Ein Mann läuft durch eine nordeuropäische Stadt in der letzten Nacht des Jahres – die Stadt ohne Namen, das Jahr unbekannt. Der Mann ist ruhelos, schwermütig. Er fühlt sich heimatlos, einsam, ist auf der Suche nach Zerstreuung. Er entdeckt eine Nebenstraße, meint ein estnisches Straßenschild gelesen zu haben: „Eratänav“-„Privatstraße“. Ein Irrtum, denn er hat vor vielen Jahren Estland verlassen müssen. Er hört aus einem Haus Musik, eine offene Tür lädt ihn ein. Der Mann tritt ein und trifft auf sein Leben. So beginnt der Roman „Die Nacht der Seelen“ des estnischen Schriftstellers Karl Ristikivi, der nun nach mehr als 50 Jahren in der deutschen Übersetzung vorliegt. Der Roman gilt bei vielen Kritikern als das Hauptwerk des estnischen Schriftstellers, der von 1944 bis zu seinem Tod 1977 im schwedischen Exil lebte.Der Autor nimmt den Leser mit in eine surrealistische, kafkaeske Welt, die sich hinter der Tür dieses Hauses für ihn öffnet. Man kennt ihn, ja erwartet ihn. Man führt sogar ein Stück von ihm auf, die beiden Schauspieler sind Esten wie er, Fremde in diesem Haus – wie er. Und dieses Fremdsein wird bleiben, auch wenn das Publikum des Hauses ihn zunächst schätzt.Diese Welt öffnet sich dem Helden, der Namenlose wird das Alter Ego des Autors sein, und dem Leser zunächst schwer. Doch dann werden beide in den Sog der Handlung gezogen. Der Protagonist irrt von Zimmer zu Zimmer und trifft auf die unterschiedlichsten Typen. Ristikivi entwirft ein irres Personenkarussell, das sich um einen Toten dreht, in einem riesigen Haus, in dem eine Hochzeit stattfinden soll. Der Autor kann brillant schildern und beobachten, legt falsche Fährten für den Leser, hält so die Spannung, auch wenn die Lektüre nicht leicht ist. Er gestaltet in verschiedenen Stilen, flechtet Teile eines Einakters ein, zitiert einen fiktiven Leserbrief. In vielen Passagen scheint man in einem surrealen Traum zu sein, unlogisch einzelne Handlungen bis hin zum Höhepunkt des Prozesses, in dem der Protagonist zum Angeklagten wird – seiner Fremdheit wegen. Summasummarum: Ristikivi hat ein Buch über das Fremdsein des Exilanten in einem exzellenten Stil (Dank an den Übersetzer Maximilian Murmann) geschrieben. Das umfangreiche Nachwort von Rein Raud darf nicht übergangen werden.Kein leichtes Buch, für nebenbei. Ein besonderes Buch.