Unser Blick geht in die Provence, nach Isle-sur-la Sorgue, zu René Char (1907-1988) und zu seinem Übersetzer Peter Handke. Wer jetzt mit dem Namen René Char - immerhin zählt er zu den großen Gestalten der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts - nichts oder wenig anfangen kann, dem empfehle ich, die Lektüre dieses Buches mit dem Beitrag von Manfred Bauschulte (S. 210ff.) zu beginnen. Er skizziert hier auf wenigen Seiten die Rezeption René Chars in Deutschland. Bauschulte, der ein Buch über René Char veröffentlicht hat („Poet und Partisan“. 2017), beginnt mit der ersten Char-Übersetzung von Handke „Im Rückkehr stromauf“ (1984), in dem Handke sich mit dem Spätwerk von René Char beschäftigt, er endet mit Handkes Übersetzung von Chars Werk „Nachbarschaften Van Goghs“. Es geht darin um die „Vernichtung und Zerstörung“, die Char „überall in der Welt am Werk sieht.“ (S. 218). Mit dieser Übersetzung Handkes (deutsch-französisch) beginnt, nach dem Vorwort von Katharina Pektor („Das sind keine dunklen Gedicht“, S. 7) das Buch. Es sind zum Teil Prosagedichte, eine Gattung, die angeblich von Charles Baudelaire ‚erfunden‘ wurde. Dazu wäre viel zu sagen. Mich erinnern sie zum Teil an die Texte, die der französische Dichter Saint-Pol-Roux (1861- 1940) in seinem Werk „Die Stationen der Prozession“ (Band 1, Deutsch 1992) geschrieben hat. Wie diese Übersetzung Handkes entstanden ist, erfahren wir in dem zweiten Beitrag von Katharina Pektor (S. 181- 183). Dieses Buch hat noch mehr zu bieten. Wir finden darin „ein paar Karten und Briefe (1983-1987)“, die Char und Handke gewechselt haben (zum Teil im Faksimile), einige Notizen, Essays, Reden und Interviews von Handke. Über René Char sagt Handke sagt da u. a.: „Zum Beispiel René Char zu übersetzen, das ist schon ein reines Vergnügen, weil da jedes Wort seinen Platz hat, weil da überhaupt nichts Rhetorisches drin ist.“ (S. 102). Handke hat Char auch in der Provence besucht. Zu nennen ist außer den schon genannten Beiträgen von Katharina Pektor und Manfred Bauschulte noch ein Beitrag von Elisabeth Schwagerle über Handkes Übersetzungen aus dem Französischen. Im Nachwort von Michael Krüger schreibt dieser u. a. über die Bemühungen, René Char persönlich einzuladen, den Petrarca-Preis entgegen zu nehmen (ohne Erfolg). Über Handke schreibt er: „Es war großartig mitzuerleben, wie Peter Handke bei unserem Petrarca-Treffen seine Übersetzungen vorstellte.“ (S. 252) Mit den abschließenden Anmerkungen und weiteren Ergänzungen haben wir hier ein Buch, das man als ‚gelungen‘ bezeichnen kann. Einige Übersetzungen, weitere Texte und Fotos werden hier erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Abschließend greife ich das auf, was Katharina Pektor in ihrem Vorwort schreibt: „Lyrik ist heute zu einem unbeliebten Genre geworden, sie passt so schlecht in die schnelle Zeit. Warum sollte man sich die Mühe antun, sie zu lesen.“ Dieses Buch kann man als Aufforderung verstehen, Lyrik zu lesen, „Innehalten und Innewerden“. So kommt man zu einer „Bekräftigung und Steigerung des Hierseins“. (S. 9)