Die feste Burg Simonos Petras, die von der Felsenkante über dem Meer auf dem Cover in den Himmel ragt, ist nicht nur ein markanter Themen-Anreißer, sie ist auch Symbol für eine über tausend Jahre alte Geschichtstradition. Inwieweit diese einer versteinerten Trutzburg gleicht oder sich die autonome Republik der Mönche auf der Halbinsel Athos in Nordgriechenland den Zeiten angepasst hat, ist die spannende Frage, deren Beantwortung die meisten Pilger auf die Spur kommen wollen. Sie ist in den unterschiedlichsten Erfahrungsberichten, die über den Mönchsberg kursieren, jeweils nur subjektiv und momentan zu beantworten: Denn in der Regel wird der Besuch Männern lediglich einmal gestattet, Frauen überhaupt nicht.Auch in diesem Punkt sticht der, naturgemäß ebenfalls subjektiv gefärbte, neue Athos-Band von Bernd Mader mit Wanderungen aus der Masse heraus: Er umfasst nämlich die Zeitspanne von 1978 bis 2016, das sind 23 Exkursionen des botanisch, pharmazeutisch und volkskundlich ausgerichteten Autors, der ein akribisch detailgenaues Logbuch seiner Reisen mit Freunden zum Berg Athos verfasst hat. Der Autor aus dem Geburtsjahrgang 1941 ist wegen seiner zahlreichen Exkursionen sozusagen der Gerontos unter den akademischen, honorigen österreichischen „Wanderern im Mönchsland Athos“.Neben dem ersten Schwerpunkt dieser intensiven Athos-Schau, die somit die Entwicklung einer bewegenden Generation abbildet, ist der zweite Aspekt vor allem herauszustreichen: Die Eintragungen, in denen der Autor gelegentlich sehr persönlich Empfundenes und auch Ouzo-selig Privates bis hin zum Schnarchen detailliert berichtet, nehmen den Leser lebensnah mit auf die Reise. Mader erzählt mit sprudelnder Begeisterung von seiner Athos-“Sucht“, als wolle er den Gusto darauf wecken. Nicht auf theologische oder spirituelle Ergründung des Athos-Mythos ist sein Blick vorrangig gerichtet. Erläuterungen für Fachbegriffe liefern Fußnoten und Glossar. Er schreibt auch nicht in literarischer Hochsprache, bei ihm geht es um das narrative Element, das erlebte Zwischenmenschliche, das den interessierten Leser fesseln möchte. Chaotische Organisation, Schwierigkeiten, unwägbare Überraschungen oder unvorhersehbare Wendungen verschweigt er nicht.Jeder der 23 Besuche sei ein Abenteuer gewesen auf teilweise schmalen und steinigen gefährlichen Pfaden bis hinein in das mystische Dunkel der mit Gold und Kunst überladenen Kirchen und lange andauernden Liturgie, aber auch hinauf zur Kapelle und zum Gipfelkreuz des Athosberges (2033 m) bei Wind und Wetter. Zu verschiedenen Jahreszeiten hat der Autor nahezu jährlich, zweimal in einem Jahr zweimal, die Tour zur griechischen Halbinsel Chalkidiki unternommen.Das dritte individuelle Alleinstellungsmerkmal der akribischen Nacherzählung der Reiseerlebnisse mit exakten Verköstigungsangaben der gastfreundlichen, doch auch spartanischen Athos-Küchen sind die 100 ausgewählten eigenen Fotos. Darauf sind relativ viele Personen abgelichtet. Somit vermitteln sie einen atmosphärischen Eindruck vom echten Mönchsalltag. Üblicherweise lassen sich die Mönche aufgrund des orthodoxen Abbild-Verständnisses nicht ohne Weiteres fotografieren. Mader hat aber offensichtlich immer wieder das Zutrauen seiner Gastgeber erworben, die ihm Aufnahmen und somit Einblicke erlaubten.Die Neuerscheinung im österreichischen Weishaupt-Verlag ist mit den Reiseabenteuerschilderungen nicht in die Menge der spirituellen Ratgeber einzuordnen, wenn auch die meisten der Klosterlegenden und die beeindruckenden Besuche der Gebetszeiten angeführt werden. Meine Empfehlung für das ausführliche Werk über das Reisen am Athos resultiert aus den umfangreichen Routenbeschreibungen für eine grundlegende informative und planerische Vorarbeit, die neugierig gewordenen Besuchern mehr als eine oberflächlich kurze Einführung bieten kann. Der „Athos“ von Bernd Mader über den Heiligen Berg ist auf jeden Fall ein unterhaltsames Lesevergnügen für Athos-Fans. Wer die Ausdauer aufbringt, die fast 450 Seiten bis zum Ende durchzulesen, der kann ein Lied von den Touren vom Wandern mit Freunden auf dem griechischen Mönchsberg singen.