Das Buch ist super,für die jenigen, die sich mit französischen Schriftstellern und dem Thema Aids in der Literaturwelt auseinandersetzen wollen. Der Preis ist überragend und die Lieferung war super schnell!
Hervé Guibert erkrankt 1988 an Aids. Er stirbt 1991 bevor die Krankheit das letzte Wort hat. Guibert berichtet schonungslos und mitreißend über seine Erkrankung, über die Stigmata und das immense Spannungsfeld zwischen Hoffnung und Enttäuschung. In den 1980er Jahre, in den frühen Tagen der Epidemie, als man kaum etwas über sie wusste, muss auch der Autor mit der tödlichen Diagnose zurechtkommen. Sein Körper wird vom Virus zerstört, sein soziales Umfeld zersetzt. Dies ist seine Odyssee durch Arztpraxen, in denen auch die Ärzte (noch) nicht viel wissen und Medikamente verschreiben, die kaum erprobt sind eine dementsprechende Wirkung hatten. Hervé Guibert muss sein eigener Wissenschaftler werden und sich an Aussagen seines Freundes Bill klammern, denn der ist Vertreter der US-amerikanischen Pharmaindustrie und verspricht mögliche Heilung durch einen neuen Impfstoff.An vielen Stellen gleicht das Buch einer Zerreißprobe. Guibert beschreibt mit einer fast schmerzhaften Ehrlichkeit sein Leben zwischen radikalen medizinischen Eingriffen und körperlichem Verfall. Der Gewichtsverlust, die schwindende Potenz, der Wahn im Angesicht des eigenen Todes. Dabei weiß er genau was auf ihn zukommen wird, denn sein guter Freund Muzil, der sich im Laufe der Veröffentlichung schnell als der Philosoph Michel Foucault herausstellte, erliegt ebenfalls Aids und der Autor ist unentwegt an seiner Seite. Es ist beinahe radikal zu nennen, wenn man sich überlegt, dass „Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“ eine Quelle aus erster Hand ist, vielleicht die erste Quelle zu diesem Thema und der Autor damit das Thema Aids aus dem Nebel greifbar in den Alltag holt. Kein Bericht über irgendjemanden, den man selbst nicht kennt oder eine Sammlung von Aussagen die eine fremde ungenannte Person getätigt hat. Hier wird gesagt „Ich habe Aids und das sind die (physischen, psychischen und sozialen) Folgen davon“. Nicht immer ist klar, wann Guibert über Autobiographisches hinaus gegangen ist. An einer Stelle spricht er davon, dass Thomas Bernhardt ihn mit der Krankheit infiziert habe, mal verliert er sich etwas in Beschreibungen von Zusammenkünften mit Freunden, die den Lesefluss ein wenig ausgebremst haben. Grundsätzlich hat Hervé Guiberts Sprache aber eine enorme Sogkraft. Hier findet man Sätze, die teilweise eine halbe Seite lang sind, aber in keiner Weise schwer oder vertrackt wirken, sondern vielmehr richtig auf’s Gaspedal drücken, so dass die Augen nur so über die Seite fliegen. Das war wunderbar zu lesen. An dieser Stelle muss man wohl auch dem Übersetzer Hinrich-Schmidt-Henkel loben, auch wenn ich das Original nicht gelesen habe. Es ist ein gnadenloser Wettlauf zwischen Hoffnung und einer immer weiter sinkenden Anzahl an T-Zellen.Ein Buch, dass vor 30 Jahren einen Skandal ausgelöst hat, heute aber aktuell ist wie nie, denn es geht um Stigmatisierung, Ausgrenzung und Unsicherheit. Es geht um Zusammenhalt und um die Fokussierung auf ein gemeinsames Problem. Vor allem geht es aber darum, was die Infektion mit einem tödlichen Virus mit einem selbst und der Beziehung zu Freunden, Familie, etc. macht. Und um Macht, Liebe, Hoffnung, Verrat. Vielleicht hat erst Knausgard wieder so ehrlich und radikal sich selbst entblößt, dieses Buch jedenfalls hat es verdient gelesen zu werden.