Klopotek liefert mit seinem Buch Zeugnisse einer „verdrängten Strömung“ (S. 9), deren Geschichte und Theorie er gekonnt nachzeichnet.Klopotek schreibt in der „Vorerinnerung“ etwas lax: „Rätekommunismus ist Marxismus ohne Partei und ohne ZK“ (S. 7 - etwas umfangreicher sind die Unterschiede schon), führt aber ebenso an: „Der Rätekommunismus fasziniert bis heute und zieht immer wieder junge Linke an, die von ihren Gruppen und Grüppchen und den dort vorherrschenden Intrigen, Hierarchien und Verknöcherungen loskommen und das Prinzip der Emanzipation in der Selbsttätigkeit der arbeitenden Massen selbst entdecken wollen.“ (S. 7)Der Rätekommunismus ist entstanden in einer Epoche von Kämpfen am Ende der 1910er und am Anfang der 1920er Jahre: die Massenstreikdebatte in Deutschland und die ersten Massenstreiks („die Wurzeln“ des Rätekommunismus), die Erfahrung des 1. Weltkrieges und der Widerstand gegen den Krieg und die präfaschistische Konterrevolution 1918/19 - 1920, die Erfahrung der russischen Revolution (1917), der deutschen (nicht nur November-) Revolution 1918-1923 und insgesamt der revolutionären Welle am Ende des 1. Weltkrieges in Ländern wie Deutschland, Italien, Österreich oder Rußland (siehe hierzu das Buch „Zeiten des Aufruhrs (1916–1921): Globale Proteste, Streiks und Revolutionen gegen den Ersten Weltkrieg und seine Auswirkungen“) bilden den Hintergrund für die Entwicklung dieser „verdrängten Strömung“.Die Erfahrungen der russischen Revolution von 1905 sind wichtig und prägend: „Die Arbeiterinnen und Arbeiter schaffen sich in dieser Bewegung eigene von Partei und Gewerkschaften unabhängige politische Organe, die über die bürgerliche Demokratie hinausweisen: die Arbeiterräte. In ihnen fallen die Überwindung kapitalistischer Ausbeutung und die Ablehnung bürgerlich-parlamentarischer Politik zusammen. Die sich in der Trennung von Partei und Gewerkschaft widerspiegelnde Arbeitsteilung von politischer Einflussnahme und ökonomischem Kampf ist faktisch aufgehoben.“ (S. 22) In den 1920ern waren die „Allgemeinen Arbeiterunionen“ (AAU) ein Versuch eine solche Einheitsorganisation zu schaffen. Diese eigenständige Organisierung und die eigenständige Tätigkeit von ArbeiterInnen, wie sie sich z.B. in wilden Streiks oder Arbeiterräten äußert, macht Parteien und Gewerkschaften überflüssig, weswegen eben diese den Rätekommunismus und seine Theorie und Praxis ablehnen.Ausgangspunkt des Rätekommunismus ist nicht eine Ideologie oder eine Theorie, welche die Welt oder eine Bewegung modeln oder regeln will. Im Gegenteil: die RätekommunistInnen gingen von den Erfahrungen, von den real ablaufenden Klassenkämpfen ihrer Zeit, der autonomen, d.h. selbstständigen und selbsttätigen Aktion der ArbeiterInnen aus.Schon sehr früh kritisierten die RätekommunistInnen die autoritären und arbeiterfeindlichen Charakter der Bolschewiki und sie verteidigten die Rebellion von Kronstadt 1921 z.B. als „proletarischen Ausläufer der russischen Revolution“ (Cajo Brendel).Klopotek bezeichnet die Widersprüche des Kapitalismus als mögliche „Bruchstellen“ und sieht hierin Möglichkeiten für das „Entstehen einer potentiell revolutionären Bewegung“ und weist auf den „konterrevolutionären Charakter der Arbeiterparteien und Gewerkschaften“ als „Dreh- und Angelpunkt rätekommunistischer Theorie“ hin: „Sie wird zur Theorie der Widerstände, die die Proletarier*innen im Prozess ihrer Selbstbefreiung überwinden müssen und als deren Konsequenz allein ‚die Räte‘, die Selbstorganisation, positiv bestehen können.“ (S. 16)Da Klopoteks Buch sich mit der Geschichte des Rätekommunismus, seiner Entstehung, Entwicklung, seinen Gedanken und seinen Protagonisten beschäftigt, also dem historischen Rätekommunismus, kommen leider der gegenwärtige Rätekommunismus bzw. rätekommunistische Ansätze, Gruppen und Projekte heutiger Tage zu kurz. Auch ein Maximilien Rubel wird nur einmal auf S. 197 am Rande erwähnt. Hier wären u.a. tiefergehende Verweise auf das französische Netzwerk „Echanges et mouvement“ und Henri Simon sinnvoll gewesen. Am Ende des 2. Weltkrieges orientierten sich in Frankreich viele Gruppen wie z.B. die Groupe Revolutionnaire Proletarienne (GRP) um Maximilien Rubel, Pierre Lanneret, Clara und Paul Thalmann und Roger Bossiere sowie die Revolutionären Kommunisten Deutschlands (RKD) um Karl Fischer und Georg Scheuer an rätekommunistischen Ideen und Analysen. In den 1970er Jahren gab es in Frankreich eine rege rätekommunistische „Szene“. Auch Oskar Kanehl ist erwähnenswert, da er die kulturelle Seite des Rätekommunismus verkörpert (siehe zu Oskar Kanehl das sehr interessante Buch von Wolfgang Haug, „Oskar Kanehl, ‚Kein Mensch hat das Recht, für Ruhe und Ordnung zu sorgen‘“).Klopotek zeichnet Gedanken und Debatten nach, stellt wichtige Zeitungen („Internationale Rätekorrespondenz“) und Bücher (u.a. „Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung“), die holländische „Gruppe Internationaler Kommunisten“ (GIK), die „Anti-Partei“ KAPD („Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands“), die „Roten Kämpfer“ und Protagonisten des Rätekommunismus wie Jan Appel, Cajo Brendel („Die Revolution ist keine Parteisache!“), Henk Canne Meijer („Die Arbeiterrätebewegung in Deutschland 1918-1933“), Willy Huhn („Auf der Suche nach Rosas Erbe“, „Der Etatismus der Sozialdemokratie“ und „Trotzki - der gescheiterte Stalin“), Franz Jung („Der Weg nach unten“), Paul Mattick („Spontaneität und Organisation.“), Anton Pannekoek („Arbeiterräte“), Henriette Roland-Holst, Otto Rühle, Karl Schröder oder Helmut Wagner („Thesen über den Bolschewismus“), Alfred Weiland und viele(s) andere vor.Es gelingt Klopotek Zusammenhänge, Entstehungsgeschichte und -bedingungen des Rätekommunismus anschaulich, strukturiert und verständlich zu schildern. Dabei ist hervorzuheben, daß Klopotek viel aus Originalquellen zitiert, was möglich macht die Positionen des Rätekommunismus im Original zu lesen.Die Unterschiede zum Partei“kommunismus“, seiner Verewigung der Lohnarbeit, seinem „Arbeiterstaat“, seiner Bevormundung, Gängelung, Vereinnahmung, Kanalisierung und Neutralisierung sozialer Bewegungen und Kämpfe werden deutlich. Die Orientierung auf die Selbstorganisation, die Selbsttätigkeit der (kämpfenden) ArbeiterInnen stand immer im Mittelpunkt rätekommunistischer Theorie und Praxis. Der Rätekommunismus stellte eine Alternative zu „K“P, Sowjetunion und Marxismus-Leninismus dar. Die soziale Revolution versteht der Rätekommunismus als „Prozess“. „Jede schlagartige Eroberung der Staatsmacht, um den Sozialismus von oben zu dekretieren, war ihm ebenso fremd, wie das Warten auf einen historisch vermeintlich optimalen Zeitpunkt des Aufstandes.“ (S. 124) Den Bolschewiki hingegen ging es um die Eroberung des Staates, den sie als „Arbeiterstaat“ übernahmen. Sie blieben bei der politischen Revolution, die es bei der Auswechslung der Köpfe, der Führer beließ. Der alte Zar mußte gehen, neue „rote“ Zaren wie Lenin, Trotzki und Stalin kamen. Die ArbeiterInnen blieben ArbeiterInnen, Teile der Bolschewiki wurden Teil der neuen herrschenden Klasse. Der Kommunismus hingegen, das ist die klassen- und staatenlose Gesellschaft, wozu es einer sozialen Revolution bedarf.„Mit der Überakkumulation des Kapitals ist die geschichtlich objektive Grenze der reinen Gewerkschaftsbewegung erreicht. In der Endphase der bürgerlichen Gesellschaft kann durch keine Organisation irgendetwas an der Tatsache geändert werden, dass die Verelendung der notwendige Endpunkt der kapitalistischen Entwicklung ist. Auf Basis der kapitalistischen Produktionsweise kann das Proletariat nur verelenden. Alle Organisationen, die nur innerhalb des kapitalistischen Systems für die ‚Interessen‘ der Arbeiter eintraten, müssen zu Grunde gehen. “ (S. 129) Soviel zum Niedergang der Sozialdemokratie in Form von Partei und Gewerkschaft.In seinem Beitrag „Karl Kautsky: Von Marx zu Hitler“ (1939) beschrieb Paul Mattick die Integration der alten (sozialdemokratischen) ArbeiterInnenbewegung und der ArbeiterInnenklasse: Die Arbeiter „lernten in Begriffen der bürgerlichen Demokratie zu denken; sie fingen an, von sich selbst als Konsumenten zu sprechen; sie wollten an den Errungenschaften von Kultur und Zivilisation teilnehmen. (...) Statt das Ende der kapitalistischen Wissenschaft zu fordern, verlangte man nach Wissenschaftlern aus der Arbeiterklasse; statt das kapitalistische Recht abzuschaffen, wünschte man die Ausbildung von Juristen aus der Arbeiterklasse (...)“ (S. 144).Nicht nur im Zweiten Weltkrieg lehnte es der Rätekommunismus ab, mit dem „‘kleinen Übel‘ gegen das große zu paktieren, also mit den Bürgerlichen gegen den Faschismus, mit den Sozialdemokraten gegen die Mächte des Ancien Regime, mit den Faschisten gegen ‚Versailles‘, mit Stalin gegen den Imperialismus“ (S. 148) zu kämpfen. RätekommunistInnen hielten an internationalistischen, an kommunistischen Positionen fest und ordneten diese nicht „antifaschistischen“ unter, welche auf die Kollaboration mit dem Kapital und der Integration in den Staat, die Unterstützung des imperialistischen Krieges hinauslief. Im Spanischen Bürgerkrieg stellten die AnarchosyndikalistInnen der CNT die soziale Revolution zurück: erst müsse der Krieg gegen den Faschismus gewonnen werden, was auf die Unterstützung des demokratisch-antifaschistischen Staates („die Republik“) und der demokratisch-antifaschistischen Fraktion des Kapitals hinauslief ... und dieses Kapitel endete in der Niederlage (Bücher wie Mario Frisetti, „Die Eiserne Kolonne“ verdeutlichen dies). Der Rätekommunismus hielt an der Perspektive der sozialen Revolution, der klassen- und staatenlosen Gesellschaft fest - im Gegensatz zu den Unterstützern der „nationalen Befreiung“, des „antifaschistischen Krieges“, etc..Die Erfahrung der Bevormundung durch die Alliierten 1945ff. in Ost und West ließ die RätekommunistInnen begreifen, daß dies keine „Befreiung“ war, sondern daß die „totalitär-terroristische Drohung gegen alle selbständigen Organisierungsversuche der Arbeiter“ (S. 204) real und allgegenwärtig war (hierfür als Beispiele lassen sich u.a. die Verbote selbständiger Organisierung von ArbeiterInnen, die Inhaftierung oder Entführung von linken Kommunisten wie Alfred Weiland oder Karl Fischer anführen - auch der Trotzkist Oskar Hippe weiß hiervon in seinem Buch „Und unsere Fahn‘ ist rot“ zu berichten).Klopotek weist auf die Wichtigkeit der Beiträge von Karl Korsch und Heinz Langerhans hin (hier sei u.a. auf die sehr lesenswerte Broschüre mit Texten von Heinz Langerhans, „Staatssubjekt Kapital. Texte zur Diskussion um Faschismus, Krieg und Krise“ verwiesen), die nach der Hochzeit des Rätekommunismus erst in den 1930er und 1940er Jahren Kontakt zu rätekommunistischen Gruppen hatten.Klopotek verweist in seinem Vorwort auf drei weitere Bücher, die gut als Ergänzung zu seinem gelesen werden können: Charles Reeve, „Der wilde Sozialismus. Selbstorganisation und direkte Demokratie in den Kämpfen von 1789 bis heute“, Philippe Bourrinet, „Neither Lenin nor Trotsky nor Stalin! All workers must think for themselves!“ und „Internationale Rätekorrespondenz 1934-1937“.Da die Welt keine bessere geworden ist (und es auch nicht von alleine werden wird), ist die Suche nach Alternativen legitim und durchaus notwendig.Der Rätekommunismus gehört zu den vergessenen, verschütteten, ja vergessen gemachten Traditionen der ArbeiterInnenbewegung (von der offiziellen Geschichtsschreibung wie derjenigen von Parteien und Gewerkschaften ignoriert). Klopotek ist es gelungen mit seinem Buch „Rätekommunismus. Geschichte - Theorie“ im Rahmen der Reihe theorie.org des Schmetterling Verlags einen guten Überblick zu liefern. Anregend, lesens- und empfehlenswert!