Welt in Aufruhr: Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert | «Tiefschürfend und überzeugend.» Süddeutsche Zeitung
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EAN 9783737101608

Welt in Aufruhr: Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert | «Tiefschürfend und überzeugend.» Süddeutsche Zeitung

Hersteller: Rowohlt  ·  MPN: 6294343
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Produktfakten auf einen Blick

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Produktbeschreibung

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Bewertungen & Erfahrungen

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Verteilung basiert auf 3 vorliegenden Einzelbewertungen.

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Redaktion 25.05.2026 testmonster.de · Redaktion
Gut!
servicio 27.11.2024 amazon.de
Die Lektüre des Buches war eine Achterbahnfahrt der Begeisterung und der Ablehnung.In den einzelnen Kapiteln werden Bausteine vorgestellt, die zur Theorie der Big 5 am Ende führen. Die Argumentation ist nicht zwingend im logischen Sinne, sondern aufgrund der gewählten und interpretierten Modelle plausibel.Münkler stellt im Laufe der Argumentation eine Reihe von Modellen zur Weltordnung vor, Ernst Kapp, Carl Schmitt, Thukydides, Machiavelli, Clausewitz, sehr gut gemacht auch die Darstellung zum Leviathan-Mythos, Organisations-Modell der Vereinten Nationen zusammen mit der Herr-Hüter-Dichotomie etc. Modelle werden – der Ideengeschichtler lässt grüßen – durch ihre jeweilige Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft beleuchtet. Während der gut 400 Seiten bis zum letzten Kapitel werden immer wieder die Bezüge zum Thema des Buches erwähnt, damit der Leser weiß, wofür die Exkurse dienen. Denn der Untertitel lautet immerhin „Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert“.In der Tat – das absolut lesenswerte Buch ist eine Ansammlung von Exkursen vor der Erlösung, dem 6. Kapitel. Der Ideengeschichtler kann keinen Begriff anwenden, ohne ihm seine Geschichte mit auf den Weg zu geben. Adipöse Begriffe möchte ich das nennen. Aufgrund dieser adipösen Begriffe entsteht ein dickes Buch der Ideengeschichte, das ich mit Begeisterung gelesen habe.Bedenklich allerdings(1) Begriffe haben auch eine Existenz und Existenzberechtigung ohne historischen Rucksack. In der Sprachwissenschaft wird ein diachronischer von einem synchronischen Ansatz unterschieden. Diachronische Sprachwissenschaft durchläuft die Geschichte, synchronische Sprachwissenschaft konzentriert sich auf die Gegenwart und beschreibt Sprache ohne Berücksichtigung eines Zeitaspekts als Schnitt durch eine jeweils frei gewählte Gegenwart. Die Betrachtung des Sprachzustandes des Deutschen von „heute“, wobei dies kein Tages- oder Jahresbegriff ist, ist genauso synchronisch wie die Betrachtung des Sprachzustandes des Französischen am Hofe Louis XIV. Diachronisch wäre die Betrachtung der Sprachentwicklung von der Zeit Louis XIV bis Napoleon bspw. – Münkler hätte seine Modelle nicht unbedingt in der vorliegenden Tiefe historisch mästen müssen. (Ergänzung 10. 7. 2024: "Synchronie" vs. "Diachronie" kennt die Politologie und Münkler auch - cf. "Politische Theorie und Ideengeschichte", S. 16 ff. Man lernt nie aus.)(2) Geschichte vollzieht sich nicht in einer Abfolge von Modellen oder in der Ausdifferenzierung von Modellen, sondern Modelle sind Heuristiken, um Entwicklungen zu verstehen, die durch handelnde Menschen angestoßen werden. Es tauchen Namen wie Putin oder Truman auf, es ist von Akteuren die Rede, aber das Buch belässt diese seelenlos. Auf S. 356 eine Textstelle: „Das führt zu der Frage, welchen Einfluss Thukydides einzelnen Personen auf den Gang der Ereignisse beigemessen hat.“ Die Frage bleibt unbeantwortet; Münkler stellt sie in seinem Text m. E. überhaupt nicht. Geschichtliche Ereignisse als menschengemacht anzusehen ist dem modellverhafteten Vorgehen dieses Buches absolut fremd.Anorektisch wird das Buch dann allerdings im 6. Kapitel. Die künftige Weltordnung stellt wiederum ein Modell dar, die sog. Pentarchie, bestehen aus 5 Akteure. Zwei Repräsentanten der autokratischen Welt, Russland und China vs. zwei Repräsentanten der liberalen Welt, EU und USA. Zünglein an der Waage fürs Gleichgewicht ist Indien, wobei das Modell aus ebenfalls aus der Historie hergeleitet wird und spieltheoretisch begründet ist. Die Wahl der Akteure ist hinsichtlich der Big 4 wohl augenfällig, im Hinblick auf Indien liegt m. E. eine deutliche Überschätzung vor. Aber die Akteure sind lt. Münkler nicht in Stein gemeißelt.Die Anorexie des 6. Kapitels wird m. E. deutlich, wenn man an die wirtschaftliche Macht Japans der 1970er und 1980er Jahre denkt. Ein vergleichsweise kleines Land hat mit Autos und Unterhaltungselektronik Europa und USA aufgemischt. Die deutsche Betriebswirtschaftslehre rezipierte produktionswirtschaftliche Theorien aus Fernost, die mit der japanischen Begrifflichkeit in Lehrbücher eingingen.Anorektisch wirkt das Buch auch aufgrund der Rezeptionsbedingungen. Das zeitliche Umfeld sind die EU-Wahlen 2024. Ein Macron, der sich im ersten Halbjahr 2024 zum Führer der EU aufschwingen wollte, um militärische Härte gegen Russland zu zeigen, verliert nach der EU-Wahl die Nerven und löst das Parlament in Frankreich auf. Wir stehen vor der zweiten Runde der Wahlen in Frankreich mit wohl einer Schwergewichtsverlagerung der EU zu einer moderateren Haltung ggü. Russland, auch aufgrund der EU-Präsidentschaft von Orban. Wenige Tage zuvor hat Biden ein Fernsehduell mit Trump vergeigt. Und Trump hat am 1. Juli 2024 vom Supreme Court of the United States bescheinigt bekommen, dass ein Präsident der Vereinigten Staaten weitgehende Immunität besitzt, wobei durch den Rückverweis auf Instanzengerichte inhaltliche Präzisierungen abzuwarten bleiben und somit das Ausmaß des Rückfalls in den Absolutismus noch zu definieren ist.Das Verhalten der 4 genannten Personen könnte passender mit Kahnemann, Verhaltensökonomie beschrieben werden. Möglicherweise hätte dieser Analyseansatz auch eher eine prognostische Qualität mit besseren Möglichkeiten, Reaktionsalternativen zu entwickeln. Der ideengeschichtliche Ansatz von Münkler würde m. E. vom sychronischen Schnitt des Jahres 2025, also 12 Monate nach EU-Wahlen und Trump-Triumpf beim Supreme Court, die diachronische Achse um 1 Jahr verlängern und sich daran ergötzen, wie sich das Schwergewicht der Akteure in der Pentarchie verlagert hat.Nach dem 6. Kapitel bleibt ein dünnes Buch übrig, vielleicht nur aufgrund der geschilderten Rezeptionsbedingungen.
I. Bauermeister 27.11.2024 amazon.de
Morten Freidel, ein Journalist der F.A.Z., schrieb im November 2023 einen Artikel über die weltweite Zunahme kriegerischer Auseinandersetzungen. Er wies auf Experten hin, die die These vertraten, alle diese Auseinandersetzungen könnten miteinander zusammenhängen und seien als Folge einer angestrebten Neuordnung der bisher bestehenden, geopolitischen Machtzentren zu verstehen. Dermaßen auf den Punkt gebracht, war die Aussage ein Augenöffner.Das Gleiche gilt für H. Münklers Buch. Sein Buch befasst sich vertieft mit der gleichen Thematik. H. Münkler ist ein bekannter deutscher Politikwissenschaftler, der als Professor am Institut für Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin tätig war. Er teilt die Expertenansicht, auf die Morten Freidel hinwies.Münkler fokussiert in seinem Buch auf die politische und geostrategische Situation der Welt im 21. Jahrhundert. Er beschreibt als Ausgangspunkt der heutigen Verhältnisse eine bipolare Staatenordnung, die als Folge des 2. Weltkriegs aus der Ost-West-Konfrontation hervorging und aus den USA und der Sowjetunion bestand. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vermutete Francis Fukuyama in seinem Buch sogar ein "Ende der Geschichte", da sich die konfrontativen Blöcke aufgelöst zu haben schienen und ein Sieg des Liberalismus angenommen wurde. Diese Ansicht stellte sich als Irrtum heraus, denn für die ehemalige Sowjetunion stellte der Zerfall der Sowjetunion „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ dar, die in revanchistischem Handeln mündete.Nach Münklers Ansicht kristallisiert sich nun eine multipolare Neuordnung heraus, die aus den Vereinigten Staaten, der Europäischen Union, Russland, Indien und China bestehen dürfte, d.h. Staaten, die um eine Vormachtstellung kämpfen. Was charakterisiert diese Staaten aus seiner Sicht? Die Vereinigten Staaten scheinen zwar an weltweiter Bedeutung zu verlieren, da sie ihre Interessen nicht mehr überall militärisch durchsetzen können bzw. wollen. Wirtschaftlich sind sie aber weiterhin von größter Bedeutung. Die Europäische Union stellt eine bedeutende regelorientierte Wirtschaftsmacht dar, ist aber für sich allein betrachtet militärisch zweitrangig. Russland möchte an seine imperiale Vergangenheit anknüpfen und ist Atommacht. Das verleiht Russland erhebliche Bedeutung. Indien und China sind ebenfalls Atommächte, deren wirtschaftlicher Bedeutung rapide zunimmt. Dadurch gewinnen beide Staaten verstärkt an Macht.Neben diesen bedeutenden Machtzentren gibt es für Münkler einen nachgeordneten Kreis weiterer Staaten, die sich je nach ihren Eigeninteressen mal der einen, mal der anderen Großmacht zuneigen oder sogar danach streben, in den Kreis dieser Großmächte aufzusteigen. Als Konsequenz dieses Vormachtkampfes dürften aggressiv geführte Auseinandersetzungen auf längere Sicht bestehen bleiben und könnten sogar in einen Zustand größerer Aggressivität münden. Solche Einschätzungen sind aber nach Münkler immer mit Unsicherheiten behaftet, da die politischen Ereignisse von vielen Faktoren abhängig sind. Daher verbieten sich verlässliche Voraussagen.Im Zusammenhang mit seinen Vorstellungen beschreibt Münkler auch historische Staatenbünde und deren kriegerische Auseinandersetzungen. Dabei geht er insbesondere auf Thukydides, Machiavelli und v. Clausewitz ein, deren militärstrategische Schlüsse noch heute von Bedeutung seien. Dennoch stehen ihren Schlussfolgerungen und aufgestellten Regeln ebenso viele Ausnahmen gegenüber, so dass der Wert ihrer Aussagen im Zusammenhang mit dem Thema diesen Buches überbewertet sein dürfte. Dennoch ein außerordentlich lesenswertes Buch, da es einen überzeugenden, geostrategisch-politischen Erklärungsversuch des heutigen weltweiten Geschehens darstellt und dadurch zum Verständnis der sich derzeit abzeichnenden Staatenordnung beiträgt.
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