Tad Williams wurde Anfang der Neunziger mit seiner Osten Ard- Tetralogie ein Schwergewicht der Fantasy- Literaturszene. Auf beeindruckend atmosphärische Weise beschrieb er den Weg des Küchenjungen Simon quer durch die Länder einer phantastischen Welt bis zum Hochkönigsthron. Hintergrund war ein jahrhundertelang vorbereiteter anti- menschlicher Vernichtungskrieg der unsterblichen Nornen aus dem eisigen Norden; Schluss- und Höhepunkt war die epische Schlacht um die Königsburg. Ausblick war seinerzeit eine lange, mühevolle Arbeit des Wiederaufbaus nach den weitreichenden Verheerungen. Die Reihe gehört nicht nur zu meinen Lieblings- Fantasysagas; auch George R.R. Martin wurde durch sie zu seinem "Lied von Eis und Feuer" inspiriert.Inzwischen hat Williams mehrere andere, teilweise ebenfalls großartige Werke verfasst - jetzt zieht es ihn nach Osten Ard zurück. Mit dem "Herz der verlorenen Dinge" hat er eine Art Aufwärmübung vorgelegt, nun kommt die Saga vom "letzten König von Osten Ard":Dreißig Jahre sind vergangen, und die aus dem Koma wiedererwachte Nornenkönigin mobilisiert ihr Volk sofort zum nächsten Feldzug. Gleichzeitig zerfällt Simons Großreich: König Hugo von Hernystir verfällt einem bösen Kult, in Nabban bricht zwischen den adligen Familien ein Bürgerkrieg aus, und in der Thrithing- Steppe erhebt sich ein Mann namens "Niemand", der die wilden, zerstrittenen Reitervölker gegen den verhassten Hochkönig vereinigen könnte. Verrat lauert überall, und Hilfe von den Sithi- Waldelben ist nicht zu erwarten. Der verzogene Königsenkel Morgan wird auf eine Reise geschickt, bei der er erwachsen werden muss, wenn das Reich und die Menschheit überleben sollen.Bereits die Originalbände hatten gewisse Längen, das ist in der Fortsetzung noch deutlicher spürbar: Da zu den Überlebenden neue Personen hinzukommen, ist die Story komplexer, und es gibt mehr Erzählperspektiven: König Simon, Königin Miriamel, Ratgeber Tiamak, Kanzler Passevalles, Königsenkel Morgan, Königsenkelin Lillia, Graf Eolair, Ritter Aelin, Soldat Porto, Bruder Etan, der Grasländer Fremur, der Troll Binabik, seine Tochter Qina, die Sithi Tanahaya, der Nornenbaumeister Viyeki, seine sterbliche Geliebte Tzoja, ihre gemeinsame Tochter Nezeru, der Jäger Jarnulf, die Dienerin Jesa und sogar Rupp der einfältige Kletterer - jeder durchlebt sein eigenes Abenteuer mit Um- und Irrwegen. Durch diese Parallelstränge entfaltet sich die Gesamtstory eher langsam, und ich ertappe mich beim Überspringen einzelner Absätze, in denen Nebensächlichkeiten beschrieben werden.Vielleicht habe ich zu viel erwartet. Vielleicht bin ich auch zu skeptisch herangegangen. Aber im Grunde erscheint mir der Zeitraum von dreißig Jahren seit dem Sturmkönigskrieg zu kurz gegriffen: Dass Simon und Miriamel bereits einen fast erwachsenen Enkel haben, wirkt ebenso zeitgerafft wie die Tatsache, dass die kalt und geduldig planenden Nornen so unmittelbar nach dem Erwachen ihrer Königin sofort wieder ins Feld ziehen - und es verwundert, warum sie einige ihrer furchterregendsten Kriegslisten erst jetzt anwenden und nicht dreißig Jahre früher. Einige Handlungsstränge wirken arg unwahrscheinlich: Die schicksalhaften Lebenswege der Kinder Josuas nach dem plötzlichen Verschwinden ihres Vaters, die Tragödie um den Königssohn, die seltsame Biografie Jarnulfs, die erneute Selbstisolation der Sithi, die quälend lange Odyssee Morgans auf den Spuren seines Großvaters, der hilflos zugemauerte Turm des Pryrates, die noch immer unerforschten Gewölbe unter dem Hochhorst, die wiederbelebte Ommu als abgeschwächte Version von Ineluki... und natürlich die Hexenholzkrone als MacGuffin. Man spürt, dass der Autor alle literarischen Register gezogen hat, um eine Fortsetzung zu erschaffen, bei der für Osten Ard noch mehr auf dem Spiel steht als in den Ursprungsbänden.Klar: Ich bin Tad Williams- Fan, und er kann noch immer einen gewaltigen Spannungsbogen erzeugen wie nur wenige andere. Es ist auch schön, Simon, Miriamel und ihren Freunden wiederzubegegnen. Aber Tolkien hat seinerzeit die Arbeit an einer LOTR- Fortsetzung aufgegeben. So war auch die Osten Ard- Tetralogie eigentlich fertig und perfekt. Bereits das "Herz der verlorenen Dinge" wäre nicht nötig gewesen. Ein Schriftsteller von Williams Kaliber hätte aus den hier verarbeiteten Ideen leicht eine eigenständige Saga machen können. Schlussendlich hätte der deutsche Verlag die Bände nicht unbedingt teilen müssen - aber das macht man wohl heute so.Williams verspricht, dass die Saga mit dem dritten Band abgeschlossen wird (also dem sechsten deutschen). Es wird also keine Neverending Story, in der sich der Autor verzettelt, ohne ein Ende zu finden. Ich bin gespannt, wie er die Fäden zusammenbinden wird. In meiner Welt sind das vier Sterne.