Grandios – mitreißend, aufrüttelnd aktuell und zu Herzen gehend – dieser Roman wird Furore machen.Als Leser haben wir es mit einem gewaltigen Thema zu tun, mit Macht und deren Missbrauch, von der öffentlichen Bühne bis in die Gefängnisse, mit und ohne Mauern, von der Kanzel über den Markt, der Eitelkeiten, Intrigen und Heucheleien, bis ins Schlafzimmer.Aus dem Venedig der Renaissance erfahren wir von der Wiedergeburt einer außerordentlichen und gezeichneten Frau: Bekannt als la Zaffetta, da ihr Vater vom Schreiber zum Spitzel avanciert war, ein Zaffo, während die Tochter sich selber Angela nennt, Angela del Moro. Als sie sich sechzehnjährig, vielbegehrt und wählerisch, einem der mächtigsten Männer aus dem Adel der Stadt verweigert, wird ihr das Schlimmste angetan, das kaum jemand überlebt. Sie wird rituell vergewaltigt – der Brauch heißt Trentuno, also einunddreißig. Das Opfer, nicht der rachsüchtige Täter wird in dieser verkehrten Welt an den Pranger gestellt – "Die Zaffetta trieb es mit allen". Ihre Existenz ist vernichtet.Leser und Leserinnen beschreiben, daß sie mit dieser Heldin der besonderen Art bangen und fiebern als wären wir dabei, wie sie es fertig bringt, sich der Opferrolle entgegenzustemmen, zu wüten, zu trauern, um Würde und Selbstachtung, ja Lebensfreude zu behalten. Es gelingt, sie hat wieder Zukunft, und was für eine, wie die verbürgten und inzwischen erforschten Fakten ihrer Biographie beweisen.Lea Singer gibt sogar ihre Quellen preis und selbst wenn man diese vorweg liest, bleiben die ungesühnten Verbrechensakte offen in all ihrer Dramatik für heutige Zeugen.Wie gelingt es der erfahrenen Autorin, die hohe Suggestionskraft dieser fiktiven Autobiographie zu erzeugen?Durch einen Geniestreich in der Welt des authentischen Ausdrucks; sie lässt die Protagonistin für sich selbst sprechen. Sieben Jahre nach der Katastrophe blickt Angela auf die Ereignisse zurück und findet ihre Sprache in Wahrheit und Gefühl wieder.Die Ich-Erzählung bringt von sich aus Intimität mit sich, wie wenn uns etwas gestanden wird. Ich zu sagen, hat einen unmittelbaren Realitätseffekt. Der ist bei einer Protagonistin wie Angela alias Zaffetta entscheidend. Von deren doppelter Identität in der Dritten Person zu erzählen, wäre in diesem Fall eine Distanzierung gewesen, die an Verrat grenzte.Rang wird von oben herab zugewiesen. Nicht zu vergessen – diese prominente Heldin ist eine gezeichnete Frau, real und symbolisch, durch die Farbe Gelb.Kurtisanen, Prostituierte und Juden waren in Venedig per Gesetz verpflichtet, in der Öffentlichkeit etwas Gelbes zu tragen, so sichtbar, dass man auf Anhieb erkannte, wen man vor sich hatte. Angela nennt es ein Brandzeichen. Tizian hat sie im Auftrag eines interessierten Bewunderers als adlige Dame gemalt und zum Schluss ein Detail verändert, indem er die Strähne ihres Haares mit einem zarten gelben Schleier verdeckt hat und erwartet nunmehr ihre Reaktion. Die macht ihr zu schaffen, dennoch sagt sie ihm, gemäß ihrem Lebensmotto von Wahrheit, „Wenigstens die Käuflichen sollten unbestechlich sein und unabhängig“ – Danke.Dies ist für mich eine Schlüsselszene des ganzen Buches, das voll von Aperçus und einem Sprachreichtum ist, der alle Sinne in Anspruch nimmt, vom Geruch der Armut bis in die Opulenz der Tafel, Szenen der erotischen Lust, die Atmosphäre schweigender Gewalt und immer wieder, wie die einfachen Freuden des Alltags genossen werden.Die Nachwelt bewundert diese unvergessliche Frau, unter fremdem Namen ist sie unsterblich geworden durch die Macht der Kunst: Tizians ‚Venus von Urbino‘.Die Dimensionen dieser Lebensgeschichte übersteigen, auch kraft der immensen Darstellungskunst, das Maß eines Einzelschicksals, sie nehmen geradezu mythologische Züge an. Der Titel ruft nicht umsonst den Mythos des Phönix aus der Asche auf in all seiner Dramatik des ewigen Stirb und Werde im kreatürlichen Leben.Anders als in den meisten Sprachen ist der Phönix in der italienischen weiblich – la fenice.Das Buch La Fenice hebt die Größe des Mythos selbst aus der Asche, die aus Banalität und Gewalt, Niedergeschlagenheit und Größenwahn in und um uns entsteht. Denn Phönix ist nicht Ikarus, der aus dem Himmel sich zu Tode stürzt. Der poetische Furor dieses Werkes ist geeignet, auch in uns und anderen den Elan eines Phönix zu erwecken.Theresia Mestmäcker, Hamburg, Oktober 2020
Diesen Roman von Lea Singer sollte man nicht nur einmal degustieren, damit sich, wie bei einem Menü, geschmacklich alle Raffinessen – virtuell und visuell – voll entfallen können.Aus kriminologischer Sicht, da hier listenreich die Wiedergeburt der Antike mit den Verstrickungen ihrer Mythen, Lust und Lastern als Faden ins Venedig der Renaissance gesponnen wird.Als ‚Sittengemälde‘, der Hochzeit einer Epoche, in der sich die Ästhetik der Antike mit der tugendhaften Zurschaustellung der Sünde in den bildenden Künsten trifft.Als psychologische Studie über das Seelenleben einer Kurtisane, die – vertieft durch die Direktheit der Ich-Erzählung – einen Zugang zum eigenem Empfinden eröffnet.Als soziologisches Pamphlet, das die politische Vergewaltigung, wie auch die sexuelle, durch Obrigkeit und Klerus von damals in das Hier und Jetzt transponiert und der ,Me-Too-Bewegung‘ Aktualität verleiht.Cäsar Schwieger