Kurzer inhaltlicher Umriss: Zwei Freunde und ihr Schicksal in der nachnapoleonischen Zeit in Frankreich werden dargestellt: Lucien steht im Mittelpunkt, schön, schriftstellerisch begabt, aber charakterschwach, und sein Freund David, genialer Erfinder und Tüftler. Gezeigt wird ihre Entwicklung von naiven Idealisten hin zu schwer vom Leben Geprüften, wobei Lucien als der fragwürdige Typ im Mittelpunkt steht, weil ihn seine Anlagen zu einem glanzvollen, aber gefährdeten Leben verführen.Wenn ein Buch noch etwa 180 Jahre nach seinem Erscheinen als Werk der klassischen Literatur gilt, dann soll man mit dieser Tatsache nicht leichtfertig umgehen. Dennoch drängen sich mir zunächst Klagen darüber auf, warum die Lektüre auch eine Zumutung war: Der Roman hat zwar eine klare Entwicklung, aber innerhalb dieser Entwicklung schwillt er an und ab, wie es dem Autor gerade passt oder wie es die Logik der stückweisen Veröffentlichungen verlangte. Mal findet sich eine seitenlange Tirade über die Unzulässigkeit der Gebühren, wenn z.B. ein Wechsel gerichtlich eingetrieben wird, mal finden sich verwickelte Darstellungen über die Gepflogenheiten des Buchwesens und des Journalismus - Bereiche, die sich in ihrer Frühentwicklung befanden und in denen Wildwuchs herrschte. Mal schildert Balzac ausführlich, mal hudelt er über langdauernde Entwicklungen hin, weil es ihm so in den Kram passt - z.B. wird Luciens Niedergang in Paris in dieser Weise zusammengefasst. Dann: Handelt es sich bei den realistischen, sogar naturalistischen Partien um äußerst langwierige, manchmal nur noch schwer zu verstehende Prozesse, so sind die emotionalen Szenen heute teilweise auch nur schwer zu genießen oder schlichtweg Kitsch: "Das Lächeln der gefallenen Engel schwebte auf seinen Korallenlippen" heißt es von Lucien. Und die Liebe zwischen David und Luciens schöner Schwester wird zeilenlang mit Blumen verglichen: "Es waren sanfte, zarte Blicke, wie die blauen Lotusblumen, die auf dem Wasser schwimmen, flüchtige Liebeszeichen, wie der schwache Duft er Heckenrose..." usw., oder sie wird charakterisiert als "eine deutsche Liebe". Alles klar? Eher nicht - man muss hier einiges wissen über diese romantische "Empfindsamkeit", über die Zeit. Und schließlich: Die hemmungslose, ständig präsente Erklärung bzw. Deutung des Geschehens durch den auktorialen Autor kann auch als Manie erlebt werden. Aber hier wird es dann auch Zeit, dass ich mich den Gründen zuwende, die dieses Buch wohl über nun bald 200 Jahre hinweg getragen haben.Der Autor kann einem mit seinem penetranten Bescheidwissen auf die Nerven gehen, aber er weiß ja letztlich doch sehr gut Bescheid. Balzac hatte Jura studierte, er hatte sich im literarischen und kaufmännischen Dschungel in Paris durchschlagen müssen und überlebt, er platzt fast vor Erfahrungen, Bescheidwissen und Einsichten. Und da er sehr tief blickt und auch tiefe existentielle Probleme entwirft, folgen wir ihm auch heute noch: Wie sind die Umstände und die Anlagen eines Menschen miteinander verquickt? Werden die beiden Protagonisten, die jeweils ihre ganze Existenz in die Waagschale werfen, als Sieger hervorgehen? Man bleibt im Bann dieses Genies: Klassiker bleibt eben Klassiker.
Was für ein großartiger Sprecher: Christian Brückner!!! Eine ältere Übersetzung, die der neuen aber in nichts nachsteht. Eher im Gegenteil. Leider gibt es bei den Kapitelübergängen im Hörbuch immer mal wieder unsaubere Tonschnitte (abgeschnittene letzte Worte etc.), teils fehlen sogar ganze Absätze. Dialoge, die so wichtig sind, dass sie bestimmt nicht bewusst sondern eher aus Nachlässigkeit weggelassen wurden. Das ist sehr schade!