Die Tatsache dass dieses Buch eine Autorin hat, von der man nicht weiß, wer sie ist, ob es sie überhaupt gibt, ob es sich vielleicht um einen Mann handelt oder ob es sich um eine Autorengemeinschaft handelt und von der es nur einige E-Mail-Interviews gibt lässt einen von vornherein mit einer gewissen Skepsis an diese Buch herangehen. Zweifellos hat der renommierte Suhrkamp Verlag eine gewaltige Marketingmaschinerie in Gang gesetzt und das Feuer für das sog. Ferrante-Fever gelegt. Das stößt vielen sauer auf. Ist das alles Teil einer PR-Kampagne oder steckt hinter dieser gewollten Anonymität der ehrbare Gedanke, dass es in der Literatur nur um das Werk gehen soll, nicht um den Autor?Die Beschreibung des Neapels der 50ger Jahre lässt natürlich in Nostalgie schwelgen und bedient viele Klischees. Es gibt die Männer, die sich für die Ehre prügeln. Die Unterlegenen in dieser Prügelei prügeln dann, je nach Gemüt, die Frau und/oder Kinder. Es gibt die stets kochendenden Mamas, die sich mit den Ehemännern in Erziehungsfragen streiten und am Ende doch ihre Ansicht durchsetzen, junge Männer, die heranwachsenden Frauen eindeutige Avancen machen und natürlich auch mafiöse Strukturen. Wir begegnen jedoch auch zwei jungen Mädchen, die eine sehr intelligent und mutig, die andere weniger intelligent und zaghafter, verbunden durch eine Freundschaft, die nicht immer krisenfrei und manchmal auch von Neid und Missgunst geprägt ist. Dennoch begreift man, die beiden können und wollen nicht ohne einander. Und so begleiten wir diesen beiden und viele andere Nebenfiguren bis in die Jugendjahre der beiden Mädchen.Ferrantes Sprache ist gefühlvoll, die Figuren werden durch die Bank hervorragend charakterisiert, sie kann Physiognomie beschreiben und man kann sich ein Bild von den Figuren machen. Ihr gelingt es die beengten, schmutzigen und von Gewalt geprägten Zustände eindringlich zu schildern, jedoch erschrecken und verstören diese den Leser zu keinem Zeitpunkt. Sie lässt sie erscheinen als ein Teil im Leben der Figuren, der schon immer da war und als selbstverständlich gesehen wird. Viele fügen sich ihrem Schicksal, die beiden Freundinnen versuchen jedoch, jede auf ihre Weise aus diesem Leben zumindest ein Stück weit herauszubrechen. Es handelt sich trotz all der Nostalgie der ein wenig geschönten Ansichten keineswegs um „Frauenzeitschriftenliteratur“, sondern um ein gekonntes Portrait einer Gesellschaft und auch einen Bildungsroman. Eine Leseempfehlung. Mich hat das Ferrante-Fever gepackt.
Elena Ferrante „Meine geniale Freundin“ – ein sehr lesenswertes Buch über eine sehr große Zuneigung in einer lebenslangen Frauenfreundschaft, in der beide konkurrieren, imitieren, kooperieren. Es geht um Verlieren, Wegnehmen, Verlassen und Verschwinden.Der Roman „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante, welcher in vielen Ländern der Welt in der Literarturszene große Beachtung findet, wurde nun durch den Suhrkamp Verlag auch in deutscher Übersetzung im Juli 2016 verlegt. Es ist der erste Band der Tetralogie.Jedes Jahr im Frühling soll ein weiterer Band verlegt werden.Ich wollte mir unbedingt meine eigene Meinung über den Enthusiasmus und das „Ferrante-Fieber“ bilden. Ich habe große Freude beim Lesen des Romans gehabt und bin gespannt auf die Fortsetzung der Geschichte. Ich kann den Roman guten Gewissens weiter empfehlen, empfinde den Frauenselbstfindungsroman für mich anspruchsvoll mit symbolisch aufgeladenen Details, da Ferrantes Sprache in dieser Alltagsprosa ausgefeilt und spannend angelegt ist, kann aber die sehr große Begeisterung nicht so ganz nachvollziehen.In der Saga „Meine geniale Freundin“ geht es um eine lebenslange Freundschaft zweier italienischer Mädchen in den 50er Jahren in einem Arbeiterviertel Neapels.Das Zentralthema ist die Auslöschung, die Auflösung, das Verschwinden einer der begabten Frauen im 66sten Lebensjahr. Auch die Autorin unseres Romans verschwindet hinter einem Pseudonym.Die unbekannte Schriftstellerin hat laut Interview vor 20 Jahren einfach beschlossen, sich von der Angespanntheit des Bekanntseins zu befreien. Sie braucht diesen Freiraum für sich. Sie möchte ihrem Buch als Autorin nicht die Bedeutung vorgeben, auch nicht durch das Wissen ihrer Biografie. Ihre Meinung ist, dass die Bedeutung eines Romans aus dem Akt des Lesens entsteht und das immer wieder neu und anders.In einem englischen Interview schrieb sie: „Das Große ist immer im Kleinsten, das Private ist das Politische“.Elena Ferrantes Romansprache ist kühl, sachlich und klar, aber sie beschreibt atmosphärisch dichte Bilder. Sie arbeitet mit ineinander verschlungenen Rückblenden und Cliff Hängern. In ihrem Roman sind sehr einprägsame Methapern von Explosion und Implosion enthalten (explodierender Kupfertopf, Angst, dass eine Flasche explodieren könnte als Beklemmung und emotionalen Druck; Lilas Brautkleid, was wie eine Tote auf dem Bett liegt, die Phasen der Auflösung), die mir sehr gefallen und in ihrer verdichteten Sprache kann man viele Sinnsprüche antreffen wie z.B.: Es gibt keine Gesten, keine Wörter, keine Seufzer, die nicht die Summe aller Verbrechen enthält, die Menschen begangen haben und weiter begehen.Der Roman „ Meine geniale Freundin“ spielt in den 50er Jahren in einem Arbeitervorort von Neapel, wo sich zwei sehr intelligente Mädchen – Elena und Lila – in der ersten Klasse kennen lernen. Diese Freundschaft hält fünf Jahrzehnte bis Lila nicht mehr aufzufinden ist und keinerlei Spuren mehr von ihr anzutreffen sind. Sie hat sich aus allen Fotos geschnitten, ihre persönlichen Dinge vernichtet und auch ihre Freundin Elena hat keine Erinnerungsstücke von ihr.Elena kann diese Machtlosigkeit, diese letzte Niederlage und das Vergessen nicht zulassen. Sie setzt sich an den Schreibtisch und schreibt als 66 jährige, erfolgreiche Schriftstellerin das Leben ihrer gemeinsamen Freundschaft auf, um hinter das Rätsel des Verschwindens ihrer Freundin Lila zu kommen und um ihre eigene Trauer zu verarbeiten.Es geht in dieser Freundschaft um Verschwinden, Verlieren, Wegnehmen und Verlassen.Die beiden italienischen Freundinnen Lila und Elena sind im Roman gegenpolig angelegt und auch ihre Lebensentwürfe. Für mich sind sie zwei Spiegelfiguren, die aufeinander angewiesen sind, sich verstärken und auch austauschbar, ja teilweise sogar symbiotisch sind.Es sind zwei Spielarten einer weiblichen Identität, die sich aus einem gesellschaftlichen Korsett befreien wollen, aber der sozialen Herkunft nicht entfliehen können. Für mich sind die beiden Frauengestalten Elena und Lila auch die zwei Polaritäten in uns.Elena Greco, die später sehr erfolgreiche Schriftstellerin und Tochter eines Pförtners,ist blond, hübsch, üppig, schüchtern, wenig selbstbewusst, brav, angepasst, sehr fleißig, geschmeidig und ordentlich. Sie paukt von früh bis spät und darf eine höhere Schule besuchen. Elena ist ein Leben lang von der Angst besessen, dass Lila besser als sie ist, besser schreibt und bedient sich schuldbewusst schöner Formulierungen ihrer Freundin. Sie liebt ihre Freundin sehr, ist aber auch neidisch auf die unabhängigere Freundin Lila.S.265: Elena denkt auf der Insel Ischia über Lila, als sie nicht auf ihre Briefe aus dem Urlaub reagiert: „Ich befürchtete, dass sie etwas Schönes oder Schlimmes erlebte, ohne dass ich dabei war. Es war die alte Angst, eine Angst, die mich nie verlassen hatte, die Angst, mein Leben könnte an Intensität und Gewicht verlieren, wenn ich Teile ihres Lebens verpasste.“Rafaela Creullo, von Elena Lila gerufen, wird als mager, dunkel, von rastloser Ungeduld und unangepasst beschrieben. Sie hat eine überragende Intelligenz, lernte sich selbst ohne Hilfe das Lesen und Schreiben. Sie ist aufbrausend, aggressiv, selbstbewusst, brillant aber auch hinterhältig. Lila sticht zurück, wenn ihr jemand zu blöd kommt. In der Pubertät wird sie sehr hübsch und von ihr geht eine verführerische und gefährliche Ausstrahlung aus.Ich erlebte Lila im Roman gegenüber Elena manipulativ und nicht ganz ehrlich. (Beispiel: Beide Mädchen haben noch nicht das Meer gesehen und Lila überredet Elena die Schule zu schwänzen und mit ihr ans Meer zu wandern. Ein Gewitter zieht auf. Elena will das Meer erreichen, aber Lila mahnt zur Rückkehr. Sie hoffte vielleicht, dass Elena als Strafe nicht nur Schläge, sondern eben dann auch nicht – wie sie selbst – die höhere Schule besuchen dürfte.Erzählt Elena von ihren positiven Erlebnissen im Leben, sagt Lila kaum ein Wort dazu, sondern prahlt dann mit ihren Erlebnissen. Beide Mädchen beschließen z.B., ein Projekt zusammen zu machen, aber Lila begann eher damit und erzählte es nicht. Beide Mädchen wollen unbedingt reich werden, ihren Wurzeln entfliehen. Das möchten sie durch ihre Liebe zum Schreiben und Lesen erreichen. Sie wollen beide reich, erfolgreich, berühmt und emanzipierte Schriftstellerinnen werden.Elena darf die höhere Schule besuchen, Lila nicht. In ihrem trotzigen Ansinnen und dem nicht Lockerlassen ihres Wunsches wird sie vom Vater, der Schuster in seiner eigenen Werkstatt ist, aus dem Fenster geworfen und zerbricht symbolisch daran. Sie ist von Freiheit besessen, übertritt ständig Grenzen, ist unglaublich kreativ. Eigentlich kann nur sie schreiben. Es fällt ihr zu. Elena muss es sich hart erarbeiten und hat dann auch einen sehr guten Schreibstil, als sie unabhängiger von Lila wird.Die Lebensentwürfe der beiden Mädchen gehören zusammen wie zwei Seelen in einer Brust. Elena wählt den männlichen Weg über Bildung zu Wohlstand zu kommen. Sie verlässt ihren Ort, bricht aus ihrer Welt aus. Lila kommt zu Wohlstand über eine günstige Heirat. Sie heiratet 16 jährig einen reichen Lebensmittelhändler und verlässt ihren Ort nicht.In dieser Freundschaft geht es um Liebe, Konkurrenz, Abneigung, Stellvertretung und Mimikry (unbewusstes Nachahmen) ja einen regelrechten Überbietungskampf mit wechselnden Rollen und einer ausführlich erzählten Dimension sozialer und politischer Art.Es geht um konkurrieren, imitieren, kooperieren und um gegenseitige Verstärkung.Es geht um Herz, Schmerz, pubertäre Probleme, um Familientragödien, Gewalt, Verrat, Neid. Es geht auch „um die Zeit davor“, als Elena und Lila noch nicht lebten – den Faschismus.Es geht um den Mord an Don Achille, der ein Spitzel der Nazis war und vor dem alle noch immer Angst haben und es geht um die Camorra, einer Splittergruppe der Mafia. Die Solaro-Bar des Ortes ist das Nest dieser Leute und ein Ort des Schwarzhandels.In diesem Roman geht es um weibliche Selbstfindung. Beide Frauen scheitern. Lila löst sich immer mehr auf und verschwindet zum Schluss ganz.Die 1. Phase wird im Roman beschrieben, als Mellina, die verrückte Witwe völlig ausrastet, als der schreibende Eisenbahner Donato Sarratore mit seiner Familie wegzieht. Später erfährt man, dass beide ein Verhältnis hatten und sie nicht die einzige Geliebte dieses Mannes war.Die 2. Phase geschieht an dem völlig verrückten Silvester, als Lila psychotische Wahrnehmungsschwierigkeiten hat. Sie empfindet keine Konturen mehr bei Menschen, Dingen und sich selbst, sieht kurzzeitig alles verzerrt und verändert sich auch innerlich.Sie ist irritiert und wird antriebsloser, fauler, holt sich keine Bücher mehr aus der Bibliothek.Elena passt sich immer mehr an, verleugnet sich, imitiert Lila, stiehlt ihre brillanten Formulierungen, verleugnet ihre Wurzeln, ihr Lebendiges, verleugnet ihre Lila in sich und muss auch scheitern.Beide Frauen könnten ein glückliches Leben führen, wenn der Elena Anteil und der Lila Anteil gleichberechtigt in einer Synthese wäre.Lila aber löst sich immer mehr auf und verändert sich. In der Pubertät wird sie sehr hübsch und verdreht allen jungen Männern den Kopf und bekommt Liebesanträge von Pasqual, dem Maurer aus der Tischlerfamilie, der ihr kommunistisches Gedankengut lehrt.Der reichste Bursche des Vorortes Marcello Solaro möchte sie unbedingt heiraten, aber Lila lehnt den Heiratsantrag ab und heiratet dann mit 16 Jahren den reichen Lebensmittelhändler Stefano, Sohn von Don Achille, der wegen seiner korrupten faschistischen Vergangenheit ermordet wurde.Elena bekommt einen Antrag als Schülerin von Nino, der, wie er ihr später erzählte, sich eigentlich mit beiden verloben wollte. Lila hätte ihm damals den Verstand vernebelt. Später verliebt sie sich aber sehr in ihn, hat aber Schwierigkeiten mit ihm, da sein Vater, der schreibende Eisenbahner, Elena im Bett unsittlich berührt und ihr bedrohlich nachsteigt.Sie hat mehr als eine Freundschaft mit Nino, dem Elektromechaniker und Sohn der verrückten Witwe, der ihr sehr gut tut, den sie aber nicht liebt.Elena vergleicht Lila und Nino. Sie meint, dass beide etwas in sich tragen, was sie auffrisst. Es sei eine Gabe und Schmerz zugleich. Sie brauchen nichts und niemanden und wissen immer was geht und nicht.Der 1. Teil der Romantetralogie endet mit Lilas Hochzeit, wo sich schon andeutet, dass ihr Mann Stefano nicht das ist, was er vorgibt. Er gibt seine, von Lila selbst entworfenen Schuhe ihrem Feind Marcello, obwohl er sie tragen sollte. Stefano gab Lila sein Wort, Marcello nicht zur Hochzeit einzuladen, aber er erscheint zum Entsetzen der Braut.Elena erfährt auf der Hochzeit von Nino, dass ihr großartiger Artikel nicht in der Zeitung gedruckt wurde. Ich werde den Eindruck nicht los, dass ihn Nino nicht gedruckt haben wollte, da sie viel besser schreibt als er, wie er einmal feststellte. Finden Elena und Nino im nächsten Teil als Liebepaar zusammen? Es kündet sich in den letzten Zeilen schon an, dass Lila in der Ehe nicht ihr Glück finden wird.Ich bin sehr gespannt auf den 2. Band „Die Geschichte eines Namens“ und habe ihn mir schon bei Amazon bestellt.