Dieses Buch lohnt sich. Es ist interessant, es heute, nach vergangenen Kämpfen der Theoretiker und einer Spaltung der bundesdeutschen Therapieszene, neu zu sichten. Nach-Hellinger ist noch nicht, denn Hellinger arbeitet weiterhin höchst erfolgreich und mit einer für einen 87jährigen phänomenalen Klarheit und Präsenz. Dieses Buch dokumentiert einen Teil der Abspaltungsbewegung, gibt aber auch Hinweise, wie sie vielleicht wieder zu neuen Synthesen finden kann.Wie schon die Vor-Rezensenten festgestellt haben, gab es v.a. in den Jahren um 2005 heftige gegenseitige Kritik zwischen den "Ur-Systemikern" ("Konstruktivisten"), als deren Vorredner sich Fritz Simon positionierte, und den "neuen" Systemikern ("Phänomenologen"), die sich bei der Entwicklung der von Bert Hellinger entdeckten familiensystemischen Grundprinzipien ebenfalls mit dem Begriff "systemisch" bezeichneten, federführend damals Gunthard Weber, der die Hellingersche Methode mit "Ordnungen der Liebe" und "Zweierlei Glück" publik gemacht hat. Auch um Sigmund Freud gab es heftigste Kontroversen, auch Wilhelm Reich war umstritten.Ich beziehe mich nur auf eine Aufstellung, die im Buch dokumentiert ist: die Aufstellung von Gunther Schmidt, der das Anliegen eines Klienten, etwas "zu verstehen",aufgreift, und mit der (aus meiner Sicht typischen typischen Mischung konstruktivistischer) Therapeuten, zwischen "Vorschlägen" und "Anweisungen" hin und her zu hüpfen, und sich dabei in heilloser Führungslosigkeit wiederzufinden, die dem Klienten ganz offensichtlich fast nichts bringt.Das Thema: Der Klient soll Kindesunterhalt an seine Exfrau zahlen, obgleich er der Meinung ist, umgekehrt s i e habe ihm etwas zu zahlen. Dem Sohn gehe es doch finanziell prächtig... da habe er, der Klient, "Verständnisschwierigkeiten." Soweit der "Auftrag".Ein Therapeut soll ja wertfrei nur auf der Beziehungsebene arbeiten. Soweit so gut. Dass es dem Therapeuten aber von Anfang an nicht auffällt, welche Beziehungsknoten vorliegen. dass der Klient seine Exfrau mit kindlichem Trotz und Ablehnung bedenkt; dass es dem Therapeuten nicht auffällt, dass der "Sohn" in der nun folgenden "konstruktivistischen Aufstellung", die mehr zu einem spontanen Dialogtheater mutiert, in einer ins Auge springenden Überheblichkeit vom Vater Verhaltensänderungen einfordert, macht nachdenklich. Sollte der Therapeut etwa einen "blinden Fleck" in Sachen Vater-Sohn-Beziehung haben? Von der Möglichkeit, die Grundprinzipien "Zugehörigkeit", Bindungsgesetze, Rangordnungen überhaupt nur ansatzweise einzubeziehen, macht er Null Gebrauch. Offenbar kein Zufall, denn wenn schon der Therapeut Vaterprobleme hat, wird er sie beim Klienten ebensowenig erkennen.Solch eine Aufstellung dürfte für einen Anfänger in Sachen Aufstellung noch durchgehen. Die vorsichtigen Anmerkungen von Gunthard Weber verdeutlichen dessenWunsch, niemandem auf die Zehen zu treten, auch dann nicht, wenn mit solchen (fehl-)auftragsgesteuerten und wirkungslosen Aufstellungen der Akzeptanz der Aufstellungsmethode kein Gefallen getan wird. Immerhin, es ist gutes Anschauungsmaterial für den großen Unterschied zwischen klarer Arbeit f ü r den Klienten, die keine Angst vor der Thematisierung von Rangordnungen, Bindungs- und Zugehörigkeitsgesetzen hat.Gerne sei anerkannt, dass die sich schon seit den 70er Jahren als "systemisch" bezeichnenden Systemiker, die sich einem konstruktivistischen Weltbild verschrieben haben, laut dem niemand wissen kann, was wirklich und was unwirklich ist, diesen Begriff zuerst benutzt haben. Mögen sie ihn weiter benutzen. Die Frage ist doch, ob die auf ihren Prämissen fußenden Therapien optimal wirksam sind. Und an dieser Stelle zählt, was wirklich wirkt.