Während des Kriegs haben sie noch zusammengehalten, dass nichts und niemand sie trennen konnte. Doch der Krieg oder vielmehr das, was im Krieg getan und nicht bekannt wurde mit allen Folgen, die das mit sich bringt, treibt die beiden Frauen auseinander, Annie mit dem überwiegend stummen, geistig zurückgebliebenen Sohn Willi, Edith mit der aufgeweckten Tochter Betty, die zwar ebenfalls viel schweigt, sich aber hellwach ihren Teil zu allem denkt. Und so geht es im neuen Roman von Helga Bürster Als wir an Wunder glaubten immer auch um das, was ungesagt bleibt. Erzählfäden beginnen und verlaufen sich und bilden doch ein Textgewebe, das einen Sog entfaltet wie das Moor, von dem so oft die Rede ist. Unausgesprochenes wird zum Nährboden für das, was der Roman Wunder nennt, eher aber einem verstörenden Wunschdenken gleicht, jemanden anderes möge schuld sein an der eigenen Misere, denn es ist Annie selbst, die zunehmend keinen Fuß mehr bekommt auf den schwankenden Boden dieser Landschaft, in der, wer nicht achtgibt, rasch im Moor versinkt. Wer wollte es Annie verübeln? Zwar ist ihr zum Torso zerschossener Mann Josef zu ihr zurückgekehrt aus dem Krieg, sein Verlangen gilt jedoch der Freundin von einst, Edith, die den Mann im Krieg verloren hat. Das macht Annie - ohnehin schon dünnhäutig und aufgerieben von den Anforderungen des (Über)Lebens - anfällig für die Einflüsterungen jener, die ihr mit leeren Worten die Rettung aus der Not verheißen und dabei lediglich das eigene Wohlergehen im Blick haben.All das zeigt Helga Bürster in einer unnachahmlich knappen, geradezu lakonischen Sprache, die ich so sehr an ihr mag, und die doch - keine Silbe zu viel - die Menschen mit ihren Eigenheiten treffend charakterisiert. Ganze Denkwelten entstehen in nur einem Satz: „Weil er nichts verlangte, blieb unter dem Strich etwas für ihn übrig.“ Oder: „Alle Gardinen bewegten sich, aber keiner kam aus dem Haus.“ Klasse. Und so schlüpfe ich als Leserin in die Schuhe der Figuren, auch der mir unsympathischen, und begleite sie bei ihren Verstrickungen, den Irrungen und Wirrungen, die das beschwerliche Leben in den frühen Nachkriegsjahren im kleinen Dorf Unnenmoor am Rand des Moors mit sich bringt, wo nicht einmal der technische Fortschritt, der mit dem Riesendampflug, dem Mammut, in Sekundenschnelle das Moor durchwühlt (und zerstört), grundlegend Erleichterung bringt. Vielmehr verdichten sich die Schilderungen des industriell betriebenen Raubbaus an der Natur zur Metapher für einen allzu blindwütigen Umgang mit der eigenen Geschichte: Wer Vergangenes für abgeschlossen hält und meint, es ließe sich nun nahtlos ausbeuten, irrt. Geschichte gibt es nur in Schichten; wer gräbt, tut gut daran, wenn er Darunterliegendes nicht vergisst. Dass dies insbesondere Betty, Ediths kleiner Tochter, gelingt, weil sie sich den Untiefen stellt, bis sie beinah sogar gänzlich im Moor unterzugehen droht, zählt für mich zu den Hoffnungsschimmern des Romans: Die Jungen sind mutiger; ihnen glückt, was die Alten nicht zustande bringen. Insofern bin ich dankbar, dass Helga Bürster mit Als wir an Wunder glaubten die Erinnerung wachhält an eine Zeit, in der man unliebsame Frauen noch als Hexen brandmarkte, um das eigene Unbehagen abzuwehren. Kaum zu glauben, dass das vor gar nicht allzu langer Zeit noch möglich war; umso wichtiger, uns daran zu erinnern, damit der Irrsinn nicht erneut geschieht. Also: große Leseempfehlung für Helga Bürsters Als wir an Wunder glaubten. Ich freue mich schon auf ihr nächstes Buch.
Deutschland Ende der 40er Jahre. Der Krieg ist endlich vorbei, aber die Wunden sind geblieben. Viele Männer sind gefallen, kriegsversehrt oder werden noch immer vermisst. So auch der Mann von Edith Abels und ihrer Tochter Betty (11 Jahre). Das Leben im kargen Unnenmoor, in der Heide ist hart und anstrengend und sie kommen gerade so über die Runden. Die helfende Männerhand fehlt und da Otto noch als vermisst gilt, gibt es auch keine Hinterbliebenenrente. Da auch der Mann ihrer Nachbarin Anni und deren geistig zurückgebliebenen Sohn Willi vermisst wird und auch sie nur das Nötigste haben, helfen sie sich gegenseitig und stehen einander bei. Willi ist für Betty wie ein Bruder und das er anders ist, stört sie nicht. Im Moor ist das Leben einfach, der Fortschritt ist noch nicht bis dort vorgedrungen und so ist auch Aberglaube weitverbreitet und Wanderprediger die vom Weltuntergang verkünden, finden offene Ohren. Als Betty eines nachts verschwindet und Willi am Morgen darauf grün und blau geschlagen ist, ist man sich im Dorf sicher, dass Hexen am Werk sind! Letztlich taucht Joseph, Annis Mann, dem beide Beine amputiert wurden wieder auf, denn er hatte Jahre lang das Gedächtnis verloren. Als er nur Augen für Edith hat, ist Anni überzeugt, dass die rothaarige Edith ihn verhext hat und macht sie und ihre Tochter für alles verantwortlich, was im Moor schief läuft. Die Stimmung wird immer angespannter...Das Leben in der Abgeschiedenheit hat schon immer seine Spuren in den Charakteren der Einheimischen hinterlassen. Erkenntnis und Wissenschaft haben dort oft noch nie Einzug gefunden. Doch Edith ist anders, nachdem sie überzeugt ist, dass ihr Otto nicht wiederkehren wird, bandelt sie mit dem studierten Theo, einem Zeitungsfritzen an! Der weiß was in der Welt und in der Gegend los ist, auch wenn ihre Nachbarn nur allzu gerne die Augen vor der Realität verschließen.Ich habe schon einige Bücher über die Nachkriegszeit gelesen, aber dieses ist aufgrund des tief verwurzelten Aberglaubens in der Abgeschiedenheit ganz anders. Sehr duster und bedrückend, weniger wegen der Armut, als wegen der Ignoranz, die nicht sehen will, was nicht erwünscht ist. Diese Dorfgemeinschaft, auf der Suche nach einem Sündenbock, für alles was ihnen nicht in den Kram passt! Nicht alle machen mit, aber die wenigsten trauen sich einzuschreiten, sondern blicken stumm weg. Auch wenn dieser Roman in einer ganz anderen Zeit spielt und im Moor und nicht am Meer, musste ich immer wieder an Theodor Storms Schimmelreiter denken, in welchem Aberglaube und Fortschrittsliebe einander gegenüberstehen.Katja Danowski gelingt es ganz wunderbar und eindringlich diese ganz besondere Stimmung und Atmosphäre im Moor heraus zu beschwören. Mit ihrer prägnanten Stimme beschwört sie das unwegsame Moor ebenso vor meinem inneren Auge hervor, wie auch die Sympathie für Betty und ihre Mutter Edith. Sie lässt einen beim Hören spüren, wie sich die Stimmung im Dorf gegen sie wendet, auch wenn sie nichts Böses getan haben. Es ist unheilvoll und unheimlich zugleich. Es ist jetzt kein Roman für gute Laune und Entspannung, aber irgendwie faszinierend in seiner Andersartigkeit. Eine Erzählung die auch noch lange nachhallt.....