfurt schließlich den Entzug. Er war ein Autor, der eine Menge erlebt hatte und davon erzählen konnte. Von seinem Tod sollte später ein anderer Schriftsteller erzählen: Michael Köhlmeier erwähnte 2013 in seiner Rede zum Ingeborg-Bachmann-Preis, dass Fauser, dessen Leben wenige Stunden nach der Feier zu seinem 43. Geburtstag tragisch endete, möglicherweise nicht Opfer eines Unfalls geworden sein soll. Im Juli 1987 wurde er beim Überqueren der Autobahn bei München von einem Lkw erfasst und starb. Zum damaligen Zeitpunkt recherchierte er die Verbindungen zwischen dem Drogenmilieu und der deutschen Politik.
Zu behaupten, ich würde das Werk von Jörg Fauser zu kennen, wäre maßlos übertrieben. In den 1980er-Jahren fanden einzelne Werke von Fauser mehr oder weniger zufällig den Weg zu mir. Doch obwohl mich seine eigenständigen Adaptionen von William S. Burroughs, Charles Bukowski oder Raimond Chandler fesselten und etliche seiner Sätze Aufnahme in meine Zitatensammlung fanden, vergaß ich diesen wortgewaltigen deutschen Schriftsteller wieder. Das man auch an seinem frühen Tod liegen, wurde er doch kurz nach seiner Feier zum 43. Geburtstag von einem LKW erfasst.Obwohl Jörg Fauser auch im 20. Jahrhundert eine treue, wenn auch ziemlich kleine Leserschaft anspricht, würde sein Name wohl langsam verblassen. Aber da der Diogenes Verlag 2019 mit einer Neuedition begann, wird Fausers Werk sogar Leser gewinnen, die noch nie von ihm gehört haben.Die inzwischen verstorbenen Schriftsteller und Kritiker Peter Härtling, Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki sorgten 1984 beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt beinahe dafür, dass die Lektüre von Jörg Fauser als Verbrechen galt. Denn süffisant lächelnd und ihre Macht als Jurymitglieder ausspielend, sprachen sie Fausers Text jeglichen Kunstcharakter ab. Doch zum Glück war ihr kritisierter Außenseiter bereits zu erfolgreich. Und wenn dieses Dreigestirn einen Kollegen verdammte, war dies nicht nur für mich ein Zeichen, dass sich die Lektüre lohnen könnte.„Caliban Berlin“ vereint auf 320 Seiten die Kolumnen, welche Jörg Fauser von 1980 – 1984 im Berliner Stadtmagazin „tip“ veröffentlichte. Und obwohl etliche dieser kleinen Meisterwerke einen starken Bezug zum Zeitgeschehen und damals bekannten Menschen haben, lohnt sich die Lektüre noch immer. Es lohnt sich, weil der Mainstream von heute vergessen lässt, was leidenschaftliche, radikal subjektive Sprache ist. Fauser wurde ja, wie bereits erwähnt, ebenfalls kritisiert. Aber die Angst, mit politisch nicht korrekten Gedanken oder Formulierungen in einen Shitstorm mit den Ausmaßen von 2019 zu geraten, musste er nicht haben.Mein Fazit: Niemand muss die Ansichten, Wertungen und Beobachtungen von Jörg Fauser teilen. Aber es tut einfach gut, Ungefiltertes und daher auch Ungerechtes zu lesen. Zudem kann Fauser mit Bildern und Metaphern aufwarten, die schlicht großartig sind. Zum Beispiel, wenn Fauser beschreibt, wie er einen Astrologen besucht, der in einer trostlosen Hochhauswabe wohnt: „Von ihrem Hochsitz im dritten Stock beobachtete mich eine Frau mit blauen Lockenwicklern im Haar. Ein seltsames Lächeln zog an ihren Mundwinkeln. Wusste Sie, zu wem ich ging? Ich starrte zurück. Sie zog die Gardinen zu. Ich klingelte.“
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Letzte Aktualisierung: 26.09.2026 18:09 Uhr.