„Nach Mitternacht“ ist das Portrait des frühen nationalsozialistischen Deutschland. Irmgard Keun hat es 1936 schon in Ostende geschrieben, angetrieben von Joseph Roth, der gleichzeitig „Die Kapuzinergruft“ schrieb. Entgegen ihren Angaben war sie erst im Mai 1936 nach Belgien gekommen und sie kannte die aktuellen Verhältnisse in Deutschland im wahrsten Sinne hautnah, im Gegensatz zu ihren Exilantenfreunden, die auf das angewiesen waren, was in Zeitungen stand. Keun entwirft ein breites Panorama einer Gesellschaft, die sich mit dem schon fest etablierten und den Alltag prägenden Regime irgendwie arrangiert oder an ihm scheitert. Dominierend ist die Perspektive der 16jährigen Wirtstochter Sanna ( Susanne) aus einem Moseldorf, die nach dem Tod ihrer Mutter zu Tante Adelheid nach Köln kommt. Adelheid ist eine bösartige, verhärmte Frau, die ihrem Sohn Franz ( im Alter Susannes) das Leben zur Hölle macht. Sie gibt ihm die Schuld am Unfalltod des jüngeren Bruders und exerziert die rituelle Erinnerung mit jährlicher Blumenbekränzung seiner Bildes als demütigende Strafe für den stumm leidenden Franz. Später gelingt es Sanna, diese sadistische Prozedur aufzubrechen. Von Anfang an ist sie auf der Seite von Franz und verliebt sich in Ihn. Die Schilderung dieser häuslich-familiären Hölle ist ein literarisches Kunststück und öffnet den Blick auf ein Panorama von Charakteren, deren Schlimmste der Typus Adelheid ist: eine bösartige, frustrierte Frau, der das das Pathos und der Machtapparat des neuen Regimes zweierlei zum Geschenk machen: die Möglichkeit der projektiven Selbsterhöhung durch leidenschaftliche Zuwendung zum Nationalsozialismus und dem Führer und zum anderen die Möglichkeit, alte Rechnungen zu begleichen und zu denunzieren. Der nationalsozialistische Alltag mit seinen Atrozitäten und lächerlichen Widersprüchen bekommt in der Wahrnehmung Susannes, die naiv und gutartig es doch mit niemanden verderben will und völlig unpolitisch ist, eine besondere Intensität. Ein Ensemble menschlicher Beziehungen, die wie je von der menschlichen Mischung aus Idealismus und Zweckmäßigkeit regiert werden, bekommen durch den Anpassungsdruck eine schreckliche und zerstörerische Kraft. Algin, der erfolgreiche Schriftsteller, wird zum Heimatdichter und liiert sich mit fatalen Muse Betty Raff, die das Talent hat, sich allen als intime Beraterin zu empfehlen und so die Verständnis Suchenden erst recht ins Unglück stürzt. Heini, der eiskalt analysierende Journalist, für den kein Platz mehr ist und der sich auf der Party erschießt. Gerti, die Freundin Susannes, liebt Dieter Aron, einen Halbjuden. Doktor Breslauer hat schon vorgesorgt, Gelder ins Ausland transferiert und wird gleich nach Rotterdam aufbrechen, um später in Amerika eine Klinik zu leiten. Franz will mit einem Freund einen Zigarettenladen aufmachen. Alles ist bereit. Aber ein missgünstiger Konkurrent in der Straße ein paar hundert Meter weiter denunziert den kommunistischer Verbindungen verdächtigten Freund. Der verschwindet in den Gestapokellern und der schon eingerichtete Laden wird demoliert. Was Keun beklemmend realistisch gelingt ist etwas, was in vielen diese Zeit betreffenden Romanen nicht wirklich zum Thema gemacht wird oder nur als Einzelschicksal ausgearbeitet wird. Es ist fast wie eine soziologische Feldstudie, allerdings eine von großer poetischer Kraft. Es ist die detailgenau, minutiöse Verschränkung einer ganzen Palette von gesellschaftlichen Standardsituationen und -charakteren – dem Leben eben – mit der aufoktroyierten neuen Gesinnung. Arten der Anpassung und Verweigerung, Stellungsname und Vermeidung einer solchen sind so vielgestaltig und so typisch menschlich, dass das Sortieren in Nazis, Mitläufer und Nichtbelastete ein schales Konstrukt bleibt. Eine Vielzahl nachträglicher Bearbeitungen in Literatur und Film, selbst Anerkennenswerte, kommen ohne diese Kategorien nicht aus. Aus dramaturgischen Gründen und aus der Angst, ein zu weitgehendes Verständnis würde Schuld relativieren. Insofern verdient Keuns Roman einen vorderen Platz in der großen Zahl entsprechender Romane.